ARTIKELSERIE: MEINE NEUE HEIMAT - WIE DENKEN ZUGEZOGENE ÜBER BAYERN?

"Woanders is auch scheiße" und "Mia san mia"

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Unser Kollege Marcel Görmann genießt die Ausflüge in der Alpenregion.

Rosenheim - Unser Social-Media-Manager und Redakteur Marcel Görmann zog vor fast zehn Jahren von NRW in den Freistaat. Seit fünf Jahren lebt er nun in Rosenheim. Hier berichtet er von seinen Erfahrungen. 

"Mia san mia" oder "san mia ned nur mia?" Wir wollten von "Zuagroasten" wissen, wie sie über Ihre neue Heimat denken. Daraufhin haben uns einige Erfahrungsberichte von Nichtbayern erreicht, die wir im Rahmen der Artikelserie "Bayern - meine neue Heimat" vorstellen möchten.

Heute: Unser Social-Media-Manager Marcel Görmann 

Als ich noch in Münster studierte, waren es die Fastenpredigt und das Singspiel am Nockhernberg, die mich am meisten an der bayerischen Kultur faszinierten. Zwar gibt es auch in Westfalen und erst recht im Rheinland Büttenreden mit politischen Spitzen, aber dass sich hier die versammelte Polit-Prominenz des Freistaats, allen voran der CSU, vor die Bühne setzt und sich die Leviten lesen und veräppeln lässt, fand ich ziemlich lässig und sympathisch. 

Vor fast zehn Jahren zog ich dann der Liebe wegen in den Freistaat und habe seitdem von Norden bis Süden so ziemlich alles gesehen: Zuerst habe ich in Ansbach gewohnt, dann ging's in die Oberpfalz nach Sulzbach-Rosenberg sowie Regensburg und nun seit 2011 Rosenheim. Die nächste Station wäre dann wohl Österreich! Familiär bedingt war ich zudem oft auch im bayerischen Schwaben.

Oberbayern gefällt mir bisher am besten - landschaftlich als auch von den Menschen. Man muss die Bereitschaft zeigen sich integrieren zu wollen, sich öffnen - aber dabei authentisch bleiben. Wenn ich jetzt versuchen würde Bairisch zu reden, wäre das natürlich völlig aufgesetzt und zum Scheitern verurteilt. Selbstverständlich trage ich aber, allein schon aus Respekt, zum Herbstfest eine Lederhose. Ich habe es bei anderen Kollegen aus "Norddeutschland" erlebt, die all das ablockten - letztlich kann man dann hier aber auch nicht glücklich werden , wenn man sich komplett verweigert und einem alles Bayerische fremd bleiben will. 

Den größten Unterschied merke ich noch bei der Mentalität. Die Oberbayern sind sehr stolz - "Leben, wo andere Urlaub machen" und "Mia san mia". Und ganz ehrlich: Ich kann es auch verstehen, genieße ich doch auch die Ausflüge in die Alpen oder an den Chiemsee. Es ist wirklich ein Geschenk in diese schöne Natur fahren zu können. 

Dort wo ich herkomme, aus dem Ruhrgebiet, ist es keineswegs so hässlich wie viele meinen. Auch dort ist es wirklich lebenswert, auch dort gibt es schöne Parks, viele Freizeit- und Kulturangebote sowie nette Menschen. Aber eben auch eine ganz andere Mentalität: "Woanders is' auch scheiße!" Dort schämt man sich nicht für seine Heimat, ganz im Gegenteil, aber für Menschen aus dem Pott sind Bayern oftmals zu eingebildet, zu arrogant, zu selbstverliebt.

Besonders auch im Fußball wird dieser Unterschied noch gepflegt - das Image der Malocherklubs, der Underdogs aus dem Ruhrpott gegen den Rekordmeister FC Bayern. Natürlich bin ich als Dortmunder auch "am Borsigplatz geboren" und halte dem BVB die Treue. Aber ich habe hier im Büro und bei Rosenheimer Freunden erlebt, dass diese Rivalität sehr respektvoll möglich ist. Besonders in den schwarz-gelben Meisterjahren 2011 und 2012 wurden die Leistungen des BVB anerkannt und letztlich tut den Bayern ein starker Konkurrent ja auch gut. Frotzeleien gehören halt dazu. 

Auch hier gilt: Man muss Respekt zeigen und integrationsbereit sein. Und wenn ich schon niemals mit dem FC Bayern sympathisieren werden, leide ich neuerdings wenigstens ab und an mit den Münchner Löwen mit. Ein bisschen Selbstkasteiung sozusagen.

Interessant finde ich aber, dass es sowohl in meiner Heimat als auch in Oberbayern bei den jungen Leuten eine Rückbesinnung auf die Tradition und den heimatlichen Dialekt gibt. Hier tragen die jungen Leute, die Informatik oder BWL studieren und bald ein Auslandssemester planen, auch mal auf Hochzeiten Tracht - dort im Ruhrgebiet ist man stolz auf die Großväter, die unter Tage malocht haben und kennt noch das Steiger-Lied. Dabei arbeiten im "Pott" längst alle oberiridisch und auch im Großraum München braucht man eher gute Englisch- als Bairisch-Kenntnisse im Berufsleben. 

Und dennoch gibt es schon seit vielen Jahren eine Rückbesinnung: In der globalisierten Welt will man seine heimatliche Identität bewahren. Die bewahre ich mir auch, meine Heimat bleibt Dortmund und das Ruhrgebiet. Hier in Rosenheim, in Oberbayern, fühle ich mich aber Zuhause und einfach sehr wohl. 

Lesen Sie auch die anderen Beiträge der Serie:

"Der Schlag ins Gesicht des Neuankömmlings saß"

- "Die Einheimischen haben mich nicht verstanden und ich sie nicht"

- "Wenn man genau hinhört, tragen die Bayern ihr Herz auf der Zunge"

- "Lasst den Bayern ein wenig Zeit, Euch kennen zu lernen"

- Rheinländerin: "Ich komme mir vor wie eine Aussätzige"

- "Man muss sich integrieren, für mich gehört das dazu"

- "Irgendwann begreift auch der Letzte: Die Erde ist keine Scheibe"

- "Positiv überrascht hat mich die Willkommenskultur"

- "Das Geld ist willkommen, der Mensch dazu jedoch nicht"

- "Danke Bayern für diesen schönen Ort"

Quelle: rosenheim24.de

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