Hacker-Angriff: 4800 Minuten nach Gambia

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So sieht ein Computer-Code aus (gestelltes Bild). Immer mehr Kriminelle tummeln sich im Netz und richten hohe Schäden an - so wie jetzt in Rosenheim und Amerang, wo es zu zwei Hacker-Angriffen auf Telefonanlagen kam.

Rosenheim - Erst kamen die Wehen, dann ein gesunder Bub! Es waren aufregende Tage für ein junges Paar aus Rosenheim. Währenddessen braute sich Unheil zusammen:

Während sich die Eltern im Kreißsaal des Romed-Klinikums über den Nachwuchs freuten, tickte im Büro des stolzen Vaters der Gebührenzähler: 4800 Gesprächsminuten nach Gambia kamen dort zusammen, weil professionelle Hacker das Server-Kennwort geknackt und sich in die Telefonanlage eingewählt hatten. Schaden: rund 5000 Euro. Es ist der zweite Hacker-Angriff dieser Art im Raum Rosenheim in wenigen Tagen.

Das Opfer des Angriffs verdient sein Geld mit einer kleinen Zwei-Mann-Firma in der Tourismusbranche. Am 9. Februar setzten bei seiner Frau die Wehen ein - und weil man nicht oft Vater wird im Leben, war er in den folgenden Tagen kaum einmal im Büro, sondern in der Klinik.

Telefoniert wurde vom Büro aus trotzdem fleißig - und das ausschließlich und ununterbrochen nach Westafrika. Los ging es laut Aufzeichnungen der Telekom am 9. Februar. Am 12. Februar wurde die Leitung dann vom Anbieter unterbrochen und für Auslandsgespräche gesperrt - nach einem Verbindungsmarathon von drei Tagen und acht Stunden nach Gambia.

Für die 4800 Minuten sind Kosten von rund 5000 Euro aufgelaufen. Und es könnte noch deutlich mehr sein. Als die Telekom eingriff, wusste der Betroffene ja noch nichts von der Misere. Zwar hatte ihm seine Tante erzählt, es sei belegt gewesen, als sie zum Kind gratulieren wollte. Aber wer befürchtet da schon Schlimmes?

Dann meldete sich die Telekom. "Anfangs dachte ich, man will mir per Hotline einen neuen Vertrag anbieten." Aber schnell wurde klar, dass der Anruf einen ernsteren Hintergrund hat. Es bestehe der Verdacht auf Missbrauch, teilte der Mitarbeiter des Dienstleisters mit, und fragte, ob von dem Anschluss aus bewusst nach Gambia telefoniert worden ist. Als der Kunde dies verneinte, wurde der Anschluss sofort gesperrt und die Rosenheimer Kripo eingeschaltet.

Hier waren wohl Profis am Werk

Die Fahnder gehen davon aus, dass der Angriff das Werk von Profis ist. Nach ersten Ermittlungen wurde der Server des Rosenheimers mit zigtausend Spamwahlversuchen bombardiert. So kamen die Betrüger relativ schnell zum Erfolg: Sie knackten das sechsstellige Passwort. Danach installierten die Hacker eine Fernwartungssoftware und wählten die teure Nummer in Afrika an. Zuvor hatten sie sich den Anschluss in Gambia vermutlich über eine Briefkastenfirma einrichten lassen. Jede Verbindung zu der Abzocknummer auf dem schwarzen Kontinent spült den Gaunern, die sich überall auf der Welt aufhalten können, nun Geld aufs Konto.

Von den Gebühren - über einen Euro pro Minute - kassiert die Telekom nur einen Bruchteil. Den Rest stecken sich die Hacker oder deren Auftraggeber in die Tasche. Deshalb hofft der junge Vater darauf, dass ihm der Konzern nur jene Kosten in Rechnung stellt, die der Telekom tatsächlich entstanden sind - und den "afrikanischen" Anteil an den 4800 Minuten nicht zu den Ganoven nach Gambia durchreicht.

Zu einer vergleichbaren Sabotage durch Telefon-Hacker ist es fast zeitgleich auch in Amerang gekommen. Dort traf es ein Unternehmen mit mehreren Dutzend Mitarbeitern. In Amerang protokollierte die Verbindungsliste unter anderem Anrufe nach Eritrea, Zaire, Guatemala, Moldawien, Lettland, Monaco und Serbien. Schaden: rund 20.000 Euro.

Experten raten unter anderem zu sehr langen Passwörtern mit einem Mix aus Zahlen, Buchstaben und Sonderzeichen, um sich vor Hacker-Angriffen besser schützen zu können. Zudem sollte man dafür sorgen, dass die Anlage stets auf dem aktuellen Stand der Software ist und dass der Server möglichst für Zugriffe von außen gesperrt ist.

Auch der Rosenheimer Unternehmer wird seine Anlage nun mit aufwendigeren Schutzmechanismen aufrüsten - "zumindest auf das Niveau, das in den Kanzleien von Rechtsanwälten und Notaren üblich ist", sagt der junge Vater. Auch das wird ihn wohl eine Stange Geld kosten.

Ludwig Simeth (OVB-Heimatzeitungen)

Quelle: rosenheim24.de

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