"Ich hatte mich bereits selbst aufgegeben"

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Geschäftsführer Hans Mitterer, Landtagsabgeordneter Klaus Stöttner, Geschäftsführerin Astrid Langenegger und Landtagsabgeordnete Christa Stewens (von links) schauten den Auszubildenden bei deren Arbeit über die Schulter.

Rosenheim - Für 70 lernbehinderte Jugendliche ist es die letzte Chance auf ein geregeltes Berufsleben. Sie werden gefördert von der Maßnahme "junge Arbeit".

"Diese Maßnahme war für mich die letzte Chance, in ein geregeltes Berufsleben einzusteigen", betonte Andi. Er ist einer von 70 lernbehinderten Jugendlichen, die derzeit von der "jungen Arbeit" Rosenheim im Rahmen der Maßnahme "Wohnortnahe Reha Ausbildung" begleitet werden. Beeindruckt von dem überdurchschnittlichen Engagement aller Beteiligten zeigten sich die Landtagsabgeordneten Christa Stewens und Klaus Stöttner bei ihrem Besuch in den Räumen der "jungen Arbeit".

Groß war die Freude der Jugendlichen darüber, dass sich namhafte Politiker Zeit für einen Besuch ihrer Ausbildungsräume nehmen. Voller Stolz demonstrierten beispielsweise die angehenden Schreiner in der hauseigenen Werkstatt der "jungen Arbeit" an den Maschinen oder an ihren derzeitigen Arbeitsstücken, was sie bereits gelernt haben.

Hinter jedem einzelnen Namen steht ein Schicksal

Nicht minder stolz zeigten sich dabei Astrid Langenegger und Hans Mitterer. Die beiden Geschäftsführer der "jungen Arbeit" Rosenheim kennen jeden Einzelnen ihrer Schützlinge mit Namen und können sofort deren bisherigen Lebenslauf erzählen. Diese Lebensläufe der Jugendlichen sind nicht nur geprägt von missglückten Ausbildungsversuchen, abgebrochenen Fördermaßnahmen und schlechten Noten. Vielmehr verbirgt sich nahezu hinter jedem einzelnen Namen ein Schicksal, das aufhorchen lässt. Ein Schicksal, das selbst die erfahrenen Politiker bei ihrem Besuch mehr als bewegte.

Sehr offen und ehrlich erzählten fünf Auszubildende nach dem Rundgang Details aus ihrem Leben. Sachlich und nüchtern zeichneten die jungen Männer ihre bisherigen Stationen nach, gaben Stöttner und Stewens einen Einblick in ihre häuslichen Verhältnisse, die für die Jugendlichen nicht immer einfach sind.

So mussten viele nicht nur gegen ihre Lernbehinderung, gegen Mobbing in der Schule, gegen Gewalt unter Gleichaltrigen und gegen ihre sozial schwächer gestellte Situation ankämpfen, sondern vor allem auch gegen die eigenen Eltern. "Häufig wollen Eltern gar nicht, dass ihr Kind einer geregelten Arbeit nachgeht und sich aus dem Familiengefüge löst", so Hans Mitterer. Insgesamt bekäme die Familie, die oftmals von Hartz IV lebt, mehr Geld vom Staat, wenn die Kinder auch zu Hause bleiben.

"Ich hatte mich bereits selbst aufgegeben."

"Ich hatte mich bereits selbst aufgegeben. Hatte überhaupt keine Perspektive mehr. Doch die junge Arbeit hat mich aufgefangen und mir neuen Mut gegeben", betonte Roland. Das Leben des 18-jährigen Edlingers sei damals gekennzeichnet gewesen von Langeweile und Hoffnungslosigkeit. "Heute dagegen traue ich mir wieder etwas zu", sagt Roland. Er absolviert derzeit eine Ausbildung zum Recyclingmonteur, hat ein gutes Verhältnis zu seinen Kollegen und macht gerade den Führerschein.

Mit leuchtenden Augen berichtet auch der 18-jährige Christian von seiner positiven Veränderung durch das Auffangbecken "junge Arbeit": "Mein ganzes Leben hat sich durch meine Ausbildung verbessert. Jetzt habe ich hier gleichgesinnte Freunde gefunden und in der Arbeit nette Kollegen."

Was für eine große Leistung es sein kann, eine Woche lang jeden Tag aufzustehen, pünktlich in der "jungen Arbeit" zu erscheinen und einem geregelten Ablauf nachzugehen, davon weiß Andi ein Lied zu singen. Der Rosenheimer war nach dem Tod seiner Mutter ziemlich auf sich allein gestellt. Ständig lebte der Jugendliche mit der Angst, auch noch von seinem Vater und seiner Schwester getrennt zu werden und in ein Heim zu kommen.

"Jetzt habe ich wieder ein Ziel. Ich möchte einen Job."

"Doch durch die junge Arbeit ging es bei mir wieder aufwärts. Jetzt habe ich wieder ein Ziel. Ich möchte einen Job", bekräftigt der junge Mann.

Damit steht Andi nicht alleine da. Nach der Ausbildung einen Arbeitsplatz für ihre Schützlinge zu finden, das ist auch erklärtes Ziel von Astrid Langenegger und Hans Mitterer. Für die Agentur der Arbeit führt die "junge Arbeit" die Maßnahme "wohnortnahe Reha Ausbildung" durch. Nur durch die gute Kooperation mit der regionalen Wirtschaft und heimischen Betrieben könne das Konzept verwirklicht werden. Mitterer: "Durch die Realitätsnähe ist diese Ausbildungsform in Bezug auf die anschließende Vermittlung in den Arbeitsmarkt besonders effektiv."

Im Anschluss an das Gespräch mit den Jugendlichen diskutierten die "junge Arbeit"-Geschäftsführer mit den Politikern über die Zukunft ihrer Projekte und über die notwendige Sicherung der staatlichen Fördermaßnahmen hierfür. Dabei stellte Mitterer heraus, wie steinig der Weg durch die zunehmende Zentralisierung und Bürokratisierung oftmals für alle Beteiligten ist: "Die jungen Menschen brauchen keine technische Hilfestellung, sondern menschliche Unterstützung durch die gesamte Ausbildung hindurch."

Daniela Lindl/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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