Vorurteile gegen Muslime auch in Rosenheim

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Rosenheim - Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 sehen sich auch die Muslime in Rosenheim einem neu erwachten Misstrauen gegenüber gestellt.

 Bis heute müssen sie gegen Vorurteile kämpfen, zeigte ein Besuch in der größten Rosenheimer Moschee. "Alle Muslime gehören erschossen!" lautete die extremste Reaktion, die Cetin Fidan am Tag des Anschlags an seinem Arbeitsplatz hörte. "Ich war geschockt, erst Tage später habe ich das Gespräch mit dem Kollegen gesucht", erinnert Fidan sich. Bis heute, auch zehn Jahre nach dem Anschlag auf das World-Trade-Center und das Pentagon, sieht sich der Vertreter des türkischen Elternbeirats immer wieder der Notwendigkeit ausgesetzt, "mich wegen meines Glaubens verteidigen zu müssen".

"Das seit dem 11. September 2001 aufgebrochene Misstrauen schmerzt", betont auch Antag Acatürk, ein gebürtiger Rosenheimer türkischer Abstammung.

"Ich lebe seit 1976 in Deutschland, arbeite und zahle meine Steuern, vertrete typisch deutsche Tugenden wie Fleiß und Pünktlichkeit, und muss mich seit dem 11. September 2001 immer wieder mit dem Verdacht auseinandersetzen, extremes Gedankengut zu pflegen und gewaltbereit zu sein", bedauert Fidan.

Der Grund für die Vorurteile ist nach Erfahrungen von Mustafa Konak eine undifferenzierte Auseinandersetzung mit dem Islam. Muslime stünden seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 unter Generalverdacht, würden mit Terroristen und den Taliban in einen Topf geworden - selbst in Europa, wo muslimische Bürger unter ganz anderen Bedingungen lebten und ihren Glauben praktizierten als etwa in Afghanistan.

Während kaum jemand einen katholischen oder evangelischen Christen nach der Intensivität des Glaubens befrage, würden Muslime in Schubladen eingeteilt: ohne Kopftuch gleich "gemäßigt" wie Öziem Zenker, die im kurzärmeligen T-Shirt regelmäßig in die Moschee geht und sich kaum mit Vorurteilen auseinandersetzen muss, das Haar verhüllt gleich "extrem", ist Emine Candir-Karavils Erfahrung. Sie studiert an der Hochschule Rosenheim Betriebswirtschaft. In der Schule war sie nach eigenen Angaben als gute und engagierte Schülerin von den Lehrern sehr geschätzt, bis sie kurz vor dem Abitur zum Kopftuch griff. "Auf einmal begegneten mir viele, die mich eigentlich doch sehr gut kannten, mit neuem Misstrauen", bedauert die 22-Jährige. Abiturientin Nurgül Karavil erinnert sich noch gut an ein Referat, das sie während der Schulzeit über ihren Glauben gehalten hat. "Als ich der Klasse mitteilte, dass der Islam auch für den Frieden steht, wollte mir keiner glauben - selbst die Lehrerin nicht."

Die Muslime aus der größten Rosenheimer Moschee bemühen sich deshalb seit dem 11. September 2001 um eine intensive Öffentlichkeitsarbeit, die deutlich macht: "Unsere Religion erlaubt es nicht, zu töten, wir Muslime lehnen jegliche Gewalt ab." So stehe es auch im Koran. "Terroristen, die sich auf den Islam berufen, sind keine Muslime", lautet eine weitere klare Aussage.

Tage der offenen Moschee, ein Faltblatt, das jeden, der sich informieren möchte, zu einem Glas türkischen Tee einlädt, Treffen mit Vertretern der christlichen Kirchen, "bei denen wir immer wieder feststellen, wie viele Gemeinsamkeiten im Glauben wir haben", so Emine Candir-Karavil, und das alljährliche gemeinsame Friedensgebet auf dem Max-Josefs-Platz versuchen, Barrieren in den Köpfen und Ängste zu überwinden. Die Studentin unterstützt außerdem als Mitarbeiterin bei der Sozialen Stadt Rosenheim den interkulturellen Dialog. "Manchmal wünschen wir uns, wir müssten uns nicht immer wieder den bohrenden Fragen stellen, doch es nützt nichts: Der Dialog ist der einzige Weg, Vorurteile aufzubrechen", betont Fidan. Der Iman bezog außerdem im gestrigen Freitagsgebet deutlich Stellung: "Ihr, die ihr glaubt, folgt dem Frieden und folgt nicht den Fußstapfen des Satans. Siehe, er ist offenkundig Euer Feind", zitierte er den Koran.

duc/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © dpa

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