Noch viele offene Rechnungen

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Rosenheim/München - Die einen haben kräftig abkassiert, die anderen viel Geld verloren. Doch im Desaster um die Neubeurer Skandalfirma Akzenta AG ist der Schlussstrich längst nicht gezogen.

Es gibt noch viele offene Rechnungen. So hat der Priener Rechtsanwalt Dr. Jürgen Klass jetzt für zwei Akzenta-Opfer ein Urteil erstritten, wonach der Vermittler an die Anleger 48 000 Euro zurückzahlen muss. Gleichzeitig will Insolvenzverwalter Axel W. Bierbach die größten Profiteure zur Kasse bitten.

Eine Großrazzia auf dem Neubeurer Firmengelände im April 2006, mehrjährige Haftstrafen gegen drei führende Akzenta-Köpfe wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs im August 2008, Eröffnung des Insolvenzverfahrens im September 2009 - das sind die Eckdaten eines Gaunerstücks, dessen Aufarbeitung sich möglicherweise noch zehn Jahre hinziehen wird. So lange könnte das Insolvenzverfahren nach Einschätzung Bierbachs dauern.

Für ein Ehepaar aus Nürnberg hat es schon jetzt ein Happy-End gegeben. Nach einer Entscheidung des Landgerichts Aschaffenburg muss ein Finanzberater, der Umsatzbeteiligungen der Akzenta AG vermittelt hat, 48 000 Euro Schadenersatz an die Anleger zurückzahlen.

Das Gericht folgte der Argumentation von Kläger-Anwalt Klass, wonach der Vermittler verpflichtet gewesen wäre, auf Risiken der sogenannten Akzenta-Umsatzbeteiligungen und die in Wirtschaftsmagazinen geäußerten Bedenken hinzuweisen. Schon bevor der Paar den Kapitalanlagevermittler 2002 im Urlaub kennenlernte, hatten Finanzexperten in renommierten Zeitschriften gewarnt, dass sich hinter dem Akzenta-Modell ein Schneeballsystem verbergen könnte.

Rund 95 000 Euro investierte das Paar aus Nürnberg Ende 2005 und Anfang 2006 in die Akzenta-Beteiligungen - in der Hoffnung auf traumhafte Renditen, die ihnen der Vermittler aus Aschaffenburg in Aussicht gestellt hatte. Laut Klägerin behauptete der selbsternannte "Independant Analyst", die Anlage sei absolut sicher und als Geldanlage bestens geeignet. Zudem kassierte er für seine Dienste eine Provision von fast 5000 Euro. Wenige Monate später platzte die "Zeitbombe" Akzenta - ein Großaufgebot von Fahndern kreuzte in Neubeuern auf, verhaftete die Chefetage, fror Konten ein und beschlagnahmte ganze Aktenberge.

Der Vermittler erklärte vor Gericht, er habe die Nürnbergerin gar nicht beraten. Vielmehr habe sie sich eigenständig per Internet über die Akzenta AG informiert. Die 4890,44 Euro, die er von ihr "geschenkt" bekam, habe man lediglich als Provision deklariert, um der Frau Ärger mit ihrem Mann zu ersparen.

Möglicherweise, so vermutete das Gericht, ging die Freundschaft zwischen Vermittler und Opfer über eine rein platonische Beziehung hinaus. Dennoch habe es sich bei den Vermittlerdiensten nicht um rechtlich unerhebliche Ratschläge eines Freundes gehandelt, sondern - so der Fachbegriff - um eine "schuldhafte Pflichtverletzung bei einem sogenannten Kapitalanlagen-Auskunftvertrag". Deshalb wurde der Aschaffenburger dazu verurteilt, die Hälfte des investierten Geldes - rund 48 000 Euro - an die Klägerin zu zahlen. Im Gegenzug erhält er die aufgrund der Insolvenz des Skandalfirma wertlosen Akzenta-Beteiligungen.

Bei einem Akademiker wie dem Ehemann der Nürnbergerin hätten in den Augen des Gerichts allerdings alle Alarmglocken läuten müssen, wenn "eine wundersame Geldvermehrung um das Fünffache" versprochen wird. Deshalb wurde die hälftige Mitschuld den Klägern zugewiesen. "Die Entscheidungsgründe sind von weitreichender Bedeutung", so Anwalt Klass nach dem Sieg. "Das Urteil setzt ein Zeichen und schenkt anderen Geschädigten Hoffnung, die ihrem Finanzberater vertrauten und von Schneeballsystemen betroffen sind."

Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig - wie auch viele weitere Fragen im Insolvenzverfahren weiter offen sind. Drei Jahre hatten die vielen Gläubiger Zeit, Einzelvollstreckungsmaßnahmen zu erwirken, bevor das Insolvenzverfahren eröffnet wurde. Zu klären, wer auf was und in welcher Reihenfolge welche Ansprüche hat, ist nun eine der Aufgaben des Insolvenzverwalters. Wie berichtet, wanderte viel Geld in die Taschen von wenigen Leuten: Vorstandschefs, engste Vertraute und führende Vertriebsmitarbeiter. Dieses Geld wird Bierbach einfordern - notfalls vor Gericht. Verkauft sind bislang weder die Firmengebäude in Neubeuern (der Preis dürfte bei zwei Millionen Euro liegen) noch ein sündteurer Maserati.

Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © dpa

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