"Hül Jo Düüü Rüüüü"

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Keine Freiluft-Gymnastikgruppe, sondern eine Jodeltruppe ist hier am Werk. Und Martin Pickel hat sichtlich Spaß an den Atemübungen.

Rosenheim - Hecheln, schnaufen, röcheln: Beim Jodelseminar des renommierten Chiemgauer Jodellehrers Josef Ecker kamen die Teilnehmer an ihre Grenzen.

Radler und Spaziergänger auf dem ehemaligen Landesgartenschaugelände in Rosenheim verrenken sich verwundert die Köpfe: Im Schatten der Bäume steht eine Gruppe von Frauen und Männern zusammen, die komische Bewegungen mit den Händen fabrizieren und seltsam jaulende Töne von sich geben.

"Hül Jo Düüü Rüüüü", jodelt ein Mann in Lederhosen plötzlich los, ohne den irritierten Blicken Beachtung zu schenken. Sein Name ist Josef Ecker, renommierter Jodellehrer aus dem Chiemgau.

Mit dem bekannten Jodellehrer begeben Sie sich auf eine abenteuerliche Reise", verspricht die Volkshochschule (VHS) Rosenheim für das angebotene Jodelseminar. Abenteuerlich war die Anmeldung tatsächlich für viele, wie sich beim Eintreffen der rund 15 Teilnehmer aus dem ganzen Landkreis Rosenheim im Hans-Schuster-Haus herausstellt: So hat beispielsweise eine von der Jodelkunst begeisterte Mutter ihre Tochter zum Mitmachen überredet.

Schon nach kurzer Zeit stellen sich erste Erfolge ein und die Kursteilnehmer können einen kleinen Jodelruf, der durch Silben geprägt ist, anstimmen.

Aber die größte Überraschung erlebt Dana Schrecke: Die junge Frau hat erst kurz vor Kursbeginn von ihrem Freund, Martin Pickel, erfahren, dass sie ihn zu einem Jodelseminar begleiten soll. "Zwar hat Martin mir schon vor einiger Zeit gesagt, dass ich mir diesen speziellen Tag für ihn freihalten soll. Aber was mich erwartet, das weiß ich erst seit zwei Minuten", erzählt die junge Frau aus Sachsen-Anhalt. Martin Pickel stammt aus Norddeutschland. "Ich hab durch Zufall von diesem Seminar erfahren und dachte, dass es bestimmt eine Gaudi ist, wenn man in Bayern jodeln kann", meint der Teilnehmer.

"Eine Gaudi werds mit mir heid sicha olle hom", kündigt Jodellehrer Josef Ecker gleich zu Beginn an, als er Pickels Worte hört. Und weil "das Jodeln die Stimme der Natur ist", marschiert der Urbayer, wie er sich selbst nennt, mit seiner willigen Truppe bei strahlendem Sonnenschein und bei über 30 Grad im Schatten des Hans-Schuster-Hauses quer über das ganze ehemalige Landesgartenschau-Gelände, bis er endlich ein geeignetes, schattiges Plätzchen gefunden hat, das ihm auch wirklich zusagt.

"Ich gebe meine Kurse generell in der freien Natur. Man kann x-mal an der gleichen Stelle stehen und trotzdem präsentiert sich das Farbenspiel der Landschaft immer wieder neu", erzählt Ecker, der bereits seit 15 Jahren Jodelseminare in ganz Deutschland gibt.

Abgeklärt wirkt der 64-Jährige dennoch kein bisschen. Jeder Kurs ist anders, weil die Teilnehmer unterschiedlich sind. Das Jodeln kann laut dem früheren Musikschulleiter jeder lernen. So unterrichtet der Bayer vom Manager über die Hausfrau bis hin zum Studenten und Prominenten jeden gerne. "Es fasziniert mich stets aufs Neue, verschiedene Menschen in verschiedenen Lebensstellungen und Berufen zum Jodeln unter freiem Himmel zusammen zu bringen", sagt Ecker.

Dass er nicht nur eine gute Menschenkenntnis besitzt, sondern auch schnell auf jeden Einzelnen eingehen und sich einstellen kann, das bestätigt Beate Fimpel. Die 49-Jährige absolviert bereits das vierte Jodelseminar bei dem aus Bergen stammenden Bayer und ist immer wieder mit Begeisterung dabei: "Mit Ecker macht die Sache einfach Spaß, denn er steht mit Leib und Seele hinter seiner Arbeit und verbreitet immer gute Laune", berichtet die ehemalige Münchnerin, die sich stimmlich inzwischen "vom Kellerkind zum hohen F" vorgearbeitet hat.

Dass ein Jodelseminar anstrengend ist, merken die Teilnehmer schnell. Bestimmt, deutlich und hartnäckig gibt Ecker seine Anweisungen und ist nicht eher zufrieden, bevor nicht jeder sein Bestes gibt.

"Nicht der Hals macht den Ton, sondern der Körper", erläutert der Chiemgauer. "Je besser wir uns öffnen, umso besser kommt unser Jodelton zur Entfaltung." Doch bevor die von den anfangs krächzenden Tönen aufgeschreckten Passanten erkennen, was die kleine Gruppe unter den schattigen Bäumen da so treibt, dauert es Stunden.

Das Team könnte man anfangs für eine Freiluft-Gymnastikgruppe halten, denn da werden die Arme in die Höhe gestreckt, kreisende Bewegungen mit dem Becken ausgeführt, die Gesichtsmuskeln trainiert, die Bauchmuskeln angespannt und vor gegenseitigen Klapsen auf den Po nicht Halt gemacht - frei nach dem Motto "leicht und liebevoll abstreichen, wie bei der Katz".

Leicht fällt den geduldigen Teilnehmern gar nichts, wenn sie zusammen schnaufen, schnauben, röcheln, hecheln oder vorsichtig Töne aneinander reihen. Umso größer ist jedoch die Freude jedes Einzelnen, als sich erste Erfolge einstellen, wobei Ecker nie vergisst, seine Schützlinge anzuspornen und zu loben.

"Wenn ich bisher die Berge erklommen habe, musste ich oben am Gipfel vor lauter Glücksgefühlen oft laut juchzen. Jetzt kann ich dann endlich einmal richtig jodeln ganz oben aufm Berg", freut sich Eva Reindl-Schlosser, die zusammen mit ihrer 20-jährigen Tochter Eva das Jodeldiplom erwerben will.

Nicht nur glücklich macht das Jodeln, sondern auch gesund, wie Ecker aus Erfahrung weiß. Erst müsse sich der Körper entspannen, dann folge die Anspannung beim Jodeln. Mit Geist und Gefühl würden Körperpartien wie Bauchdecke, Beckenboden und Wirbelsäule trainiert und das Immunsystem gestärkt.

So könne mit der richtigen Haltung die Atemmuskulatur trainiert sowie der Energiehaushalt, die Tonbildung, die Stimmkraft und die Rhythmik beeinflusst werden. Auch viele Ärzte, die den hohen Gesundheitsaspekt des Jodelns laut Ecker unterstreichen, sind häufig unter den Kursteilnehmern zu finden.

Bei allem Ernst soll der Spaß beim Jodelmeister nie zu kurz kommen. Deshalb garniert er seine frohlockenden Jodelrufe mit Witzen, Anekdoten oder sogar Sagen und Geschichten aus der Alpenwelt. "Ecker ist der geborene Entertainer", sind sich die angehenden Jodelkünstler am Ende des Tages, als sich schon bei einigen der erste Muskelkater im Bauch bemerkbar macht, einig. Ecker selbst sieht sich "als Freund und Begleiter eines Lernenden", der seinem Leitwort in jedem Kurs treu bleibt: "Ich möchte die Menschen durch das Jodeln fördern und fordern, aber nie als Pauker wirken."

Daniela Lindl/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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