HPZ: Schule in einer neuen Welt

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Schulstart im neuen HPZ: Ein großer Moment für Sebastian (vor der Glasfassade) und 200 weitere Kinder.

Rosenheim - Sebastian aus Kolbermoor kennt den Weg schon: 50 Meter geradeaus durchs Foyer, dann nach links, nach 20 Metern wieder rechts in den Gang mit dem roten Band und rein in den Raum S 055 - sein neues Klassenzimmer.

Es ist der Tag, auf den Sebastian, 200 weitere Kinder sowie ihre Eltern, Lehrer und Betreuer viele Jahre lang hingefiebert haben: der erste Tag im neuen Heilpädagogischen Zentrum (HPZ) in Rosenheim.

"Sebastians großes Kämpferherz" titelte unsere Zeitung vor Jahren innerhalb der Artikelserie über die HPZ-Kinder, die mit dem Caritas-Medienpreis ausgezeichnet wurde. "Wir wünschen uns nichts sehnlicher, als dass Sebastian bald in einem neuen, den Erfordernissen behinderter Kinder entsprechend gebauten Haus gefördert wird", sagte damals sein Vater.

Enge Ballführung beim Pylonenslalom: Stefan bei der ersten Sportstunde in der lichtdurchfluteten Turnhalle.

Gestern war der große Moment gekommen. Nur wenige hundert Meter trennen das alte HPZ an der Goethestraße vom neuen HPZ an der Ebersberger Straße - aber dazwischen liegen Welten. Sebastian sitzt im Religionsunterricht vor einer großen Fensterfassade, die von der Decke bis zum Boden reicht. Das Klassenzimmer ist hell und geräumig, liegt im Parterre. Vorbei sind die teilweise unerträglichen Zustände, als sich Lehrer und Kinder in viel zu kleinen und dunklen Räumen drängten oder sich im Lift, auf dem Gang oder im Treppenhaus auf den Füßen standen.

200 körperlich und geistig behinderte Kinder und Jugendliche aus Stadt und Landkreis Rosenheim verteilen sich in der Philipp-Neri-Schule im HPZ auf 18 Klassen, zwölf Jahrgangsstufen und zwei Schulvorbereitende Einrichtungen (SVE). Sebastian ist einer von ihnen. Er werde nie laufen, sprechen oder lesen können, hatten Ärzte 1998 befürchtet, als sie bei Sebastian schwere Entwicklungsrückstände im Gehirn feststellten. 13 Jahre später sitzt Sebastian im neuen HPZ nicht nur vor der Glasfassade. Er antwortet klar auf die Fragen seiner Religionslehrerin, er liest sein Textblatt und er geht quer durchs Zimmer zum Schalter neben der Tür, als er gefragt wird, ob er weiß, wo man das Licht anmacht.

Das HPZ ist für Sebastian wie für viele andere Kinder zur zweiten Heimat geworden. Den "Schulwechsel" ins neue Gebäude meistert der Siebtklässler scheinbar mühelos, wie es auch in allen anderen Klassenzimmer keine nennenswerten Anpassungsschwierigkeiten gibt. Nach dem umzugsbedingten schulfreien Montag läuft der Unterricht schon weitgehend reibungslos - ebenso wie der Betrieb in der Klara-von-Assisi-Tagesstätte, deren Betreuungs- und Therapieangebote viele Schüler am Nachmittag in Anspruch nehmen.

In den Verwaltungs- und Büroräumen im ersten Stock wird dagegen noch improvisiert. Im Büro von HPZ-Leiter Matthias Bogenberger ist der Laptop mehr oder weniger das Einzige, was funktioniert. Im Sekretariat und in den Gängen türmen sich noch Umzugskartons, Telefonanlage und Mailbox laufen noch nicht nach Wunsch - aber davon merken die Kinder nichts. Erst recht nicht Stefan, Peter, Thomas und Wolfgang. Die vier Burschen aus der Berufsschulstufe dribbeln mit Gummibällen durch Pylonen. Sie sind die ersten, die sich in der neuen Turnhalle austoben dürfen. Auch hier gilt: Alles ist viel heller, geräumiger und moderner als früher. Eine Seitenwand ist komplett aus Glas, das Schienensystem in der fast sechs Meter hohen Decke kann auch schwerstbehinderte Kinder schnell in die richtige Position bringen. "Das ist unser größter Patientenlift", freut sich Bogenberger.

"Die toll ausgeleuchtete Halle verschafft uns wesentlich mehr Möglichkeiten", ist Sportlehrer Josef Leitner zuversichtlich, dass Stefan, Peter, Thomas und Wolfgang beim Bezirksfinale im Mai ihren Titel verteidigen. Schließlich ist das Rosenheimer HPZ bei den Förderstätten amtierender oberbayerischer Meister - so wie das Raum- und Lichtkonzept der Einrichtung mit ihrer multifunktionellen Aula, den Innenhöfen, Glasfassaden, Rund- und Schrägdachfenstern über die Region hinaus als beispielhaft gilt.

28 Millionen Euro haben der Freistaat Bayern als größer Geldgeber und die Caritas als Träger in das Projekt investiert. Ab sofort soll es bei der Integration und Inklusion behinderter Menschen in die Gesellschaft Maßstäbe setzen. Der Anfang ist mit dem ersten Schultag gemacht.

Ludwig Simeth (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: rosenheim24.de

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