Verhütung kam früher aus der Tüte

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Deutschlands beliebtestes Verhütungsmittel, die Anti-Baby-Pille, wird in diesem Jahr 50 Jahre alt.

Rosenheim - Deutschlands beliebtestes Mittel zur Schwangerschaftsverhütung feiert heuer seinen 50. Geburtstag. Eine Rosenheimer Apothekerin weiß, die Einnahme der Pille nicht immer so problemlos war wie heute.

Die Apothekerin erinnert sich, dass das Verhütungsmittel anfangs gar in undurchsichtigen Tüten verkauft wurde, um Kundinnen nicht bloßzustellen. Der Stephanskirchener Johannes Kneer erlebte die Zeit der Pilleneinführung als Frauenarzt mit. Im Sommer 1960 kam die erste Anti-Baby-Pille in den USA auf den Markt, ein Jahr später wurde sie auch in Rosenheim verkauft. "Viele Frauen waren einfach glücklich, dass es endlich eine leicht anzuwendende und sichere Verhütungsmethode gab", erinnert sich der heute 80-Jährige. Neben der Euphorie sei aber auch Skepsis erkennbar gewesen, schließlich habe es noch wenig Bekanntes über die Nebenwirkungen des Hormonpräparats gegeben. Gerade in der Anfangszeit waren seine Sprechstunden überlaufen, die Anti-Baby-Pille dort das Thema Nummer eins.

Die Einführung des neuen Verhütungsmittels habe die damaligen Wertvorstellungen komplett auf den Kopf gestellt, erinnert sich die ehemalige Rosenheimer Rektorin Inge Ilgenfritz. Und auch Beate Burkl, Sprecherin der Apotheker im Raum Rosenheim, sagt: "Es war revolutionär, dass eine Pille die Schwangerschaft verhindern soll." Von 1966 an machte sie ein Praktikum in der damaligen Wittelsbacher Apotheke. Beim Verkauf der Pille bekam sie dort die Anweisung, diese möglichst diskret auszugeben. "Hier in Rosenheim haben wir sie in eine Tüte gepackt, damit keiner den Kauf mitbekommt."

Warum die Einnahme oft geheim gehalten wurde, das weiß die 69-jährige Rosenheimerin Gerda Franz. Nicht nur in der Gesellschaft hätte es die Diskussion gegeben, ob die Einnahme nicht sogar Mord sei, sagt die ehemalige CSU-Stadträtin. Die Pille hatte ihre Gegner - die Kirchen und andere gesellschaftliche Institutionen liefen Sturm gegen das Verhütungsmittel. "So weigerten sich religiös gebundene Ärzte anfangs auch, das Mittel auszugeben", ergänzt Kneer, der von 1969 bis 1995 in Rosenheim arbeitete und zuletzt als Chefarzt im Krankenhaus tätig war. Sie habe sich dann aber schnell durchgesetzt.

Mittlerweile spielt sie eine entscheidende Rolle bei der Familienplanung. Aus heutiger Sicht ist die Pille nicht mehr wegzudenken. Sie habe etwa die sexuelle Revolution erst möglich gemacht, ist sich Burkl sicher. Aktuell wird an der sogenannten "Pille" für den Mann gearbeitet, einer Hormonspritze. Die Weltgesundheitsorganisation macht derzeit eine weltweite Studie an rund 500 Paaren, die mit der Spritze verhüten.

rfe/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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