Koffer hält Erinnerung wach

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Letztes Weihnachten für die Familie Block: Das Foto vom 26. Dezember 1941 zeigt Fritz, Arno, Gertrud, Elisabeth und Mirjam Block (von links) am Tisch im Wohnzimmer ihres früheren Hauses in Niedernburg versammelt.

Vogtareuth - "Den letzten Abend des Jahres verbrachten wir recht behaglich", schreibt Elisabeth Block zur Jahreswende 41/42 in ihr Tagebuch. Es war das letzte Silvesterfest der jüdischen Familie.

"Den letzten Abend des Jahres verbrachten wir recht behaglich mit Spielen, Vorlesen und Glühweintrinken", schreibt die 18-jährige Elisabeth Block zur Jahreswende 1941/42 in ihr Tagebuch. Es war das letzte Silvesterfest der jüdischen Familie. Im April folgte die Deportation in ein Vernichtungslager. Die Tagebücher, die vor 70 Jahren so abrupt enden, wirken bis heute intensiv nach - als Quellen für die historische Auseinandersetzung mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte im Landkreis und als versöhnendes Element.

Am Esszimmertisch in der Vogtareuther Ortschaft Ziellechen haben sich Margarete und Johann Bauer und ihre Gäste vor einer schlichten Pappmache-Krippe versammelt. Die Familie von Georg Loy aus Aign hütet die kleinen Figuren wie einen Schatz: Denn die Krippe hatte Arno Block seinem besten Freund Georg zum Abschied kurz vor der Deportation im März 1942 geschenkt. Arno Block hatte sogar noch einen Stall dazu gebaut, berichtet Monika Loy, die Schwiegertochter von Georg Loy.

Jahreswechsel 2012/2013: Die Nachkommen der Zeitzeugen von Elisabeth Block, Margarete Bauer, Monika Loy, Christa Danzer, Christiane Hufnagl und Johann Bauer (von links) vereint rund um die Pappmache-Krippe der jüdischen Familie.

Eine jüdische Familie, die christliche Bräuche pflegte? Christiane Hufnagl, Vorsitzende des Historischen Vereins Rosenheim, weiß aus den Tagebuchaufzeichnungen von Arnos Schwester Elisabeth, dass die Blocks sogar zu Ostern Eier gefärbt haben. Die Familie hatte sich in Oberbayern, wo Vater Fritz Block in Niedernburg (Prutting) eine Gärtnerei eröffnete, gut integriert. Das letzte Foto der Familie zeigt sie am zweiten Weihnachtstag 1941 am Wohnzimmertisch ihres früheren Hauses versammelt, das sie verkaufen mussten - eine von vielen Repressalien, denen sich die Blocks ausgesetzt sahen. Dass sogar ihr Leben bedroht war, erahnten die Eltern, die bereits einen Verwandten durch Ermordung verloren hatten. Bereits Ende 1939 versuchten die Blocks nach Recherchen des Historischen Vereins zu emigrieren. Doch das Familienoberhaupt schob die letzte Entscheidung zur Auswanderung hinaus, so Christiane Hufnagl: "Als im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichneter Soldat konnte Fritz Block einfach nicht glauben, dass er, der so viel für sein Vaterland getan hatte, bedroht sein könnte." Die geplante Ausreise nach Argentinien gelang nicht mehr.

Dass sie trotz der Einberufung des Vaters zur Zwangsarbeit beim Gleisbau, trotz Schulausschluss der Kinder und verordnetem Hausverkauf noch bis 1942 ein, den Umständen entsprechend beschauliches Leben führen konnten, haben die Blocks Mitbürgern zu verdanken, die Schlimmeres verhinderten. Landwirt Wolfgang Loy aus Benning (Vogtareuth) nahm Elisabeth Block als Arbeitskraft auf seinem Hof auf und verhinderte so eine Zwangsarbeit außerhalb des heimischen Umfeldes.

Zweimal versuchte der Bauer bei den Behörden ihre Deportation abzuwenden - mit dem Hinweis, er könne auf die junge Arbeitskraft nicht verzichten, berichtet Christiane Hufnagl.

Obwohl die Blocks gezwungen wurden, ihr Haus zu verkaufen, räumten ihnen die neuen Besitzer eine Wohnmöglichkeit ein. Die Großmutter von Johann Bauer, der in den Tagebüchern als "Hansibubi" auftaucht, ging sogar hohe Risiken ein, um die jüdische Familie vor dem Verhungern zu bewahren. Heimlich versorgte Katharina Geidobler die Blocks mit Milch. Als Übergabeversteck für die Kanne, die es noch heute gibt, dienten Johannisbeerbüsche.

Die Nachwelt hat Katharina Geidobler, die ihren Mut einmal mit einer Verhaftung bezahlte, und ihrer Tochter Paula Bauer zu verdanken, dass die Tagebücher erhalten blieben. Zwei Tage vor der Deportation brachte Elisabeth Blocks Mutter Mirjam einen großen Koffer "zum Aufbewahren" zu Katharina Geidobler. Der Inhalt: Tagebücher, Fotoalben, Silberbesteck, Schmuck, Karten, zwei Gemälde von Fritz Block, Bücher und Briefe der Familie, die vor der Enteignung zum wohlhabenden Bildungsbürgertum gehört hatte. Der Schwiegervater von Monika Loy kann sich noch daran erinnern, dass bei den Blocks oftmals Kindergeburtstage gefeiert wurden - mit Sahnetorten, damals eine Besonderheit. Arno Block besaß eine elektrische Eisenbahn, die Intellektuellenfamilie las viel und musizierte gerne.

42 Jahre lang blieb der Koffer mit wichtigen Besitztümern unberührt auf dem Dachboden. "Die Oma Geidobler brachte es nicht übers Herz, die Sachen wegzuwerfen. Bis zum Schluss hoffte sie immer noch, dass Mirjam Block oder ihre Nachkommen eines Tages den Koffer abholen würden", erinnert sich der Enkel, Johann Bauer. 1985 war es tatsächlich soweit: Bei seiner Mutter Paula meldete sich der Cousin der 1942 ermordeten Elisabeth Block, Professor Asher Frensdorff. Er hatte in Österreich seinen Urlaub verbracht. Die Gegend erinnerte ihn an jene in Niedernburg, wo er im Juli 1936 Ferientage bei der Familie Block verbracht hatte. Die Frensdorffs machten sich auf die Suche nach dem Haus - und wurden fündig. Die Tagebücher in Kopie übergab Professor Frensdorff schließlich dem Historiker Professor Dr. Manfred Treml, der sie als Grundlage für das 1993 vom Haus der Bayerischen Geschichte und vom Historischen Verein Rosenheim herausgegebene Buch verwendete und jüngst die Originale als Dauerleihgabe dem Stadtarchiv Rosenheim überließ.

Zwischen den Familien Treml und Bauer sowie den Nachkommen der Blocks in London und Israel knüpften die Aufzeichnungen Bande der Versöhnung: Es kam zu persönlichen Begegnungen und Besuchen. Auch Margarete und Hans Bauer reisten zweimal nach Israel, pflegten mit dem Cousin von Elisabeth Block bis zu dessen Tod über zehn Jahre lang brieflichen Kontakt. Frensdorff schenkte ihnen als Dank für das Aufbewahren des Erinnerungskoffers das goldene Nähetui und eine Brosche von Mirjam Block. Treml erhielt noch heuer zu Weihnachten einen Anruf von einer Nichte von Mirjam Block. Die 93-Jährige, die in London lebt, erkundigte sich nach der Erinnerungsarbeit in der Region Rosenheim.

Die Publikationen des Historischen Vereins lösten außerdem intensive Auseinandersetzungen mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte in der Region Rosenheim aus: Die Mädchenrealschule, die auch Elisabeth Block bis zu ihrem Schulausschluss 1938 besucht hatte, erstellte eine Dokumentation, in der Kirche Sankt Nikolaus widmet sich ein vom Historischen Verein mitfinanziertes Erinnerungsfenster dem Schicksal der Familie, ein Zeitzeugenfilm wurde gedreht.

Die meisten, die die Familie Block noch persönlich gekannt haben, sind heute jedoch verstorben. So wie Lisi Blocks beste Freundin, "das Regerl", Mutter von Christa Danzer aus Niedernburg. Das Schicksal ihrer Freundin beschäftigte Regina Zielke ihr Leben lang, immer wieder hörte die Tochter die Frage: "Was wird die Lisi wohl alles mitgemacht haben?" Wehmütig fügte die verstorbene Regina Zielke nach Erinnerungen ihrer Tochter oft hinzu: "Mit der Lisi wäre ich heute noch befreundet."

Heike Duczek/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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