Seifenkistenwagen im High-Tech-Zeitalter

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Thomas Käfer will am Wochenende in seine Seifenkiste steigen. Er hat sich für seinen Wagen extra Felgen drehen lassen und verwendet Naben aus Italien. Foto: Arno Burgi

Rennsport ohne Motor: Wenn sich tollkühne Frauen und Männer in Seifenkistenwagen setzen, suchen sie den Geschwindigkeitsrausch. Inzwischen sind die Gefährte mehr als 100 Stundenkilometer schnell.

Kleinnaundorf (dpa) - Holzkiste und Kinderwagenräder waren gestern. Der moderne Seifenkistenwagen hat Glasfaser- oder Carbonverkleidung, Einzelradaufhängung, Scheibenbremse sowie Rennsitz und Überrollbügel.

Bei der Europameisterschaft in Belgien lag die Durchschnittsgeschwindigkeit der Gefährte bei 87 Stundenkilometern, auf Teilabschnitten wurde sogar Tempo 140 erreicht. "Das Hochzüchten der Fahrzeuge hat dazu geführt, dass auch das Gefährdungspotenzial höher geworden ist", sagt Thomas Seidler, der Deutschland im europäischen Verband für Speed Down vertritt. Unter diesem Namen werden die Rennen international vermarktet.

An diesem Wochenende trifft sich die Szene zur Deutschen Meisterschaft in Kleinnaundorf, einem Stadtteil von Freital in Sachsen. Nebenbei wird auch die internationale Sachsenmeisterschaft ausgetragen. Gut 100 Teilnehmer aus ganz Deutschland, Tschechien und Frankreich haben sich angemeldet. Lilly-Marleen aus Kleinnaundorf könnte mit 6 Jahren die Jüngste sein, der älteste Rennfahrer hat die 70 schon weit hinter sich gelassen.

Helm, Handschuhe und geschlossene Kleidung sind Pflicht. Seifenkisten-Profis tragen sowieso Rennanzüge. Bevor es auf die Piste geht, gibt es eine technische Abnahme der Fahrzeuge. Ein Wagen muss mindestens drei Räder, Bremse und Lenkung haben.

Schon seit mehr als 100 Jahren werden in Deutschland entsprechende Rennen ausgetragen. Im internationalen Maßstab hat Italien die Nase vorn. Daneben gehören Belgien, Frankreich, die Schweiz, Schweden, Spanien und Tschechien zu den europäischen Seifenkistennationen.

Seidler hält das Wort Seifenkiste heute für irreführend. "Damit kann man niemand mehr hinter dem Ofen hervorlocken", sagt der 49-Jährige, der erst als Erwachsener zu diesem Hobby kam und viel lieber von Speed Down spricht. Als Serviceleiter einer Firma für Autoteile bringt Seidler auch das nötige Fachwissen mit. Denn ein richtiger Seifenkistenrennfahrer schraubt eifrig an seinem Gefährt.

Thomas Käfer, der als Organisator der Meisterschaften am Wochenende auch selbst in die Kiste steigt, hat sich für seinen Wagen extra Felgen drehen lassen und verwendet Naben aus Italien.

Inzwischen gibt es zwar Bausätze für Seifenkistenwagen. Wer aber etwas auf sich hält, rüstet mit Hightech nach. Geld lässt sich mit den Rennen nicht verdienen, ganz im Gegenteil. In Seifenkistenwagen wird ordentlich Geld reingesteckt. Käfer beziffert die Ausgaben für sein Gefährt auf 3500 bis 4000 Euro. Als er vor 13 Jahren mit Rennen begann, habe mehr der Spaß im Vordergrund gestanden, berichtet Seidler. Heute sei das für viele ein ziemlich ernsthaftes Hobby geworden.

Natürlich kommt auf abschüssiger Strecke in Kleinnaundorf auch der Spaß nicht zu kurz. Die Rennen werden in verschiedenen Altersklassen und drei Kategorien ausgetragen: Geschwindigkeit, Gleichmäßigkeit, Gaudi. Bei letzterer sind der Fantasie bei der Wagenform keine Grenzen gesetzt. Beim Gleichmäßigkeitsrennen gibt es zwei Läufe, in denen man möglichst die gleiche Zeit erreichen soll - egal ob fünf Minuten oder 60 Sekunden. Die geringste zeitliche Distanz zwischen beiden Läufen gewinnt. "Die rund 750 Meter lange Strecke ist äußert anspruchsvoll und wird von Fahrern aus ganz Europa gern gefahren", weiß Käfer.

Die Seifenkistenfahrer verstehen sich als Teil einer großen Familie. "Da kennt jeder jeden. Man fährt auch zu den Rennen, um sich zu treffen", sagt Seidler. Für die meisten mache wohl die Geschwindigkeit die eigentliche Faszination aus.

Wer falsch bremst, hat verloren - zumindest bei den Speed-Rennen. Ist die kinetische Energie erstmal verloren, kann kein Turbo die Kiste wieder beschleunigen. Für einen Mann wie Seidler besteht der Reiz nicht zuletzt darin, technische Feinheiten auf die Straße zu bringen: "Das ist wie Motorsport ohne Motor."

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