10 Jahre Libanon-Krieg:

Hisbollah bleibt Israels Feind Nummer 1

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Im Libanonkrieg starben fast 1500 Menschen. Dieses Mädchen wurde aus den Trümmern eines Hauses gerettet.

Tel Aviv - An Israels Grenze zu Libanon kommt es immer wieder zu Zwischenfällen, manche davon tödlich. Im Falle eines neuen Krieges mit der Hisbollah hätten vor allem die Zivilbevölkerungen zu leiden.

Chani Sussman

Chani Sussman ist eine starke Frau, das merkt man sofort. Die 36-jährige Israelin sitzt in ihrem gemütlichen Wohnzimmer auf einem rot gestreiften Sofa und lächelt freundlich. Auf einer Kommode hinter ihr steht das eingerahmte Foto eines bärtigen jungen Mannes, der ein Baby auf dem Arm hält. Es ist ihr Mann Gilad, der vor zehn Jahren als Soldat im Libanon-Krieg gefallen ist. „Unser Sohn Lavi war damals erst acht Monate alt“, erinnert sich die Witwe. Der heute Zehnjährige sitzt auf einem Sessel und liest ein Buch aus der Percy-Jackson-Serie. Seinen Vater kennt er nur von Bildern.

Die Kampfhandlungen zwischen Israel und der libanesischen Hisbollah-Miliz hatten am 12. Juli 2006 nach der Entführung zweier israelischer Soldaten in den Libanon begonnen. Die harten Kämpfe dauerten einen Monat - damit war es einer der längsten Kriege in Israels Geschichte. Auf der libanesischen Seite wurden mehr als 1200 Menschen getötet, auf der israelischen mehr als 160 Soldaten und Zivilisten.

Eine Untersuchungskommission machte Israels damaligen Ministerpräsidenten Ehud Olmert und seinen Verteidigungsminister Amir Perez später für „schwere Fehler“ im Libanon-Krieg verantwortlich. In einem Brief zum 10. Jahrestag des Kriegs mit dem nördlichen Nachbarland schrieb Israels Armeechef Gadi Eisenkot allerdings, rückblickend habe die militärische Konfrontation der Hisbollah einen „schweren Schlag versetzt“ und Zivilisten auf beiden Seiten der Grenze eine fortwährende Zeit der Ruhe verschafft.

Gilad Sussmann war als 26-jähriger Reservist in den Krieg geschickt worden. Wenige Tage vor Kriegsende wurde er tödlich von einer Hisbollah-Rakete getroffen, als er im libanesischen Dorf Dibil an einem Einsatz gegen Raketenabschuss-Rampen beteiligt war. „Als ich die Mitteilung erhielt, war es so, als ob mir der Boden unter den Füßen weggerissen wird“, erzählt Sussman. „Aber in der Sekunde danach dachte ich, ich muss leben, ich habe ein Kind.“

Gegenwärtig arbeitet sie mit ihrer Familie an einem Film über Gilad. „Es ist vor allem für meinen Sohn wichtig - je älter er wird, desto mehr wird ihm bewusst, was ihm fehlt.“ Sussman ist religiös, das gibt ihr einen gewissen Halt. „Ich glaube, dass Gilad nicht grundlos gestorben ist - aber das macht es nicht leichter.“ Sie glaube an Gott. „Aber deshalb darf ich trotzdem wütend sein.“

UNIFIL-Mission soll Waffenschmuggel vor der libanesischen Küste verhindern

Nach dem Krieg wurde die internationale UNIFIL-Mission in die Region entsandt. Auch Deutschland ist mit gegenwärtig rund 130 Soldaten beteiligt. Sie soll Waffenschmuggel vor der libanesischen Küste verhindern, vor allem für die Hisbollah. Der Einsatz wurde gerade um ein weiteres Jahr verlängert.

Auch zehn Jahre nach dem Krieg bleibe die Hisbollah als verlängerter Arm des Erzfeinds Iran für Israel die größte Bedrohung in der Region, sagt Armeesprecher Arye Shalicar. „Wir gehen davon aus, dass die Hisbollah über ein Arsenal von mehr als 100 000 Raketen verfügt“, so der Sprecher. Einige Tausend davon hätten eine Reichweite bis Tel Aviv und darüber hinaus. Besonders problematisch sei, dass viele der Raketen in Dörfern inmitten der Zivilbevölkerung gelagert würden.

Die Hisbollah habe derzeit zwar wahrscheinlich kein Interesse an einem neuen Krieg, sagt Shalicar. „Aber man kann sich nie sicher sein.“ Nach Informationen des israelischen Militärgeheimdienstes hat die Hisbollah im Syrien-Krieg bisher rund 1400 Kämpfer verloren - doppelt so viel wie im Krieg gegen Israel vor zehn Jahren.

Die Beteiligung am Syrien-Krieg an der Seite des Assad-Regimes hat die Hisbollah einerseits geschwächt, andererseits verfügen die Mitglieder der Miliz jetzt über jahrelange Kampferfahrung. Ein ranghoher Militär sagt in Tel Aviv, Hisbollah gefährde Israel viel stärker als etwa das Terrornetzwerk Islamischer Staat. Man rechne damit, dass die libanesische Miliz täglich 1000 bis 1400 Raketen auf Israel „herabregnen“ lassen könnte, sollte es erneut zum Krieg kommen. Im Libanon-Krieg 2006 seien täglich 100 bis 200 Raketen auf Israel abgefeuert worden. Israel arbeitet daher ständig am Ausbau seiner mehrstufigen Raketenabwehr sowie seines Bunker- und Frühwarnsystems.

Der Chef des israelischen Militärgeheimdienstes, Herzl Halevi, erwartet im Kriegsfall noch deutlich größere Härten für die Zivilbevölkerung beider Länder. Israel werde wohl Schaden erleiden, sich davon aber erholen, sagte er zuletzt bei einer Konferenz. „Der Libanon würde hingegen ein Land voller Flüchtlinge.“

dpa

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