Am Dienstagabend wurde er ausgestrahlt

"Inside IS": Daran krankt der Film von Jürgen Todenhöfer

  • schließen
  • Weitere
    schließen
Jürgen Todenhöfer reiste für seine Dokumentation "Inside IS" zehn Tage durch das Gebiet des "Islamischen Staats".

München - Publizist Jürgen Todenhöfer begab sich für seine Dokumentation "Inside IS" in das Zentrum des Kalifats. Es gibt einige Probleme bei dem Film. Die TV-Kritik.

Jürgen Todenhöfer hat sich für seine Dokumentation "Inside IS" und das gleichnamige Buch an - für christliche, westliche Menschen - wohl einige der gefährlichsten Orte der Erde begeben. Nämlich in das Gebiet des "Islamischen Staats", der in Syrien und dem Irak ein Kalifat errichtet hat und von dort aus gegen den Westen Krieg führt. Am Dienstagabend wurde der umstrittene Film zum ersten Mal ausgestrahlt. Jedoch nur auf dem öffentlich-rechtlichen Spartenkanal "Phoenix". Für das Selbstverständnis von Todenhöfer selber und für die Brisanz des Themas möglicherweise etwas zu wenig.

Doch die Dokumentation war schon vor ihrer Veröffentlichung ziemlich umstritten. Todenhöfer, der auf Einladung des Kalifats insgesamt zehn Tage beim IS verbrachte, wurde Selbstdarstellung und die kritiklose Veröffentlichung der Ideologie des Islamischen Staats vorgeworfen. In erster Linie richtet sich seine Kritik gegen den Westen im Allgemeinen und die USA im Besonderen. Wer einmal lesen will, in welche Richtung seine Argumentation geht: Gegenüber der "tz" äußerte sich der ehemalige CDU-Abgeordnete und Burda-Manager auch schon darüber, wie der IS besiegt werden könnte.

"Inside IS": Angeblich wichtiger Propaganda-Mann des Kalifats stammelt herum

Die nun erstmals veröffentlichte Dokumentation über Jürgen Todenhöfers Besuch in der IS-Hauptstadt Rakka und dem nordirakischen Mossul hat einige Probleme: Zum einen sieht der Publizist eben auch nur das, was das Kalifat ihn sehen lassen will. Dazu gehört auch der deutsche Kämpfer Christian Emde, der sich den Kampfnamen Abu Qatada gegeben hat. Mit ihm spricht Todenhöfer recht ausführlich, besser gesagt lässt er diesen ausführlich seine Propaganda-Sprüche von sich geben. Und diese nicht einmal sehr geschliffen. Oftmals stammelt der Extremist nur vor sich hin. Laut Todenhöfer ist er eine "zentrale Figur in der Medienabteilung des IS."

Bei Gesprächen mit IS-Richtern, Polizisten und Kämpfern des Kalifats wird die Ideologie des IS weiter auch im Nachhinein recht unreflektiert wiedergegeben. Ein Mann soll Jürgen Todenhöfer sogar gedroht haben, "nach Deutschland" zu kommen und ihn "suchen finden und töten" zu wollen. Einen Beweis gibt es für diese Worte allerdings nicht, denn das fragliche Interview wird abgebrochen, ohne den Zuschauern einen triftigen Grund dafür zu liefern.

"Inside IS": Kaum neue Erkenntnisse über den Islamischen Staat

Zudem liefert die Dokumentation auch im Vergleich zu dem Buch kaum neue Erkenntnisse über den Islamischen Staat, die nicht sowieso schon bekannt gewesen wären. Überraschend ist jedoch der Auftritt eines maskierten Fahrers des IS-Regimes, bei dem es sich laut Jürgen Todenhöfer um "Jihadi John" handeln soll. Einen der Henker des IS, der auch immer wieder in den grausamen Videos zu sehen ist und vor kurzem getötet wurde.

Auch werden in der "Inside IS"-Dokumentation immer wieder Propaganda-Aufnahmen des Islamischen Staats unkommentiert und unreflektiert eingeschnitten. Dadurch wird den Extremisten umsonst jene Bühne geboten, die sie sich auch im Westen gerne wünschen. Dem gegenüber steht die permanente Kritik an den USA, die laut Todenhöfer an der Situation im Irak und Syrien Schuld sind. Eine sicherlich nicht falsche, jedoch reichlich eindimensionale Analyse der Situation. Fast wirkt es so, als würde der Publizist seine mutige Dokumentation auch für eine persönliche Offensive gegen die Vereinigten Staaten nutzen.

bix

TV-Kritik: Pressestimmen zur Dokumentation  "Inside IS" von Jürgen Todenhöfer

Der Berliner "Tagesspiegel" bringt seine Kritik an "Inside IS" von Jürgen Todenhöfer folgendermaßen auf den Punkt: "[...] Todenhöfer ist kein Peter Scholl-Latour oder Dieter Kronzucker. Ihm fehlt die Neutralität eines ausgebildeten Korrespondenten." Der Film bietet aber einiges an exklusivem Bildmaterial: "Weil es außer einer Reportage der US-Mediengruppe Vice so gut wie kein Videomaterial von westlichen Journalisten aus dem Islamischen Staat gibt, ist Todenhöfers Film 'Inside IS' dennoch ein aufschlussreiches Dokument."

Die "Süddeutsche Zeitung" resümiert: "Jürgen Todenhöfer bereist den Islamischen Staat. Wer sich nicht ständig ärgern will, sollte dessen Selbstbespiegelung ausblenden und sich auf den Inhalt konzentrieren." Die Doku "Inside IS" biete gelegentlich (unfreiwillig) komische Momente, "etwa, wenn der deutsche Nicht-Muslim Todenhöfer als einziger in einer Gruppe Basarhändler einen schlecht gewickelten Turban trägt, während die Araber ihrem Haupthaar reichlich Luft gönnen". Zwar biete die Doku exklusive Einblicke in das Alltagsleben unter dem "Islamischen Staat". Allerdings bekommen die Filmemacher exklusiv das zu sehen, was der IS ihnen zeigen will. "Wie nicht anders zu erwarten, dürfen Todenhöfer und sein Sohn, der die Kamera führt, sich nicht frei bewegen. Sie müssen drehen, was ihnen vorgesetzt wird. Und das erinnert an das, was Berichterstattern in Nordkorea oder im Syrien Baschar al-Assads gezeigt wird. Menschen, die Regime und Ideologie bejahen."

Die "F.A.Z." meint in ihrer TV-Kritik zu "Inside IS": "Ein Propagandafilm für den IS ist das nicht, wie Kritiker Todenhöfers behaupten. Die Doku entlarvt, wie die Propagandamaschine des IS funktioniert, eröffnet erschreckende Einblicke in den Alltag der Terrormiliz und zeichnet ein Psychogramm von IS-Protagonisten. Das macht jedem klar, mit welchem Gegner wir es zu tun haben." Auch sei Jürgen Todenhöfers These, wonach der Irak-Krieg am Erstarken des IS schuld sei, nicht von der Hand zu weisen." Dennoch habe sich Todenhöfer möglicherweise für die Selbstdarstellung des IS instrumentalisieren lassen. "Offen bleibt in dem Film jedoch, was den IS – nach der Einladung von Abu Qatadah – veranlasst hat, Todenhöfer in sein Reich zu lassen."

Auch der "Focus" kritisiert die Darstellung des IS unter der Regie des IS: "Gäbe es nicht die Kommentare Todenhöfers, man könnte den Film als Propaganda direkt ans Kalifat weiterreichen." Grundsätzlich sei Jürgen Todenhöfers Versuch, den Islamischen Staat zu entlarven, aber eine lobenswerte Absicht: "Und wahrscheinlich ist es schlicht lächerlich, mit einem 45-minütigen Filmchen gegen eine vollkommen skrupellose Organisation aufzubegehren. Aber wie der Islam-Experte (der amerikanische Islamgelehrte Hamza Yusuf; Anm. d. Red.) am Ende der Doku sagt: 'Es ist besser, eine Kerze anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen'."

Zurück zur Übersicht: Politik

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser