Eine TV-Kritik

"Dann gehe ich ..." Erdogan-Anhänger sprengt Illner-Talk

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Mustafa Yeneroglu (2.v.r.) polarisierte im ZDF-Talk.

München - Es ist ein Satz, der viel aussagt über die Art und Weise, wie in der Türkei wohl künftig umgegangen werden soll. Gefallen ist er in der TV-Sendung "Maybrit Illner" - von einem in Deutschland aufgewachsenen AKP-Mitglied. Eine TV-Kritik.

„Wenn Sie mich jetzt nicht ausreden lassen, dann gehe ich.“ Mustafa Yeneroglu ist Mitglied der türkischen Mehrheitspartei AKP und er ist bekannt für seinen harten Verteidigungskurs der Politik Erdogans in Deutschen TV-Talks. Er ist in Deutschland aufgewachsen und hat hier studiert, ehe er in der Türkei Politiker wurde. 

Yeneroglu scheint wie der verlängerte Arm Erdogans, der ihn gegen alles verteidigt. Für die Böhmermann-Klage, für die Journalistenverhaftungen und nun auch für die von Erdogan vorgegebenen "Säuberungen" des Staatsapparats. Der türkische Präsident ist für ihn ein lupenreiner Demokrat.

Verteidungungswahn von Yeneroglu

"Erdogans Rache – Ist die Türkei noch unser Partner?", fragte Maybrit Illner am Donnerstagabend im ZDF. Die Sendung entgleitet schnell und Yeneroglu, der Anfangs noch sachlich über den Putsch spricht, entlarvt sich in Lichtgeschwindigkeit als einer, der Erdogan blind folgt. Schließlich gipfeln seine Rundumschläge in der Ansage an die Moderatorin: "Frau Illner, Sie verstehen gar nichts von der Situation in der Türkei." Die kontert: "Aha, soll ich jetzt einfach gehen?!" 

Die Nachrichten der vergangenen Tage widerlegen den Verteidungungswahn Yeneroglus. Oder wer will mit Blick auf die Ereignisse der vergangenen Tage wirklich behaupten, dass etwa die Rechtsstaatlichkeit in der Türkei nicht außer Kraft gesetzt ist? Dass regimekritische Bürger oder Beamte und vor allem Journalisten und Medien frei heraus ihre Meinung sagen können?

Yeneroglu sieht das naturgemäß anders als Illners Runde, in der Andreas Scheuer stets betont, dass es so zu keinen Beitrittsverhandlungen mit den Türken kommen darf. Die Bundestagsabgeordnete der Linken, Sevim Dagdelen, soll laut Yeneroglu den PKK-Terror verteidigen - alles schon mal gehört. Sie hält den derzeitigen Zustand in der Türkei für eine Diktatur. Welt-Korrespondent Deniz Yücel hat den Putsch vor Ort erlebt und befürchtet eine totalitäre Herrschaft.

Historiker vergleicht Türkei mit Drittem Reich

Schließlich ordnet der Historiker Michael Wolffsohn den Putsch noch einmal ein: Er vergleicht ihn mit der Machtergreifung von Hitlers Nazis in Deutschland. Das bestreitet Yeneroglu - natürlich. 

Maybrit Illner macht jetzt fünf Wochen Sommerpause. Für sie ist es ein Ende des ersten Halbjahres mit einem faden Beigeschmack. Für die Zukunft ist es sicherlich im Sinne einer ausgewogenen Sendung, Erdogan-Befürworter einzuladen. Allerdings sollten sie an demokratischen Diskussionsmaßstäben gemessen werden. Und zwar an denen, die in Deutschland gelten.

Focus-Autorin Carin Pawlak liefert in ihrer TV-Kritik noch ein interessantes Detail: Sie sei von Helfern Yeneroglus auf Facebook angeschrieben worden. Der Grund: Sie solle doch bitte mit diesem ein Gespräch suchen, um die derzeitige politische Situation in der Türkei zu verstehen.

Hier finden Sie den News-Blog zum versuchten Putsch in der Türkei.

mke

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