Früherer Innen- und Außenminister

Zum Tod von Hans-Dietrich Genscher: Weggefährten erinnern sich

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
1972: Verhandlung mit einem der Terroristen (2. v. l.) der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher

München - Zum Tod von Hans-Dietrich Genscher (89, FDP) erinnern sich Weggefährten in der tz an große Momente mit dem früheren Außen- und Innenminister.

So erlebte ein Augenzeuge Genschers Rede 1989 in der Prager Botschaft

„Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“ – der Rest ging im Jubel, der 5000 DDR-Bürger unter, die bis zum 30. September 1989 auf das Gelände in bundesdeutschen Botschaft in Prag geflüchtet waren. Mit auf dem berühmten Balkon damals: Peter Bürger. Als Sprecher der Flüchtlinge hatte geholfen, die Lampen und das Megafon für Genschers historischen Moment zu montieren. Jede Sekunde von damals kann Bürger noch abrufen. So tief haben sie sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Dazu gehört auch das Bild von Genscher. „Er war zwar nach außen hin ruhig und trat ganz als Diplomat auf, aber auch bei ihm war zu spüren, wie emotional ihn das alles berührte. Er hat ja dann auch gesagt, dass er sich gut in uns hineinfühlen kann, weil er 53 Jahre zuvor den selben Weg gegangen sei.“ Genscher – für Bürger war er ein „ganz herausragender Mensch“. „Welcher Politiker macht das schon. Entlässt sich nach einem Herzinfarkt selbst aus der Klinik und fliegt schwerkrank nach New York, um sich für Flüchtlinge einzusetzen! Meine Dankbarkeit und Verehrung sind ihm für alle Ewigkeit gewiss!“ Bürger sieht in Genscher eine Art Geburtshelfer, den Mann, dem er ein neues Leben verdankt. Denn in der DDR sah der gelernte Restaurantfachmann keine Zukunft mehr. Wegen der „Vorbereitung zum illegalen Grenzübertritt in schwerem Fall“ saß er im Knast, erlebte danach nur noch Schikanen. Genschers Tod traf Bürger mitten ins Herz: „Ich bin am Donnerstag 60 geworden und war total schockiert, als ich erfahren habe, dass er ausgerechnet in der Zeit gestorben ist, in der ich gefeiert habe.“

Alt-OB Kronawitter erinnert an Genschers Mut beim Olympia-Terror 1972

Wenn Hans-Dietrich Genscher in den letzten Jahren in Interviews Lebensbilanz zog, zögerte er auf die Frage nach dem schwärzesten Moment seiner politischen Karriere keine Sekunde: „Der Tiefpunkt war ganz sicher München 1972.“ Der FDP-Politiker war Bundesinnenminister, als palästinensische Terroristen das Olympische Dorf überfielen und neun israelische Athleten als Geiseln nahmen.

Georg Kronawitter (87), der damals Münchner Oberbürgermeister war, erinnert sich im Gespräch mit der tz voller Bewunderung an Genschers Rolle in diesen schweren Tagen: „Wir alle bewunderten seinen Mut, als er allein, ohne Schutz, ohne Sicherheit mit den Terroristen verhandelte – ganz im Vertrauen, etwas zu erreichen.“ Heute wäre es nicht mehr vorstellbar, dass ein Minister sich in derartige Gefahr begibt. Genscher bot sich den Terroristen sogar als Ersatzgeisel an, wenn sie die israelischen Sportler freilassen würden – doch die Palästinenser lehnten ab. Kronawitter bewundert diesen Mut noch heute: „Genscher wusste ja nicht, ob die Terroristen sich an die Absprachen halten würden.“

Der Alt-OB wird die „schrecklichen Bilder“, die sich den Politikern dann nach dem missglückten Befreiungsversuch auf dem Fürstenfeldbrucker Flugfeld boten, nie vergessen: „Von Granaten zerstörte Hubschrauber, die Toten – es war so grauenhaft.“ Genscher soll nach dem Blutbad seinen Rücktritt erwogen haben. Schließlich blieb er im Amt – und ließ als Konsequenz aus dem Desaster die GSG 9 gründen.

FDP-Ministerin Leutheusser-Schnarrenberger über Genscher: Er lebte für Europa

Ich habe einen Freund und Vertrauten verloren.

Hans-Dietrich Genscher war der bedeutendste deutsche liberale Politiker der letzten Jahrzehnte. Er war der Kämpfer für die Überwindung des Kalten Krieges, der Mitbegründer der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) und der Architekt der deutschen Einheit. Er verkörperte Politik mit Weitsicht, mit Mut und mit Prinzipien. Er lebte für Europa sein Leben lang.

Er war über zwei Jahrzehnte die prägende außenpolitische Instanz in Deutschland, Europa und weltweit.

Für mich war er von Anbeginn meiner politischen Tätigkeit Ratgeber, Vorbild, Vertrauter und Freund. Sein Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen 1992 war Ursache und Beginn meiner Ministertätigkeit, denn als der damalige Bundesjustizminister Klaus Kinkel ihm im Auswärtigen Amt nachfolgte, wurde ich die Nachfolgerin im Bundesjustizministerium. Er hat mich beim großen Lauschangriff unterstützt, er hat sich für Opfer von Menschenrechtsverletzungen eingesetzt und entscheidend an der Freilassung von Michael Chodorkowsky mitgewirkt. Ich habe seinen Humor, seinen Witz geschätzt. In Bayern war er deshalb sehr beliebt, die Menschen mochten ihn und waren von seiner Ausstrahlung eingenommen.

Mit ihm die Festspiele in Bayreuth zu genießen, nach der Vorstellung zu feiern und einfach Spaß zu haben, bleibt unvergessen.

Bis zum Schluss hat er um sein Leben gekämpft. Nach 89 Jahren ist es erloschen.

Danke für Alles.

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Ex-Bundesjustizministerin und Ex-Chefin der bayerischen FDP

Trauer um Hans-Dietrich Genscher

Trauer um Hans-Dietrich Genscher

Zurück zur Übersicht: Politik

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser