Gerichtsverfahren könnte Ausbau verzögern

Naturschützer wollen gegen sechsspurigen A8-Ausbau klagen

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Nachts leuchten die Sterne über der A8 nahe Anger. Der Charakter der Region würde sich bei einem Ausbau gravierend verändern.

Landkreis - Der Bund Naturschutz plädiert weiter für eine vierspurige Autobahn plus Standstreifen. Die Pläne sehen aber sechs Spuren zwischen Rosenheim und Salzburg vor. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

Schlägt die sechsspurige A8 eine Tiefe Schneise in die Region? Der Bund Naturschutz befürchtet genau das. Dessen Mitglieder verfolgen das Ziel, natürliche Lebensgrundlagen von Menschen, Tieren und Pflanzen sowie die biologische Vielfalt an sich vor weiterer Zerstörung zu bewahren und wiederherzustellen. Beim A8-Ausbau ist das derzeit nicht gegeben. Die Gesamtkosten für das Projekt liegen nach vorläufigen Schätzungen bei rund einer Milliarde Euro.

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Der Bund Naturschutz als gesetzlich anerkannter Natur- und Umweltschutzverband fordert eine Planung, die Interessen von Anwohnern und Natur Vorrang vor Interessen von Autofahrern gibt. Mit dem geplanten 6+2-Ausbau - also sechs Fahrspuren plus zwei Standstreifen - werde dieser Anspruch nach einer umweltverträglichen Lösung nicht erfüllt und deshalb abgelehnt.

Als Alternative schlägt der Bund Naturschutz einen 4+2-Ausbau - also vier Fahrspuren wie bisher plus zwei Standstreifen - mit Tempolimit und gegebenenfalls Extra-Spuren für Lkw an Steigungen vor. Diese Variante nehme Rücksicht auf die einzigartige Voralpenlandschaft, eine der schönsten Landschaften Deutschlands.

Und mit dieser Meinung steht der Bund Naturschutz nicht alleine da. Auch Verkehrsexperten sehen einen vierspurigen Ausbau der A8 als ausreichend an. Ebenso hat Bündnis 90/Die Grünen diese Meinung in der Vergangenheit immer wieder vertreten.

Ein Tempolimit führe laut Bund Naturschutz zu einer höheren Verkehrskapazität, zu geringerem Flächenbedarf, zu weniger Lärmbelastung sowie Schadstoff- und Feinstaubausstoß - und auch zu geringeren Bau- und Unterhaltskosten.

Laut Klimaschutzplan 2050 soll im Sektor Verkehr den Treibhausgasausstoß von 160 auf weniger als 98 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente bis 2030 gesenkt werden.

Laut Bund Naturschutz überwiegen die Nachteile des sechsspurigen Ausbaus die Vorteile:

Vorteile

  • Verbesserter Lärmschutz für Anwohner, aber das wäre auch beim 4+2-Ausbau möglich - sogar noch besser, weil mit reduzierter Geschwindigkeit leiser gefahren würde.
  • Technische Verbesserungen wie Regenrückhalteanlagen, aber das wäre ebenso beim 4+2-Ausbau möglich.

Nachteile

  • Erheblicher Flächenverbrauch durch Versiegelung von Autobahntrasse, Dammschüttungen, Lärmschutzanlagen und erweiterten Anschlussstellen.
  • Verlust landwirtschaftlicher Nutzflächen, die unter Umständen existenzbedrohend für Betriebe sein können.
  • Zwölf Natura-2000-Gebiete erheblich betroffen, darunter unersetzliche Schutzgebiete höchster Priorität, zum Beispiel das Kerngebiet der Tiroler Achen und die südlichen Chiemseemoore.
  • Zunahme von Lärmbelastung und Schadstoffausstoß durch Verkehrszunahme und höhere Realgeschwindigkeiten.
  • Starke Trennwirkung durch eine breite Autobahntrasse und Lärmschutzanlagen.
  • Optische Beeinträchtigung der Landschaft in einem bedeutenden Tourismusgebiet.
  • Weitere Versiegelung in Überschwemmungsbereichen. So war zum Beispiel die A8 nahe Grabenstätt im Juni 2013 aufgrund großflächiger Überschwemmungen fast eine Woche lang komplett gesperrt.
  • Die Landkreise Rosenheim mit Stadtgebiet, Traunstein und Berchtesgadener Land liegen komplett im Geltungsbereich der völkerrechtlich verbindlichen Alpenkonvention. Ziel der Alpenkonvention ist es, die Belastungen des Verkehrs für die Umwelt auf ein erträgliches Maß zu senken, nicht zu steigern.

Mehrfach hat der Bund Naturschutz in der Vergangenheit Vorschläge gemacht, wie die A8 ausgebaut werden könnte. Diese Vorschläge sind zum Beispiel beim Erstellen des neuen Bundesverkehrswegeplanes eingereicht worden.

Die Meinungen zum sechsspurigen Ausbau gehen auseinander. Viele - darunter die Experten der Autobahndirektion Südbayern - sind der Meinung, dass nur die große Variante Sinn macht. Denn bereits jetzt könne die A8 im Bereich München-Rosenheim-Salzburg kaum die Mengen an Verkehr aufnehmen. Vor allem Schwerverkehr stellt dabei ein Problem dar.

Das sagt der Bund Naturschutz Rosenheim

Die heutige A8 ist knapp 18 Meter breit, die künftige etwa 36 Meter. Das heißt, die aktuelle Breite der gesamten Autobahn ist künftig die Breite einer Richtungsfahrbahn, erklärt Peter Kasperczyk, 1.Vorsitzender der Kreisgruppe Rosenheim. "Einen Eindruck von der Breite gewinnt man zum Beispiel bei einer Fahrt auf der A8 von Rosenheim zum Irschenberg", sagt er.

Der gesetzlich vorgeschriebene Lärmschutz soll durch Lärmschutzwände beziehungsweise -wälle erreicht werden. Wer sehen möchte, wie das ausschaut, könne dies zum Beispiel an der A9 in München-Freimann oder Garching bei München.

"Die A8 verläuft in den Landkreisen Rosenheim, Traunstein und Berchtesgadener Land in einem landschaftlich besonders schönem Gebiet mit einer hohen ökologischen Wertigkeit", erklärt Peter Kasperczyk. Der Ausbau betreffe  Naturschutzgebiete wie die Mündung der Tiroler Achen, Landschaftsschutzgebiete wie den Bärnsee und dessen Umgebung sowie FFH-Gebiete wie die Moore südlich des Chiemsees. "Eine konkrete Gefährdung kann erst nach Bekanntgabe der genauen Streckenführung beurteilt werden", sagt der Vorsitzende der Kreisgruppe.

Einige Auswirkungen der zum Teil erheblichen Eingriffe im Bereich Achenmühle-Bernauer Berg lassen sich jedoch bereits jetzt konkret beschreiben:

  • etwa 19 Hektar dauerhafter Verlust durch Neuversiegelung von Wald, landwirtschaftlicher Nutzfläche und kleinflächigen Strukturen
  • rund 6 Hektar dauerhafter Verlust durch Überbauung von Biotopflächen
  • ungefähr 33 Hektar dauerhafter Verlust durch die Gestaltung von Straßennebenflächen und Böschungen
  • zirka 5 Hektar Waldrodung
  • knapp 25 Hektar Bedarf für Ausgleichs- und Ersatzflächen

Das sagt der Bund Naturschutz Traunstein

"Bisher gibt es für die Abschnitte, die den Landkreis Traunstein betreffen, noch keine endgültigen Planungen", erklärt Beate Rutkowski. "Es ist aber zu befürchten, dass vor allem hochsensible und einmalige Naturschutzgebiete betroffen sind." Absehbar ist bereits, dass das Anlegen von Böschungen und das Abgraben von Hängen etwa im Bereich Übersee-Bergen das Landschaftsbild erheblich verändern würde. Im Bereich der Anschlussstelle Traunstein sollen unter anderem Parkplätze verlegt werden. Dafür müssten große Waldgebiete gerodet werden.

"Sind wertvolle Landschaftsabschnitte erst einmal durch den Ausbau der Autobahn beeinträchtigt, ist mit weiterem Flächenverbrauch durch Schaffung von Gewerbe- und Freizeiteinrichtungen zu rechnen", erklärt die 1. Vorsitzende der Traunsteiner Kreisgruppen. Und das gilt auch für die anderen betroffenen Landkreise.

Daher werden die Mitglieder beim Bund Naturschutz die jeweiligen Planfestellungsbeschlüsse sorgfältig prüfen. "Sollte es Klagemöglichkeiten geben, die zu einer Verbesserung für Anwohner und Umwelt führen, wird der Bund Naturschutz von seinen Klagemöglichkeiten Gebrauch machen", erklärt Beate Rutkowski.

Das sagt der Bund Naturschutz Berchtesgadener Land

Die Kreisgruppe Berchtesgadener Land unterstützt den Anbau von Standstreifen an die bestehende Autobahn. Damit könnte die Verkehrssicherheit verbessert werden. "Ansonsten ist der Landschafts- und Flächenschutz ein gesamtgesellschaftliches Anliegen", erklärt Rita Poser, die 1. Vorsitzende der Kreisgruppe. "Und die Verkehrsmengen im Abschnitt Berchtesgadener Land rechtfertigen keinen sechsstreifigen Ausbau."

Nach wie vor sind die Mitglieder der Kreisgruppe bestrebt, den Neubau der Autobahn, die sogenannte Nordumfahrung nahe Piding durchzusetzen. Und das, obwohl ein Gutachten, das 2014 im Auftrag der Autobahndirektion Südbayern zu dem Ergebnis gekommen ist, dass die Bestandsvariante in der Gesamtabwägung die bessere ist. 

"Im Falle der Nordumfahrung wäre eine Klage die Option", sagt Rita Poser. "Ansonsten ist es abzuwägen, auch im Hinblick auf die Ergebnisse der Autobahnabschnitte in Rosenheim und Traunstein."

Katja Schlenker

Quelle: rosenheim24.de

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