13.000 Objekte und viele Gefühle

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All ihr Heiligen helft: Ferdinand Steffan bei seiner Finissage, die er mit allerlei Anekdoten und viel Gefühl über die Bühne brachte.

Wasserburg - "Ich hoffe, dass ich diesen Nachmittag emotional gut überstehe", deutete Ferdinand Steffan, 31 Jahre lang Leiter des städtischen Museums Wasserburg, zu Beginn seiner letzten Führung an, dass ihm der Abschied naheging.

Doch seine "Finissage" entwickelte sich trotz wehmütiger Gefühle zu einer unterhaltsamen Reise durch die Geschichten hinter den Geschichten der ausgestellten Objekte.

"Befreiung, Dankbarkeit, ein bisschen Enttäuschung": So umschrieb der scheidende Museumsleiter seine Gefühle, die am letzten Arbeitstag sichtlich Achterbahn fuhren. Die Augen strahlten bei jedem Ausstellungsstück, das er und seine Mitstreiter in den vergangenen 31 Jahren für die Nachwelt gerettet haben. Die temperamentvolle Gestik, mit der Steffan durch die Räumlichkeiten führte, demonstrierte die Energie, mit der er sich auch bei der letzten Führung ins Thema stürzte. Die Wortbeiträge zogen - dank bekannt lebendiger Schilderungen - in den Bann.

Ein letztes Mal sprang der Funke über - vom Heimatforscher auf den Bürger, der erstaunt feststellte, wie spannend die Ortsgeschichte sein kann. Doch als punkt 16 Uhr Schluss war und langer Applaus vom "Fanclub" aus Wegbegleitern und Heimatinteressierten sowie Vertretern der Stadt erklang, kämpfte Steffan sichtlich mit den Worten: "Irgendwann muss halt Schluss sein", lautete sein um Sachlichkeit bemühter Schlusssatz, bei dem die ansonsten kräftige Stimme des geübten Redners doch leicht zitterte.

Wer heute die vier Geschosse des städtischen Museums besichtigt, durch die perfekt geordneten Ausstellungen zur Stadt- und Familiengeschichte von Wasserburg, durch die lebendigen Präsentationen bäuerlicher Lebensart, von Handwerk und Gewerbe flaniert, kann sich kaum vorstellen, dass Steffans Arbeit vor 31 Jahren im Chaos begann. Denn Objekte aus der reichen Stadtgeschichte werden in Wasserburg schon seit 122 Jahren gesammelt. Bereits seit 1938 befinden sich die Bestände im Wasserburger Bürgerhaus aus dem 15. Jahrhundert in der Herrengasse. Die dortige Sammlung war vor 31 Jahren jedoch eher ein "Sammelsurium" an Objekten, die ungeordnet und in der Regel undatiert in übervollen Schränken und Regalen und auf einem sanierungsbedürftigen Dachboden aufbewahrt wurden.

Improvisation als Leitwort

Die ersten Vitrinen organisierte Steffan aus dem abgelegten Fundus der Landesausstellungen. "Improvisation war unser Leitwort", berichtete er. Damals begann auch seine Hauptaufgabe, die bis zum letzten Tag seine Arbeit prägte: detektivisch tätig zu sein. Steffan "fahndete" nach den früheren Besitzern eines alten Bauernschrankes, nach der Schrift, die sich hinter einem übermalten Stück einer Votivtafel versteckte, nach dem Maler eines Gemäldes, nach der Herkunft einer Aussteuertruhe. In jenen Anfangsjahren war er außerdem weniger Leiter eines Museums, vielmehr Bettler auf der Jagd nach Spenden - und Handwerker, der in einer Nacht-und-Nebel-Aktion sogar eine Außenwand des Museums öffnete, um einen Postschlitten hinein schieben zu können. Er war ein Jäger, der nicht locker ließ, bis die noch fehlende Hose für eine alte Uniform herbeigeschafft war, und Sammler, der ganze Nachlässe übernahm.

Steffans Neugier ist es zu verdanken, dass so manches Rätsel im Bestand, der heute über 13.000 Objekte umfasst, gelöst ist. Etwa jenes hinter den kaum sichtbaren Malereispuren, die zum Vorschein kamen, als im ersten Obergeschoss Gemälde aufgehängt werden sollten. Vorsichtig legten Steffan und sein Team spätgotische Fresken und Allianzwappen der einstigen Hausbesitzerfamilien von 1505 frei - weshalb heute das Museum als eines der wenigen in Bayern nicht nur die Stadt-, sondern auch die eigene Hausgeschichte erzählt.

Trotz vieler Erfolge gab es auch Niederlagen - wie jene des angeblichen "Meteoriten aus Evenhausen", der sich nach Untersuchungen in den USA als "simpler Findling" entpuppte. Solche Irrtümer gehören zur Geschichte der Heimatforschung und hätten deshalb auch ihren Platz im Museum, berichtete Steffan schmunzelnd.

Vermutungen, Legenden, Erzählungen, Fragmente von Urkunden, zerschlissene Akten, unvollständige Datensammlungen: 31 Jahre lang hat er außerdem wie ein Puzzler aus vielen kleinen Mosaiksteinchen so manche Ausstellung zusammengefügt - etwa die größte Möbelsammlung nach dem Nationalmuseum oder die Handwerkspräsentationen. Während Wasserburgs letzte Bürstenmacherfamilie ihre Werkstatt komplett dem Museum überließ, mussten Steffan und seine Mitarbeiter den Arbeitsplatz eines Nagelschmiedes aus einem Container des Wertstoffhofes fischen. Viele Objekte fanden außerdem als Folge von Leih- und Tauschgeschäften in den Fundus des Museums: Eine Christusfigur vom Kloster Altenhohenau ging während der Säkularisation in den Besitz eines Schreiners über, weil die Schwestern ihre Schulden nicht bezahlen konnten. Mit der Figur zahlte ein Nachkomme der Handwerksfamilie 100 Jahre später bei einem Baugeschäft seine Schulden, das es der Stadt gegen eine Fuhre Torf vermachte, erzählte Steffan.

Das Jagen und Sammeln, das detektivische Arbeiten, Ordnen und Strukturieren, Dokumentieren und Erfassen ist außerdem noch lange nicht zu Ende, das zeigte sich während der Finissage deutlich. Der Fundus des Museums ist voll mit Objekten, die noch darauf warten, in die Ausstellungen eingefügt zu werden - eine Arbeit, die ab heute Steffans Nachfolgerin übernimmt. Sie fängt im Gegensatz zu ihm nicht bei null an, sondern - dank ihm - in einem gut strukturierten Heimatmuseum. "Es stellt ein Lebenswerk dar, das sich sehen lassen kann", würdigte Alt-Bürgermeister Dr. Martin Geiger abschließend die 31-jährige Arbeit des Museumsleiters.

Heike Duczek (Wasserburger Zeitung)

Quelle: rosenheim24.de

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