Von wegen immer die alte Leier

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Rosenheim - Ein Ameranger verbreitet Jahrmarktsstimmung: Mit seiner Drehorgel bewegt Joachim Voit nun schon seit zehn Jahren die Gemüter der Besucher am Haupteingang.

Musik muss von Herzen kommen. Soviel steht fest. Wann – wenn nicht zur Herbstfestzeit bekommt man viel Musik ins Ohr geschmettert. Meist mit kostspieliger Technik, der Stromversorgung sei Dank. Doch es gibt auch die "echte Musik", die einer aus der Region ganz besonders gut beherrscht: Joachim Voit.

Jeden Sonntag am Haupteingang

Seit 2004 ist der Ameranger nicht mehr wegzudenken vom Rosenheimer Herbstfest. Er und seine Drehorgel sind fester Bestandteil der Wiesn im Landkreis. Jeden Sonntag zur Herbstfestzeit dreht er an der Leier. Und das mit viel Geschick und Frohsinn. Immer wieder macht er Musik ohne Stromkabel und Equalizer.

Mit Schmalz im Arm und musikalischem Gehör schafft er es stets, Jung und Alt zum Staunen zu bringen. Dabei hat das Drehorgel-Spielen nichts mit Zauberei zu tun. Ganz einfach sind die unsichtbaren Abläufe jedoch nicht zu erklären: Der Aufbau der Drehorgel entspricht im Prinzip einer fest stehenden Pfeifenorgel, wie etwa in Kirchen. Mit Hilfe einer Kurbel wird über eine sogenannte Pleuelstange der Balg betätigt, der dann im Inneren Wind erzeugt. Der Wind wird in einem Magazinbalg gespeichert, abgefedert und auf einen konstanten Druck gebracht. Über der Windlade, die eine Vielzahl von Ventilen enthält, steht das ebenso unverzichtbare Pfeifenwerk. Jedem Ventil ist ein gezielter Ton zugeordnet, gesteuert durch die Spieleinrichtung. Dies geschieht meist mechanisch. Die Drehung der Kurbel steuert also den Tonträger. Der Musiker braucht keine Noten zu lesen, da die Drehorgel das Stück bereits im Kasteninneren hat.

Was bis Anfang des 20. Jahrhunderts durch die sogenannte Stiftwalze geprägt war, passiert nun durch ein eingelegtes Lochband. Durch Lochbänder ist ein Ende der Spieldauer nur durch den Menschen selbst zu verwalten. Ein Endloswerk sozusagen. Auch den Ameranger fasziniert die alte Technik der gestanzten Notenrollen. Und Joachim Voit beweist Stilbewusstsein: Stets korrekt gekleidet mit Frack und Zylinder dreht er seine musikalischen Runden. Muskelkater kennt er nicht. „Es ist körperlich nicht anstrengend, es ist eine mentale Leidenschaft die ich nicht mehr missen möchte“ berichtet Voit mit leuchtenden Augen.

Über Weihnachtsmusik zum Herbstfest

Wie er zu den Einsätzen auf dem Rosenheimer Herbstfest gekommen ist: „Eigentlich über einen Abstecher auf dem Christkindlmarkt!“ erzählt der gelernte Raumausstatter weiter. „Vor 10 Jahren trat ich an den früheren Geschäftsführer des Wirtschaftlichen Verbandes Rosenheim, Herrn Robert Aberger, heran und bat um Erlaubnis, mit meiner Drehorgel Weihnachtsmusik auf dem Christkindlmarkt spielen zu dürfen. Diese Idee fand sehr großen Anklang und so spielte ich bereits ein Jahr später auch auf dem Rosenheimer Herbstfest.“

„Das ist jetzt heuer auch schon wieder mein zehntes Einsatzjahr hier am Haupteingang auf der Lorettowiese“ denkt Joachim Voit laut und strahlt glücklich. „Und jedes Jahr ist immer wieder toll!“ Was macht die Atmosphäre auf dem Herbstfest aus, wo doch eigentlich alles recht hektisch und laut zugeht? Die schnelle Antwort von Joachim Voit: „Es ist eine kleine, oft nur wenige Minuten andauernde Auszeit der vorbeischlendernden Besucher, die meiner Melodien lauschen. Aber diese Minuten, ach was sag ich, manchmal auch nur Sekunden des Vorbeiziehens, geben eine Atmosphäre an die Besucher weiter, die glücklich erscheinen lässt. Melodisch inspiriert ins große Getümmel zu starten, löst Freude aus. Bei den Besuchern und bei mir.“

Drehorgel auch als Partygag

Doch nicht nur einmal im Herbst und nochmal im Winter holt er sein Instrument aus der Ecke. Auch zu Trauungen und Geburtstagen wird Drehorgelspieler Joachim Voit gerne in die Runde geholt.

„Es hat was Besonderes, dass aus diesem Kasten mit etwas Rhythmus bemerkenswerte Musik ertönt“, zeigt Voit. „Dieses robuste und handwerklich gefertigte Instrument funktioniert mechanisch und das ist etwas zeitloses.“ Wie Recht der Ameranger Geschäftsmann hat. Denn ein Blick auf die Uhr lässt erahnen, dass alles andere als Zeit noch übrig ist für heute.

Es heißt wieder: Ran an die Arbeit. Doch nicht an die Drehorgel, sondern an Werkzeug und Material. „Unter der Woche bin ich Handwerker, und am Wochenende zücke ich manchmal den Zylinder“.

Regina Mittermair

Quelle: rosenheim24.de

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