Bahn in die Stadt ist Vergangenheit

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Der Bau der Bahntrasse im Jahr 1902 durch schwieriges Gelände in die Stadt war eine technische Meisterleistung. Heute habe die Bahn an dieser Stelle keine Zukunft mehr, so die Meinung der Stadtrats-Mehrheit.

Wasserburg - Nach 109 Jahren ist die Geschichte der Lokalbahn Reitmehring-Wasserburg endgültig beendet. Der Bau der Bahntrasse im Jahr 1902 durch schwieriges Gelände war eine technische Meisterleistung.

Der Stadtrat stimmte am Donnerstag Abend nach einer teils emotionalen Diskussion mit großer Mehrheit für die endgültige Stilllegung der Bahnlinie.

Nach vier Stunden war das Ergebnis von 18 Stimmen gegen die Reaktivierung keine Überraschung mehr: Bereits im Vorfeld hatte sich abgezeichnet, dass eine große Mehrheit der Stadträte dem Gutachten folgen wird, das im Herbst vorgelegt worden war. Das hatte kein ausreichendes Fahrgast-Potenzial und damit keinen volkswirtschaftlich vertretbaren Effekt einer Wiederinbetriebnahme des Zugverkehrs auf den vier Kilometern gesehen, auf denen seit dem Dammrutsch im März 1987 kein Zug mehr gefahren ist.

Trotzdem apellierten die verbliebenen sieben Bahnbefürworter im Stadtrat noch einmal engagiert und teilweise emotional dafür, die Option Bahn für die Wasserburger Altstadt nicht endgültig zu vergeben. Niemand wisse, was die Zukunft bringe, es gebe keine Not, jetzt etwas aufzugeben, das unwiederbringlich sei.

Das sah die Mehrheit anders. Mehrmals wurde zwar betont, dass das zuletzt massiv vorgetragene Interesse der Firma Meggle, die Bahntrasse endlich aus dem Betriebsgelände zu bekommen, keine wesentliche Rolle für die Entscheidung gespielt habe. Trotzdem hielten es die Stadträte nicht mehr für vertretbar, die Stilllegung weiter aufzuschieben: Meggle brauche Planungssicherheit, außerdem sei auch in Zukunft kein Potenzial für die alte Strecke mehr erkennbar, so Bürgermeister Michael Kölbl.

Der fasste zu Beginn den Sachstand und die wichtigsten Argumente zusammen. Wie in der Folge auch andere Redner bezeichnete er die Entscheidung als "historisch". Gleichzeitig wies er Vorwürfe zurück, die Stadt habe zu lange damit gewartet. Dies sei der frühestmögliche Zeitpunkt für einen fundierten Beschluss, nachdem die Stadt die Strecke 2004 gekauft hatte, aber erst seit 2009 klar sei, wie der Zugverkehr Richtung München künftig ausschauen wird.

Auch Bahntrasse ist FFH-Gebiet

Für eine Überraschung sorgte dann ein Gutachten von Andreas Pöllinger (Büro Schober). Das war notwendig, weil die komplette Innleite von Rosenheim bis Mühldorf als europäisches Schutzgebiet (Flora-Fauna-Habitat, FFH) ausgewiesen ist - einschließlich der Bahntrasse. Schober machte deutlich, dass jede Veränderung, auch die Reaktivierung einer genehmigten und theoretisch vorhandenen Bahn, auf ihre Umweltauswirkungen überprüft werden müsse. Konkret hatte er zwar den Auftrag, dies für einen ins Gespräch gebrachten Radweg auf der Trasse zu machen. Im Ergebnis wurde aber deutlich: Die Rodung der inzwischen zugewachsenen Strecke ist wohl denkbar, müsste aber sehr schonend passieren und dürfte damit relativ teuer sein. Größere technische Bauten, etwa Hang-Stützmauern oder eine Brücke, wären dagegen sehr problematisch.

Doch die Konsequenzen aus diesem FFH-Gutachten für eine Reaktivierung wurden gar nicht mehr intensiver diskutiert. Denn bereits bei der Abstimmung über zwei Anträge aus der Ausschussgemeinschaft wurden die Kräfteverhältnisse klar: Sieben Räte wollten die im Gutachten angesetzten und immer wieder als zu hoch kritisierten Kosten für die Wiederherstellung der Bahnstrecke noch einmal überprüft wissen, 18 sprachen sich dagegen aus. Dieses Stimmenverhältnis wurde bis zur endgültigen Abstimmung beibehalten.

Bürgermeister Kölbl fasste die Fakten aus seiner Sicht zusammen. Das Problem der Altstadtbahn sei letztlich der Fortschritt bei anderen Angeboten. Denn: Der Stadtbus sei angesichts der veränderten Siedlungsstruktur Wasserburgs weiterhin notwendig. Und die Züge der Bahnstrecke Rosenheim-Mühldorf mit ihrem künftig verdichteten Angebot könnten aufgrund des Bayerntaktes nicht an die Altstadtbahn angeschlossen werden. Damit stehe das Fahrgastpotenzial in keinem volkswirtschaftlich vertretbaren Verhältnis zum Aufwand - selbst wenn man von deutlich niedrigeren Baukosten ausgehen würde. Dies gelte auch für die Zukunft.

"Einzige Alternative zu Straße"

Genau diese Zukunftsfrage stand im Mittelpunkt der Bahnbefürworter. "Was ist in 20 oder 30 Jahren" fragte Christian Stadler von den Grünen unter anderem mit Blick auf die Benzinpreise. Es sei eine "Sorglosigkeit, die einzige Alternative zur Straße" in die Altstadt aufzugeben.

Ebenfalls kritisiert wurde die Rücksicht auf die Firma Meggle, die ihrerseits überhaupt nie versucht habe, ein Modell für ein Miteinander von Betriebsentwicklung und Bahn zu finden, obwohl diese vor der Firma dagewesen sei. "Die Entscheidung gegen die Bahn bringt nur einem Nutzen: der Firma Meggle", so Adil Oyan.

Mit Respekt beachtet wurde die Stellungnahme der Dritten Bürgermeister Marlene Hof-Hippke, die als einzige aus der SPD-Fraktion gegen die Stilllegung stimmte. Die Bahn sei keinesfalls von gestern, sondern "von morgen" - auf alle Fälle dort, wo man keine weiteren Straßen mehr bauen könne, wie in Wasserburg. Ihr Fazit: "Wenn man unsicher ist, gibt man nicht her, was man hat."

"Trotz Bahn kein Bus weniger"

Die Stellungnahmen der Reaktivierungs-Gegner gründeten im wesentlichen auf den Argumenten des Gutachtens. Es falle ihm nicht leicht, gegen die Bahn zu stimmen, so SPD-Fraktionssprecher Werner Gartner. Aber das Gutachten sei plausibel: "Auch mit Bahn würde kein Bus weniger fahren." Elisabeth Fischer erinnerte für die CSU-Fraktion daran, dass auch nach einer Reaktivierung enorme laufende Belastungen für den Stadthaushalt drohten. Und: "Die Firma Meggle wartet sei 20 Jahren auf konkrete Aussagen." Eine Verschiebung wäre auch eine Entscheidung gegen Meggle und damit gegen Arbeitsplätze und Gewerbesteuer. "Das würden viele Wasserburger Bürger zu spüren bekommen." Es gebe durchaus viele Gründe für die Bahn, so Friederike Kayser-Büker (SPD). Aber: "So hohe Kosten bei so geringem Nutzen kann man den Stadtbürgern nicht zumuten."

In der auf Antrag aller Fraktionen namentlichen Abstimmung waren schließlich Marlene Hof-Hippke (SPD), Dr. Hermann Budenhofer (Freie Wähler Reitmehring), Adil Oyan und Christian Stadler (Grüne), Markus Pöhmerer und Andreas Roder (Block) sowie Edith Stürmlinger (Bürgerforum) gegen die Stilllegung und offizielle Entwidmung der Strecke, alle anderen dafür.

koe/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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