Nachwuchs aus dem Kühlfach

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Seit 60 Jahren trägt die Meggle-Besamungsstation zur Zucht leistungsstarker Fleckvieh-Rinder bei.

Rottmoos/Wasserburg - Immer montags und donnerstags wird gesprungen in Rottmoos. Nicht von ungefähr übt die Torbogen-förmige Konstruktion einen ganz besonderen Reiz auf die Fleckvieh-Bullen aus, die in der Sprunghalle der Meggle-Besamungsstation zur Sperma-Abgabe "antreten".

Im Grunde genommen ist es mit eine der natürlichsten Sachen der Welt, die hier vor sich geht - wenngleich mit einem kleinen Unterschied: es fehlt die Kuh. Stattdessen wird das Ejakulat in einem Glas aufgefangen. Genauestens wird es im Labor unter anderem auf Volumen, Dichte, Farbe, Konsistenz und Anteil der beweglichen Spermien untersucht. Mit einer Gefrierschutzlösung verdünnt wird es dann in mehrere hundert Einzeldosen portioniert, in hauchdünne Röhrchen, die Straws, abgefüllt und tiefgefroren. Oberstes Gebot bei allen Arbeitsschritten ist hier die Hygiene. Die Kuh indes kommt erst mit der Samen-Bestellung aus dem Stierkatalog ins Spiel: Ihr spritzt der Besamungstechniker das aufgetaute Sperma mithilfe einer Inseminationspistole direkt in die Gebärmutter. Spitzenbullen bringen es auf diese Weise zu einer sechsstelligen Nachkommenschaft, ohne je eine Kuh besprungen zu haben.

Acht Besamungsstationen sichern in Bayern die Zucht leistungsstarker Rinder, vornehmlich des Simmentaler Fleckviehs. Für die zweitälteste, die Meggle-Station im Wasserburger Ortsteil Rottmoos, steht dabei in diesem Jahr ein runder Geburtstag an: Vor sechs Jahrzehnten, im Januar 1949, wurde die Einrichtung, die heute insgesamt 60 Mitarbeiter beschäftigt, als kleine Abteilung der Molkerei gegründet; seit 2001 firmiert sie als GmbH.

Deckseuchen wie Brucellose, Infektionskrankheiten also, die bei der Begattung übertragen werden, und Zoonosen, Tierkrankheiten, die auf den Menschen überspringen können, gaben für die Molkereien im Nachkriegsdeutschland den Ausschlag, fortan auf die weitaus hygienischere, künstliche Besamung zu setzen. Kriegsveterinäre hatten das Verfahren, dessen Einführung zunächst auf großen Widerstand in der bäuerlichen Bevölkerung stieß, aus der Sowjetunion "importiert".

Für die Rinderhalter indes lagen die Vorteile der künstlichen Besamung schnell auf der Hand. Schließlich bedeutete ein Stier auf einem gewöhnlichen Bauernhof nicht nur viel Arbeit und großen finanziellen Aufwand; auch ereigneten sich immer wieder Unfälle mit den teils sehr aggressiven Bullen, die schon mal 1500 Kilo auf die Waage bringen können. Zudem blieb das Erbgut gewissermaßen über Generationen hinweg in der Familie.

Täglich um vier Uhr früh wurde damals der Stier-Samen gewonnen und möglichst umgehend an die Kuh gebracht, schildert Geschäftsführer Dr. Wolfgang W. Lampeter die Anfänge. Im Zuge der Qualitätssicherung wurden in der Folgezeit zudem Zuchtprogramme entwickelt. So konnte die Station anfangs Zuwächse von jährlich 30 bis 40 Prozent bei der Anzahl der Besamungen verzeichnen. Heute beliefert das Unternehmen rund 5000 Viehhaltungsbetriebe - überwiegend in Bayern, aber auch im europäischen Ausland, in Süd- und Nordamerika sowie in Asien - mit hochwertigem Fleckvieh-Sperma aus Eigenproduktion. Sperma für andere Rassen wird zugekauft.

Einen wahren Quantensprung erlebte die künstliche Besamung in den 60er-Jahren. Einhergehend mit der Entwicklung der Leuchtstoffröhre wurde Flüssigstickstoff als Nebenprodukt hergestellt. Erst dies machte die Langzeitlagerung der Straws - jedes der 0,25-Milliliter-Röhrchen enthält etwa 18 Millionen bewegliche Spermien - bei minus 196 Grad Celsius möglich.

Insgesamt 40 Besamungstechniker, darunter auch einige Frauen, touren das ganze Jahr über durch den südostbayerischen Raum, beraten die Landwirte und nehmen jährlich 150000 Erstbesamungen vor. Im Gepäck haben die Außendienstler Tiefkühl-Container mit Sperma-Portionen von rund 100 verschiedenen Bullen; denn nur etwa ein Drittel der Bauern hat bereits bei der Bestellung den Vater der künftigen Kälber erkoren.

Mit einer "Trefferquote" von durchschnittlich über 70 Prozent beim ersten Versuch belegen die Meggle-Stiere im Landesvergleich regelmäßig einen der vorderen drei Plätze, so Lampeter. Einen Natursprung allerdings erleben seinen Schätzungen zufolge inzwischen 90 Prozent aller Kühe unter dem weiß-blauen Himmel niemals.

OVB

Quelle: rosenheim24.de

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