Tschernobyl: "Nukleares Absurdistan"

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Die Vegetation erobert die verlassenen Plattenbauten der Geisterstädte in der Sperrzone, zeigt dieses Foto von Martin Pavlik.

Wasserburg - Martin Pavlik macht seit Jahren auf die Folgen einer Atomkatastrophe aufmerksam - aus gutem Grund: Der Wissenschaftler hat die verseuchte Sperrzone von Tschernobyl besucht.

Martin Pavlik ist derzeit ein gefragter Experte: Fast täglich referiert er über die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, die sich am 26. April zum 25. Mal jährt. Ob das Interesse an der Havarie in der heutigen Ukraine so groß gewesen wäre, wenn es nicht erneut zu einem GAU, diesmal im japanischen Fukushima, gekommen wäre? Wohl nicht. Die Volkshochschule Wasserburg hatte den Referenten bereits vor einem halben Jahr zum Vortrag gebeten, "der jetzt unter einer traurigen Aktualität steht", wie VHS-Leiterin Marlene Hof-Hippke in der Begrüßung bedauerte.

Die Japan-Katastrophe

Pavlik reihte sich mit seinem Referat im Bürgerhaus nicht in die Liste namhafter Experten ein, die derzeit in den Medien über Strahlenwerte, Verseuchungsgrade und die bisher meist erfolglosen Versuche, die Katastrophe in Japan technisch in den Griff zu bekommen, berichten. Denn Pavlik ist kein Physiker, sondern Historiker mit Schwerpunkt Osteuropa. Und konzentriert sich deshalb auf die gesellschaftlichen und sozialen Folgen eines GAUs.

Bei seinem Besuch in der 30-Kilometer-Sperrzone von Tschernobyl, den er 2009 im Rahmen einer Forschungsexkursion abstattete, ist der Wasserburger auch aus dem Bus ausgestiegen. Er hat im "radioaktiven Absurdistan" die Ruinen der geräumten Häuser mit großer Vorsicht betreten, weil hier im Falle einer Verletzung keine Krankenwagen herbeizuordern sind.

Pavlik hat auch Fotos gemacht, die mehr über die Spätfolgen einer Atomreaktorkatastrophe aussagen als Strahlenstatistiken. Die Bilder zeigen die menschenleere Geisterstadt Prypjat, in der die Vegetation die verlassenen Plattenbauten erobert. Möbel, Kinderspielzeug, Bücher: Vieles steht noch genauso da wie am 26. April 1986. Aus breiten Boulevards sind zugewucherte Fahrstreifen geworden. Gewaltige Erdhügel bergen verstrahlte Siedlungen, in die Bagger die Häuser hineingeschoben haben. Die Infrastruktur in vielen Siedlungen ist bewusst zerstört worden, um Rücksiedler abzuschrecken.

Es regnete leicht, als Pavlik vor zwei Jahren die verseuchte Sperrzone besuchte. Gut für die Münchener Forscher, denn der Regen wäscht die atomaren Gifte in die Vegetation, wo der Geigerzähler nach wie vor dramatisch hohe Strahlenwerte misst.

Genau acht Minuten durfte sich Pavlik direkt vor dem Sarkophag des Reaktors aufhalten. Seine Fotos von Gerüsten zeigen, dass hier gearbeitet wird, weil die Schutzhülle aus Beton, unter der noch immer 150 Tonnen Reaktormasse ruhen, undicht sein soll, berichtete der Wissenschaftler. Noch immer arbeiten in der Sperrzone nach seinen Angaben 4000 Menschen, die den havarierten Reaktor bewachen und das Gelände kontrollieren. Nur ein paar Meter hinter der Sperrzonengrenze warten die Menschen in der ersten Haltestelle auf den Bus.

Die Feuerwehrmänner und Helfer, die nach der Havarie ohne es zu wissen ihr Leben und ihre Gesundheit riskierten, wurden mit Geld und Orden abgespeist, berichtete Pavlik. Viele seien an Krebs verstorben, doch sie würden in keinen Statistiken über die Folgen der Katastrophe auftauchen, weil sie in Krankenhäusern außerhalb der Sperrzone ihren Leiden erlegen seien, bedauerte er.

Mit Opfern von damals zu sprechen ist nach seinen Erfahrungen mühsam. "Man will sich nicht erinnern", bringt Pavlik den Verdrängungsmechanismus der Ukrainer auf den Punkt. Auch er ist diesem Selbstschutz erlegen, gab er auf Anfrage eines Diskussionsteilnehmers zu. Während seines Besuches in der Sperrzone schaltete er alle Gedanken an die persönlichen Gefahren aus, in die er sich, wenn auch nur für Stunden, begab.

Der "Schleier des Vergessens" müsse jedoch gelüftet werden, appelliert der Osteuropahistoriker. Fukushima sei aktuell in den Köpfen der Menschen. Doch Tschernobyl, nur 1300 Kilometer Luftlinie entfernt und nach wie vor angesichts des Leck in der Betonhülle nach Überzeugung von Pavlik ein "schlummerndes Ungeheuer", ist ein europäischer Nachbar.

duc/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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