Aus der Sucht muss jeder selber finden

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"Morgen hör ich auf" - wenn ich könnte: Eindrücklich zeigte das Theaterstück im Inn-Salzach-Klinikum den Alkoholiker-Werdegang.

Wasserburg (wz) - Heute ein Glas zur Belohnung, morgen eines als Trost, und ab und zu ein Schluck Whisky, um die Nerven zu beruhigen: Das Theaterstück "Morgen hör' ich auf" zeigte den Trinkerwerdegang eines unglücklichen Familienvaters, und der Kreuzbund eine Rettungsmöglichkeit.

"Ich bin verloren, rettungslos, dem Alkohol verfallen mit Leib und Seele", schrie Schauspieler Karlheinz Lemken vor einem ergriffenen Publikum im Festsaal des Inn-Salzach-Klinikums. Dort würden jährlich etwa 2200 Entzugsbehandlungen durchgeführt, so Hans Werner Paul, Chefarzt des Fachbereichs Suchtmedizin. Vor der Aufführung sprach er über die Entwicklung der Krankheit sowie deren anhaltende Stigmatisierung. In der Klinik verurteile man nicht, sondern nehme die Patienten ernst. Doch unabdingbar sei die Krankheitseinsicht der Betroffenen. "Für mich keinen Sekt bitte, ich bin Alkoholiker." Dieser Satz fällt Otto Niedermayr nicht schwer: Er ist seit 18 Jahren trocken und hat damit längst das Ziel erreicht, um das Lemken in der Rolle des Handelsvertreters auf der Bühne kämpfte. Statt schiefen Blicken erntet der Niedermayr dafür von allen Seiten Respekt, hat wieder mehr Selbstwertgefühl und Lebensqualität.

Sein Weg aus der Alkoholsucht führte den Reitmehringer durch eine Selbsthilfegruppe des Kreuzbundes. Seine Frau Maria war schon ein halbes Jahr vor ihm zu den abendlichen Gesprächsrunden gegangen, er folgte ihr nach einer Langzeittherapie. Seit 1995 leitet Otto Niedermayr selbst die Gruppe "Bernhard" in Wasserburg, Maria hat inzwischen einen Frauengesprächskreis übernommen. Insgesamt fünf dieser Gruppen sowie zwei reine Frauentreffen gibt es allein in Wasserburg. In ganz Deutschland hat der 1896 gegründete Kreuzbund heute rund 1600 solcher Helfergemeinschaften. Die durchschnittlich zehn bis zwölf Gruppenmitglieder kennen sich von Anfang an mit Namen, tauschen später auch Telefonnummern aus. Schweigepflicht gehört jedoch dazu. "Gegenseitiges Vertrauen, Ehrlichkeit und Zuhören sind Faktoren, die eine große Rolle spielen", erzählt das engagierte Ehepaar. Nicht zu vergessen natürlich die Disziplin: Miteinander soll die Motivation für ein suchtmittelfreies Leben entstehen - also durchgehalten werden. Wichtig sei dabei vor allem Unterstützung, weshalb nicht nur die Betroffenen, sondern auch Angehörige in den kostenlosen Kreuzbundgruppen willkommen sind.

Zusammen werden dann Alltagssituationen besprochen oder Problemlösungen gesucht. Die Niedermayrs stellen dabei klar: "Wir sind keine Therapeuten und geben keine Ratschläge." Vielmehr müsse jeder die eigenen Schwierigkeiten auf seine Weise bewältigen, "Hilfe zur Selbsthilfe eben." So gehe es bei in den Runden meist gar nicht direkt um Alkohol, sondern um Themen wie Beruf oder Beziehung. Wer eine derartige Gruppe, von welcher Organisation auch immer, besucht, hat die größte Hürde schon genommen. "Das Eingeständnis der eigenen Sucht ist am schwersten", weiß Otto Niedermayr. "Dann folgt der Kampf, den man alleine nicht gewinnen kann." Erst in der Therapie sammle man die nötigen Erfahrungen: "Die Flasche wegzustellen ist nicht das Problem. Im Kopf muss es klicken." Beim Kreuzbund finden Interessierte anschließend Halt, um ihr Leben neu zu strukturieren. Die wöchentliche Nachsorge soll stabilisieren, vor Rückfällen könne sie niemanden schützen. "Bei uns geht es von Woche zu Woche", so Maria Niedermayr. Ihr Mann ergänzt: "Schon die bewusste Bestellung von Schwarzwälder Kirschtorte heißt Rückfallgefahr."

Beide bedauern, wie sehr Alkoholismus in der Gesellschaft tabuisiert werde. Das Schamgefühl sei einfach zu groß, "dabei hätten viele die Hilfe so notwendig", so Maria. Auch sie ist durch die Erfahrung in ihrer Ehe sowie die Arbeit beim Kreuzbund gereift, hat Seminare belegt und Freundschaften geschlossen. "Man sieht viel Verzweiflung, aber auch tolle Erfolge", meint sie. Für das glückliche Paar glich Ottos Trockenheit einem Neuanfang, der ihr Leben verändert hat und aus dem sie gelernt haben. Statt über Kreuzweh zu klagen, genießt Niedermayr wieder Wanderausflüge in den Bergen. Im Rahmen seiner Arbeit gegen den Alkoholismus organisierte er jetzt den Theaterabend, und der Ausgang des bewegenden Stücks machte Mut: Auch für die Figur ging es dank einer Therapie bergauf. "Schon zwei Monate ohne Alkohol. Ich fühle mich wie neugeboren", hieß es am Ende.

Von Susa Berninger

Quelle: rosenheim24.de

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