Mut für mutlose Zeiten

Was tun, wenn Freude und Antrieb verloren gehen?

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MUT FÜR MUTLOSE ZEITEN

Wasserburg - Antworten auf diese und weitere Fragen erhielten Angehörige und Betroffene beim Talk Seelische Gesundheit 2016. Die öffentliche Vortrags- und Diskussionsrunde wurde vom kbo-Inn-Salzach-Klinikum gemeinsam mit Armin Rösl, Journalist beim Münchner Merkur, ins Leben gerufen.

Die ehemalige Staatsministerin Christa Stewens, Prof. Dr. Peter Zwanzger, Ärztlicher Direktor des kbo-Klinikums, Hermann Däweritz, Gebietskoordinator des Krisendienstes Psychiatrie in der Region Südost-Oberbayern, undAndrea Kraft, der es als selbst Betroffene heute „so gut geht wie noch nie“,  berichteten von ihren Erfahrungen und stellten sich den Fragen des interessierten Publikums.

Der voll besetzte Festsaal – es musste auf etwa 140 Plätze nachbestuhlt werden – und die große Beteiligung der Zuschauer, die per Zettel anonym ihre Fragen stellen konnten, zeugen von der Relevanz des Themas und bestätigen die Veranstalter darin, die öffentliche Informationsveranstaltung zu einem jährlichen Format zu etablieren.

„Viele Gefühle, Lachen, Weinen, Angst, gehören zum Leben dazu und sind beim jeweils passenden Anlass wichtig“,  so Prof. Dr. Peter Zwanzger  in seinen einführenden Worten. „Wenn sich eine tiefe Traurigkeit, Ängste, Antriebslosigkeit, teilweise mit entsprechenden körperlichen Symptomen, jedoch über Tage, Wochen oder Monate ziehen, man nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann, spricht man von einer psychischen Erkrankung“,  deren frühzeitige Erkennung und Behandlung dringend geboten sei, um lebensbedrohliche Folgen für den Betroffenen zu vermeiden.

Eine Behandlung von Depressionen sei heute dank fortgeschrittener psychotherapeutischer und medizinischer Möglichkeiten sehr vielversprechend. „Was die Entdeckung und die Behandlung von Depressionen trotz immer besserer Therapiemöglichkeiten häufig erschwert, ist die nach wie vor vorhandene Scham, über die Krankheit zu sprechen.“

Dem soll die Gesprächsrunde entgegenwirken, bei der Andrea Kraft  und Armin Rösl  von ihrem Erleben der Depression und dem Umgang damit erzählen.

Beide haben sehr kritische Phasen hinter sich und stehen heute wieder mit beiden Beinen im Leben. Dennoch „gehört die Krankheit nach wie vor dazu“,  beteuert die Autorin Andrea Kraft.

Ihr habe das Schreiben geholfen, wieder ins Leben zurückzufinden. Über ihr erstes Buch "Hummeln fliegen auch bei Regen", das viele autobiographische Passagen enthält, sei sie mit vielen Menschen mit ähnlichen Erfahrungen in Kontakt gekommen, die sich bis dahin nicht darüber zu sprechen getraut hätten.

Mittlerweile ist sie im Rahmen des Aufklärungsprogramms BASTA  viel in Schulen unterwegs. Das große Interesse, das sie von den Schülern erfahre, mache ihr Mut, weiterhin in die Öffentlichkeit zu gehen.

Eine Vorbildwirkung geht auch von vielen Prominenten aus, die nach depressiven Episoden wieder vor die Kamera treten. Denn eine Depression kann jeden treffen, "vom Komponisten bis zum Fußballspieler", so Gastgeber Professor Zwanzger.

Bei ihrem Auftreten spielen meist mehrere Faktoren zusammen, "die das Fass zum Überlaufen bringen". Grundsätzlich sei der Mensch nämlich sehr robust und könne mögliche Ursachen, wie kritische Lebensereignisse, Stoffwechselstörungen, bestimmte Denkmuster und sogar eine genetische Disposition gut verarbeiten.

Christa Stewens  ruft dazu auf, die Krankheit ernst zu nehmen, denn niemand wisse, mit welchen Schicksalsschlägen er schon morgen konfrontiert werde. In sieben Jahren als Sozialministerin hat die Politikerin gesehen, wie Arbeitgeber mit psychischen Erkrankungen ihrer Mitarbeiter umgehen. Sie spricht den Betroffenen Mut zu, offen mit ihrem Arbeitgeber zu sprechen und ihre Rechte einzufordern. Vor arbeitsrechtlichen Folgen seien Erkrankte per Gesetz geschützt. Zudem seien Arbeitgeber, Personalverantwortliche und Betriebsräte heutzutage in der Regel mit der Thematik vertraut und würden im Idealfall Hilfestellungen bieten.

Auch für den Erfolg einer Therapie ist das Einbeziehen des direkten Umfeldes notwendig, damit die im beschützten Rahmen erzielten Erfolge nach dem Klinikaufenthalt oder außerhalb der Therapie anhalten können.

Angehörige erfahren in gemeinsamen Gesprächen, was in der Therapie geschieht und wie sie ihren Partnern, Kindern oder Eltern zur Seite stehen können. Gleichzeitig ist das Wissen um Grenzen, ab denen die eigene Hilfe zu viel ist, für viele eine Erleichterung. Andrea Kraft  gibt ihren Kindern und ihrem Ehemann heute klare Signale, wenn sie einen Tag Auszeit braucht. Ein Tag sei in Ordnung, sagt sie, aber man dürfe sich nicht hinter der Depression verstecken. "Wichtig ist, dass man am nächsten Tag wieder anpackt." 

Dem Partner Akzeptanz zu signalisieren, das Entgegenbringen von Verständnis, wenn man ihn auch nicht versteht, durch diese Zeichen habe sie von ihrer Familie viel Kraft erfahren.

Prof. Dr. Zwanzger, der als Chefarzt des Fachbereichs Psychosomatik Fachmann für die Behandlung depressiver Erkrankungen ist, sieht neben der Angehörigenarbeit die Psychotherapie als einen der wichtigsten Bausteine einer integrativen Therapie.

Jedoch seien beide Angebote nicht immer von Anfang an ratsam, denn häufig seien Patienten zu Beginn einer Therapie zu sehr in ihren eigenen Gedanken gefangen. "Da wäre eine Psychotherapie eher Gift.", erklärt der Psychiater.

Bestandteile einer modernen Behandlung seien außerdem komplementäre Therapien, wie Sport-, Ergo- und Kreativtherapien, sowie biologische Verfahren. Mit Medikamenten könne heute viel erreicht werden, sie seien aber, insbesondere bei einer leichten Depression, nicht immer das zielführende Element. Aus verschiedenen Verfahren wird deshalb für jeden Patienten ein individuelles Programm zusammengestellt. Auf diese Weise sind Depressionen heute sehr gut heilbar.

"Doch man muss den Weg der Heilung auch gehen. Bei allen Therapien ist schließlich doch der Mensch der entscheidende Faktor.", weiß Armin Rösl.

Als lebendiger Beweis dafür, dass sich dieser oft schwere Weg lohnt, führt der Journalist moderierend durch den Abend."Man kann damit leben und man braucht sich nicht schämen.", macht er anderen Betroffenen Hoffnung.

Er sei froh, dass er gekämpft habe. Doch weil gerade das in einer depressiven Phase nicht leicht ist, gibt es verschiedene Stellen, die im Krisenfall oder bei einer poststationären Wiedereingliederung kontaktiert werden können.

Sozialpsychiatrische Dienste beispielsweise kennen Netzwerkstrukturen in ihrer Region, können Angebote in der Umgebung aufzeigen und nehmen das soziale Umfeld ihrer Klientel in den Blick. Wenn es um einen Arbeitsplatz geht, helfen Integrationsfachdienste. „Es gibt viele gute Integrationsfirmen.“, bestätigtChrista Stewens, die sich in ihrer Amtszeit stark dafür gemacht hat, Menschen mit Handicap in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren.

Als weiteres Angebot soll der psychiatrische Krisendienst ab Februar im ganzen südost-bayerischen Raum zur Verfügung stehen.Hermann Däweritz  war an der Entwicklung des Modells beteiligt, das im Münchner Raum bereits erfolgreich erprobt wurde.

Rund um die Uhr sind dann kompetente Ansprechpartner unter der Rufnummer 0180-6553000  erreichbar und entsenden – sollte das telefonische Gespräch nicht ausreichen – ein Krisenteam, das innerhalb kurzer Zeit vor Ort ist. Der Diplom-Sozialwirt lobt die Zusammenarbeit von Politik, Kliniken und Wohlfahrtsverbänden, die das Gelingen dieses Projekts ermöglicht haben und Ressourcen, insbesondere in Form von Personal, zur Verfügung stellen.

Auch beim Talk Seelische Gesundheit 2016 waren sich die Vertreter aus den drei Bereichen einig: Sich offen zu der Krankheit bekennen – das ist der Appell, der an diesem Abend an die Betroffenen geht – dann ist vieles möglich. Und noch eine schlichte, aber ermutigende Empfehlung konnte das Publikum nach zwei Stunden spannendem Austausch mit nach Hause nehmen: In manchen Fällen kann schon eine optimistische Grundhaltung einiges bewirken.

Pressemitteilung kbo-Inn-Salzach-Klinikum

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