Wasserburg wird CO2-frei

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Kommunale Liegenschaften gehen als Vorbild voran: Der Wasserburger Bahnhof in Reitmehring ist für zwei Millionen Euro energetisch auf Vordermann gebracht worden - unter anderem mit einer hochmodernen Erdwärmeversorgung.

Wasserburg - Als erste Kommune der 46 Landkreiskommunen hat Wasserburg sich selbst der Auflage unterworfen, das klimaschädliche Treibhausgas bis 2020 um 40, bis 2050 sogar um 80 Prozent zu reduzieren.

Eine große Herausforderung, die Verwaltung, Stadtrat, Bürger, Vereine und Organisationen gemeinsam schultern müssen. Denn Wasserburg besitzt, wie ein Informationsbesuch des Umweltausschusses des Kreistages in der Vorbildkommune in Sachen Klimaschutz zeigte, unter ungünstigen Voraussetzungen. Der Denkmalschutz und der enge Zuschnitt an der Innschleife erschweren den Kampf für den blauen Himmel über der Stadt.

Eines darf dem Wasserburger Stadtrat bereits heute bescheinigt werden: Er steckt den Kopf nicht in den Sand, obwohl das Klimaschutzkonzept nicht gerade ermutigende Szenarien für die Deckung des Strombedarfs aus regenerativen Energiequellen entwirft: 117645 Kilowattstunden jährlich werden nach Untersuchungen der beauftragten Ingenieurbüros "ecotopia" und projekt21plus derzeit benötigt.

Wollte die Stadt diesen Bedarf rein aus Fotovoltaikstrom generieren, wäre dafür eine Fläche von mindestens zwei mal zwei Kilometer notwendig. Nahezu utopisch wird die Berechnung der Fachbüros, würde die Stadt den Strombedarf aus der in Bayern noch kaum vorhandenen Windkraft gedeckt: Über 40 Anlagen mit einer Nabenhöhe von 85 Metern wären vonnöten. Zehnmal acht Kilometer Ackerfläche müsste die Stadt rekrutieren, wollte sie Biogasanlagen ausreichend mit nachwachsenden Rohstoffen füttern.

Unmöglich, das steht fest. Deshalb hat die Stadt sich einer Energie besonnen, die nach wie vor als die sauberste gilt: die Energie, die erst gar nicht benötigt wird. Um 50 Prozent soll der Strombedarf gesenkt, die verbleibenden 50 Prozent durch einen intelligenten Mix aus verschiedenen erneuerbaren Energien gespeist werden.

"Die Stadt kann dieses ehrgeizige Ziel nicht allein durch ihre Liegenschaften stemmen, wir sind darauf angewiesen, dass die privaten Haushalte mitziehen", bringt Bürgermeister Michael Kölbl die Notwendigkeit, die Bürger mit ins Boot zu holen, auf den Punkt. "Energiedialog 2050" nennt der Stadtrat deshalb bewusst den Prozess hin zur fast CO2-freien Kommune.

Vier Arbeitskreise haben die Bürger bereits zur Mitarbeit motiviert. An die Spitze der Bewegung: die Stadtwerke. Sie bieten eine monatliche Energiesparsprechstunde an, bilden die Anlaufstelle für alle am Klimaschutz interessierten Einwohner. Das kommunale Unternehmen im Eigenbetrieb der Stadt ist sich seiner Vorbildfunktion bewusst, hat es jedoch nicht leicht: Denn das stark besiedelte Wasserburg besitzt kaum Fläche, um eigene Energieversorgungen aufzubauen. Fotovoltaikanlagen auf vielen Dächern lassen sich ebenfalls angesichts des Ensembleschutzes in der Altstadt nur schwer realisieren, wovon auch investitionswillige Bürger ein Klagelied zu singen wissen.

Außerdem ist Wasserburg in der Öffentlichkeit in erster Linie als attraktives Ausflugsziel von Tagestouristen bekannt, eine Industriestadt. Zu den 12.000 Einwohnern kommen 9000 Arbeitsplätze. Großunternehmen und die beiden Kliniken sorgen gemeinsam mit weiteren kleinen und mittleren Gewerbebetrieben dafür, dass der Energiebedarf besonders hoch ist. Fluch und Segen zugleich: Denn auch das Einsparpotenzial ist dementsprechend groß.

Seit Jahren setzen die Stadtwerke bei ihrem Weg Richtung autarker Energieversorgung durch saubere, CO2-freie Energiequellen auf Beteiligungen. Oberste Maßgabe: regenerative Anlagen. So ließ der Stadtrat eine günstige Beteiligungsmöglichkeit an einem Kohlkraftwerk sausen und investierte stattdessen unter anderem in einen Windpark in der Oberpfalz, berichtet der Bürgermeister. Die Stadtwerke betreiben unter anderem ein eigenes Blockheizkraftwerk, bieten Ökostrom - mittlerweile auch für die Nachbarkommunen - an.

Nur mit eisernem Willen lässt sich nach Kölbls Überzeugung das ehrgeizige Ziel bis 2050 erreichen. Denn Stadtverwaltung, Stadtrat, Stadtwerke und Bürger - allen voran die Agenda-21-Gruppe Rio-Konkret - müssen immer wieder neue Hürden nehmen. Das Klimaschutzkonzept mit Ist-Analyse zu Strom- und Wärmebedarf und Potenzialentwicklung, erhielt eine 50-prozentige Förderung vom Bundesumweltministerium. In der zweiten Stufe, in der nun die Bezuschussung der Maßnahmen ansteht, haben sich die Fördermodalitäten verschärft.

Eine Forderung: die Einstellung eines "Klimamanagers". Die Schaffung einer solchen Stelle kann und will die Kleinstadt Wasserburg nicht schultern - auch weil sie der Überzeugung ist, dass das Know-how vor Ort durch zahlreiche Fachbüros und die Stadtwerke bereits vorhanden ist. Deshalb wird sie jetzt dazu übergehen, für Einzelprojekte die jeweils passenden Fördertöpfe anzuzapfen.

Bereits bei der Beantragung der Bundesförderung hatte sich zudem ein weiteres Problem herauskristallisiert: das Thema Mobilität. Täglich pendeln in die Schulstadt 6000 Schüler ein. 9000 Arbeitsplätze bieten die örtliche Industrie und die beiden Kliniken. Die Stadt muss sich auch der Herausforderung stellen, die Abgase durch den Verkehr in den Griff zu bekommen. Stadtbus im Stundentakt, ein, allerdings nicht per Schiene direkt an das Zentrum angebundener Bahnhof, aber auch eine Elektrotankstelle und Projekte wie die Autoteiler gehen bereits in die Offensive.

Problematisch wird auch die Überprüfung des Zieles, bis 2050 etwa 80 Prozent aller Treibhausgase abzubauen. Die Sanierung öffentlicher Bauten und Liegenschaften - allen voran die Schulen - wird weiter fortgesetzt. Doch auch Bürger, die in die energetische Sanierung ihrer Häuser investieren, sind aufgefordert, diese Maßnahmen zu melden.

Denn wer neue Fenster eingebaut, die Kellerdecke gedämmt oder auf eine Hackschnitzelheizung umgestiegen ist, hilft aktiv, den CO2-Ausstoß zu senken. "Viele kleine Mosaiksteinchen sind vonnöten, um das große ganze Ziel zu erreichen", betont der Bürgermeister. Kölbl hat das Projekt Klimaschutz deshalb auch zur Chefsache erklärt und geht mit gutem Beispiel voran: Er fährt viel Fahrrad, seine Familie hat den Stromverbrauch im Eigenheim um 20 Prozent reduziert und den eigenen Altbau energetisch saniert.

Solche Investitionen - ob privat oder öffentlich - rechnen sich, sind die Autoren des Klimaschutzkonzeptes für Wasserburg überzeugt. 43 Millionen Euro sind nach ihren Recherchen in den nächsten Jahrzehnten allein notwendig, um die Wärmeversorgung in der Stadt unter der Maßgabe der CO2-Freiheit zu sanieren. Geld, das in der Regel in der Region bleibt und das hiesige Handwerk stärkt.

duc/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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