Mit dem Wasserhahn in die jemenitische Wüste

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Der Esel als Taxi: Bassam auf der letzten Etappe von Wasserburg zu seinem Heimatdorf.

Wasserburg - Vom Inn in die jemenitische Wüste: Bassam Sullaiman (11) lebte gut ein Jahr bei Familie Jell, da sein rechtes Bein um zehn Zentimeter verlängert werden musste - was im Jemen schlicht nicht möglich war.

Nun war die Zeit um, Bassam konnte und sollte zu seiner Familie zurückkehren. Joachim Jell begleitete ihn. Und bis Sana'a, der Hauptstadt des Jemen, sechs weitere Kinder, die vom "Hammer Forum" in Pflegefamilien in ganz Deutschland vermittelt worden waren. Bassam sei hin und her gerissen gewesen, erzählt Jell. Einerseits freute er sich auf die Eltern und die Geschwister - seinen jüngsten Bruder kannte er noch gar nicht, der wurde geboren, als Bassam in Oberbayern war. Andererseits würde der Bub Jells und viele für uns alltägliche Dinge vermissen. Vergnügt hätte Bassam ihm gesagt, er packe eine Steckdose und einen Wasserhahn ein. Warum, das sollte Jell bald darauf verstehen.

Am Flughafen in Sana'a wartet Vater Nabil Sullaiman mit Sohn Nedal auf Bassam und seinen Pflegevater. Mit dem Auto geht es nach Süden, immer wieder an Kontrollen vorbei, ständig muss Jell seinen Passierschein vorzeigen, gegessen wird entlang des Weges in Garküchen. Nach anderthalb Tagen wird in einen Jeep umgestiegen, es geht über eine staubige Piste durch die Steinwüste.

Nach 20 Kilometern beziehungsweise drei Stunden Fahrt endet die Piste. "Dort oben ist mein Dorf", zeigt Bassam seinem Pflegevater, der entdeckt die am Berg klebende handvoll Häuser kaum. Der Bub, dessen Bein immer noch von einer Orthese stabilisiert wird, schwingt sich auf einen Esel, Vater Nabil schnappt sich Jells Rucksack und dann geht es zu Fuß in glühender Hitze zweieinhalb Stunden zum Dorf hinauf. "Ich war fix und fertig, wollte nur noch Ruhe. Aber für die Kinder im Dorf bin ich ein Exot, natürlich haben die nach mir geschaut, gekichert und getuschelt", erzählt Jell.

Am Abend gibt es ein Festmahl mit eigens geschlachteter Ziege - Männer und Frauen essen streng getrennt, nur Bassams Uroma und Oma setzen sich später zu den Männern. Bassam tut sich schwer zu dolmetschen, er hat in der langen Zeit in Deutschland viel von seiner Muttersprache vergessen. Ein paar arabische Wörter hat Jell noch vor der Abreise gelernt, vor allem, um Bassams Vater zeigen zu können, welche Übungen der mit seinem Sohn machen muss und wie die Orthese verstellt wird. Gemeinsam machen Vater und Pflegevater die Übungen mit Bassam.

Als Jell sieht, wie Wasser aus einem höhergelegenen Reservoir ins Dorf getragen wird, ist ihm auch klar, warum sein Pflegling grinsend einen Wasserhahn mitnehmen wollte - Wasser aus der Wand ist schon sehr praktisch...

Am Abend vor der Heimreise besteht Jell dann darauf, sich auch von Bassams Mutter und älterer Schwester zu verabschieden. Die Beiden hat er in der ganzen Zeit in dem winzigen Dorf nicht gesehen. Bassam, dessen Arabisch schon wieder viel fließender ist, übersetzt und es klappt tatsächlich. Am nächsten Tag geht es zurück nach Oberbayern. Bei einem Anruf erzählt Bassam, dass er sein Knie jetzt schon um knapp 60 Grad beugen könne. Bis Jahresende müsste er die Orthese los sein. Das will Jell selber sehen: "Im nächsten Jahr werde ich mich von seinen Fortschritten überzeugen".

syl/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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