Mausefallen im Zeichen des Dioxin-Skandals

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Hygiene nach EU-Norm: Die regelmäßige Kontrolle der beiden vorgeschriebenen Betriebs-Mausefallen samt Dokumentation ist eine der vielen Auflagen für Josef Willnhammer.

Soyen -Gerade ist er wieder vorbei, der alljährliche Lebensmittelskandal. Dabei scheint alles genauestens geregelt - bis hinunter auf die Mausefallen-Ebene, wie ein Beispiel aus Soyen zeigt.

Strenge Auflagen gelten in der Lebensmittelproduktion nicht erst seit dem jüngsten Lebensmittelskandal und nicht nur in anonymen Agrarfabriken in Norddeutschland. Strenge Auflagen gelten auch in Gschwendt bei Soyen. Josef Willnhammer ist im Hauptberuf Ingenieur, seinen zehn Hektar großen Hof bewirtschaftet er weniger aus Gewinnstreben als aus Tradition im Nebenerwerb. 1983 hörte Willnhammer einen Aufruf der bayerischen Staatsregierung. Da zu viel Milch auf dem Markt sei, sollten kleine Betriebe über die Zucht und Vermarktung von Damwild als Alternative nachdenken.

Willnhammer freundete sich mit dem Gedanken an, umzäunte 2,3 Hektar als Gehege, legte sich Tiere zu und erhielt nach einigen Lehrgängen alle Genehmigungen, auch für Abschuss und Schlachtung auf dem eigenen Hof. Reich zu werden, so Willnhammer, war dabei nie das Ziel. Und die Zahlen belegen dies: Willnhammer schießt etwa zehn Tiere pro Jahr, die er zu einem Preis von 180 Euro verkauft. Mit den rund 260 Euro staatlicher Flächenprämie erwirtschaftet er durch sein Damwild einen Umsatz von rund 2000 Euro jährlich. Dem stehen Ausgaben für Futter von rund 400 Euro, Steuern von rund 700 Euro sowie Gebühren für die Fleischbeschau und Instandhaltungskosten für das Gehege gegenüber.

Die Motivation, die Willnhammer trotzdem treibt, ist, dass Hof und Fläche gepflegt und bewirtschaftet bleiben und dass er an einen treuen Stamm von Privatkunden ein regionales Produkt abliefern kann. Für sein Fleisch verbürgt er sich persönlich.

Seit einigen Jahren aber hat der Damwildbetrieb in Gschwendt mit stetig steigender Bürokratie zu kämpfen. Kurz nach der Jahrtausendwende begann es mit der Pflicht zur Führung eines Gehegebuchs und eines Arzneimittelbuchs. 2010 kam dann der große Einschnitt: Um weiter auf dem Hof schlachten zu dürfen, musste Willnhammer seinen Schlachtraum nach EU-Norm umrüsten. Die baulichen Investitionen beliefen sich auf eine Höhe von rund 8000 Euro. Diskutieren, so der Ingenieuer, habe sich schnell als völlig zwecklos erwiesen.

Doch was Sepp Willnhammer mehr stört als der einmalige Bau, ist der seit 2010 drastisch gestiegene formale Aufwand. Das geprüfte Soyener Gemeindewasser musste für 70 Euro noch einmal untersucht, ein amtliches Führungszeugnis und ein Auszug aus dem Liegenschaftskataster vorgelegt werden, um zu beweisen, dass Willnhammer auch wirklich Landwirt ist.

Und auch zu schreiben gibt es jetzt mehr. Ein Reinigungs- und Desinfektionsprotokoll, ein Temperaturnachweis für das Kühllager, ein Rückverfolgungsnachweis, der die Kundendaten protokolliert, und ein Schädlingsbekämpfungsnachweis gehören zu den neuen Pflichten. Letzterer sieht so aus, dass er die beiden vorgeschriebenen Mausefallen, die er im ebenfalls neu einzureichenden Betriebsplan genau verzeichnen musste, regelmäßig auf Inhalt und Funktion prüft und das Ergebnis seiner Untersuchungen fein säuberlich mit Datum und Unterschrift in einer Liste festhält.

Zur Keimkontrolle darf das Amt unangemeldet erscheinen, egal ob Willnhammer seine Hauptarbeitsstelle in Rott gerade verlassen kann oder nicht. Und auch eine neue Tiefkühltruhe steht neben Willnhammers Schlachtraum, allerdings nicht für Fleisch, sondern für Schlachtabfälle. Früher brachte er diese zu einem Metzger, der sie mit seinen eigenen Abfällen entsorgte und einen Beleg ausstellte - aus Sicht des Landratsamts jetzt inakzeptabel. Seither hat eine Entsorgungsfirma eine große Tonne auf Willnhammers Hof platziert, die sie zum Preis von 45 Euro pro Fahrt wieder lehrt. Da es aber Monate dauern würde, bis die Tonne voll ist, muss der Schlachtabfall nun eingefroren und gesammelt werden, bis sich eine Abholung lohnt.

"Allein für sich ist jede Maßnahme ja nachvollziehbar", so Willnhammer. "Die Deutschen wollen es halt immer 1000-prozentig geregelt." Doch die Konsequenzen in der Praxis und das steigende Ausmaß der Regulierung machten das Leben für kleine Erzeuger wie ihn schwer - die eigentlich die Alternative zu den undurchsichtigen Lebensmittelfabriken wären.

Was für Sepp Willnhammer damit leidet, ist die regionale Vielfalt an nachvollziehbaren und charakteristischen Lebensmitteln aller Art: "Ich mache das, weil ich Idealist bin. Und ein Spinner. Doch wenn ich heute meinen Sohn frage, ob er sich einmal für das bisschen Ertrag diesen Aufwand antun will, dann kenne ich die Antwort."

Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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