Sprechende Kinderzimmer

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Ein Teddybär zum Knuddeln: Viele Buben und Mädchen im Kinderdorfhaus haben großen Nachholbedarf in Sachen Liebe, Zuneigung und Aufmerksamkeit.

Rosenheim/Mühldorf - Sieben Kinder, sieben Kinderzimmer. Im ersten Stock wohnen die drei Mädchen, im zweiten die vier Buben. Die Zimmer sind alle gleich groß und gut aufgeräumt.

Aber sie erzählen ganz unterschiedliche Geschichten. Pascals Modellautos stehen gut sichtbar im Regal. Er zeigt seinen Besitz gern her. Vanessa verstaut ihre Spielsachen lieber in Schubläden. Die Fensterbänke und Regalbretter sind leer. Bei Fabrizio sind Schreibtisch, Lampenschirm, Türstöcke und Wände zerkratzt und zerstochen. Manchmal muss die Wut eben raus.

Pascal, Vanessa und Fabrizio (alle Namen geändert) dürfen nicht bei ihren Eltern aufwachsen. Dort waren sie nicht in guten Händen. Im Kinderdorfhaus des Albert-Schweitzer-Familienwerks in Pinswang bei Neubeuern haben sie ein neues Zuhause gefunden.

"Jedes Kind hat bei uns ein eigenes Zimmer. Das ist kein Luxus. Die Buben und Mädchen brauchen das, um gesund zu werden", sagt Maren Halle-Krahl, die Kinderdorfmutter.

Die Zimmer sind Privatsphäre, für die traumatisierten Buben und Mädchen unverzichtbare Oasen des Rückzugs. Trotzdem dürfen die OVB-Heimatzeitungen einen Blick hineinwerfen. Gestört wird niemand am Vormittag. Alle Kinder sind in der Schule.

Auch Pascal, der in seinem Elternhaus unter extremer Vernachlässigung gelitten hat. Spielsachen gab es nicht einmal zu Weihnachten. Jetzt hat er seine eigenen Action-Figuren und Kuscheltiere. Sie bedeuten ihm viel. Das darf ruhig jeder mitbekommen.

Vanessa hat genauso viel Spielzeug wie Pascal. Aber es ist nicht zu sehen. Ihr Zimmer ist nüchtern, ja spartanisch eingerichtet, weil das Mädchen jahrelang in einem vermüllten und vollgestopften Chaos-Haushalt lebte.

Die Wände in Fabrizios Zimmer sind jetzt weiß. Früher waren sie bunt bemalt mit Mutter-Kind-Szenen aus dem Dschungel: Elefanten-Mamas mit Mini-Jumbos und faule Leopardenbabys, die mit der Mutter in Baumkronen herumhängen. Marcel, der vor Fabrizio das Zimmer bewohnte, war ein Fan davon. Aber Fabrizio verträgt dieses Heile-Welt-Familien-Idyll nicht. Der Anblick der Bilder machte den Buben, der von seinen Eltern geschlagen und misshandelt wurde, nur wütend. Deshalb wurden sie überstrichen.

Mit ein paar Liter Wandfarbe lassen sich die schweren Traumata und seelischen Verletzungen der Kinder nicht ausblenden. Dass der Schulranzen im Mülleimer landet, Stifte abgebrochen werden oder Bücher gegen die Wand fliegen, kommt gerade bei neuen Kindern im Kinderdorfhaus häufiger vor. Das ist nicht nur bei Fabrizio so. Auch die Mädchen haben ihre Aussetzer.

Frau Halle-Krahl, die als Mutter, Heilpädagogin, Physiotherapeutin, Jugend- und Heimerzieherin mit den Kindern durch dick und dünn geht, führt diese Zornausbrüche auf "eine authentisch berechtigte Wut aufs Leben" zurück.

Im Kinderdorfhaus ist es nicht die Zeit, die alle Wunden heilt. Es sind Zuneigung, Liebe, Zuverlässigkeit, feste Regeln und die familienähnliche Strukturen, die den Kindern in Pinswang helfen, die Wut zu kontrollieren und die Balance zu finden - im Herzen und im Leben.

Im Raum Rosenheim und Mühldorf gibt es viele Buben und Mädchen mit ähnlichen Schicksalen, die noch nicht das Glück hatten, einen Platz in einem Kinderdorfhaus zu bekommen. Die Nachfrage ist groß, aber in den Einrichtungen des Albert-Schweitzer-Familienwerks ist nur selten ein Platz frei.

Deshalb soll in Pinswang ein zweites Kinderdorfhaus gebaut werden. Jeder Cent der Weihnachtsaktion "Ein Zuhause für Kinder in Not" fließt in das Projekt. 450 000 Euro sind bereits zusammengekommen. Jeder Spender, der bis 31. Dezember zehn Euro oder mehr beisteuert, kann einen Ford B-Max gewinnen (siehe Seite 38 und 39). Tragen auch Sie dazu bei, Kindern in Not eine Gegenwart und eine Zukunft zu schenken. Überweisungsträger liegen dieser Ausgabe bei.

ls/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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