Tochter ließ Vater wegsperren

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Rosenheim - Erst ließ sie ihren 85-jährigen Vater in einem Heim "wegsperren", jetzt kommt sie dafür selbst in eine geschlossene Anstalt: ins Gefängnis nämlich.

Die 58-jährige Tochter des Mannes wurde am Amtsgericht Rosenheim zu einer Haftstrafe von 15 Monaten wegen Freiheitsberaubung verurteilt.

Die Angeklagte aus dem Kreis Starnberg hatte ihren Vater als dement und orientierungslos hingestellt und ihn im Juni 2011 gegen den richterlichen Beschluss in ein geschlossenes Heim im östlichen Landkreis Rosenheim gebracht. . "Die Haftstrafe können wir nicht zur Bewährung aussetzen", erklärte Amtsrichterin Jacqueline Aßbichler nach drei Verhandlungstagen in Rosenheim in der Urteilsbegründung. Dazu bedürfe es "besonderer Umstände" - und diese könne das Gericht nicht erkennen: "Weder haben wir ein Geständnis, noch sind bei ihnen Einsicht und Reue erkenn-bar." Aßbichler weiter: "Sie haben ihren Vater nicht nur seines Rechtes beraubt, sondern auch sein Vertrauen - sowohl als Tochter wie auch als gerichtliche Betreuerin - missbraucht und enttäuscht."

Als der Großvater - die Tochter hat einen Sohn - von Januar bis März 2010 wegen einer Operation im Klinikum Haar lag, wurde die 58-Jährige vom Amtsgericht München vorläufig als Betreuerin eingesetzt. Umgehend beantragte sie beim Amtsgericht Starnberg dessen Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt. Als der eigentlich zuständige Betreuungsrichter davon erfuhr, besuchte er den alten Mann und kam zur Überzeugung, dass der weder verwirrt war noch weggesperrt werden musste. Er hob den Unterbringungsbeschluss sofort auf. Was die Angeklagte als "weglaufgefährdet", "orientierungslos", "ausgebüchst" und "unkontrolliert" bezeichnet habe, beschrieb der Betreuungsrichter als Zeuge vor dem Schöffengericht, seien "ganz normale Bedürfnisse eines älteren Mannes" gewesen: "Er wollte spazieren gehen, selbstbestimmt einkaufen und war dazu auch ohne jede Einschränkung in der Lage. Er hatte nur einen großen Wunsch: Er wollte nach Hause."

So weit weg wie möglich

In seinem Haus, das er vor 20 Jahren seiner Tochter vermachte, hatte er sich das Wohnrecht in einer kleinen Parterrewohnung festschreiben lassen. Dort wollte er wieder wohnen. Dorthin fuhr er mit Bus und Bahn, als ihn die Tochter in einem Seniorenheim knapp 25 Kilometer entfernt untergebracht hatte. Als er dann vor seiner Wohnung stand, ließ ihn die Tochter nicht hinein. Stattdessen beschwerte sie sich, dass man ihn im Wohnheim habe "entweichen" lassen. Nicht einmal das Taxi für die Rückfahrt wollte sie bezahlen, obwohl ihr Vater weit über 100 000 Euro auf seinem Konto hat.

Um derartige "Belästigungen" auszuschließen, musste ein entfernteres Heim her. So holte sie ihren Vater im Juni 2011 aus dem Altenheim in der näheren Umgebung und brachte ihn in die Einrichtung im Chiemgau. Nun war er über 110 Kilometer von zuhause weg. Um ganz sicher zu gehen, wählte sie ein "beschützendes Altenpflege-heim". "Beschützend" ist jedoch lediglich eine verharmlosende Umschreibung für "geschlossen", wie sich im Prozess herausstellte.

Als die Angeklagte ihren Vater dort ablieferte, übergab sie den Beschluss zur Unterbringung, nicht aber dessen Aufhebung. Damit war der Mann "weggesperrt". Entgegen seinen Rechten durfte er das Haus nun nur noch mit Genehmigung und begleitet verlassen. Ordnungsgemäß meldete die Verwaltung dies dem Gericht. Der Betreuungsrichter widersprach sofort, informierte das Heim über die tatsächliche Rechtslage, so dass sich der Vater wieder frei bewegen durfte. Gleichzeitig erstattete der Richter Anzeige gegen die Tochter wegen Freiheitsberaubung und entzog ihr den Status als Betreuerin.

Unter dem Vorsitz von Richterin Jacqueline Aßbichler hatte das Gericht darüber zu befinden, ob die Angeklagte den Vater absichtlich und unrechtmäßig wegsperren ließ, oder ob dies - wie sie ausführte - irrtümlich und ohne böse Absicht geschehen sei. Immer wieder führte sie neue Entlastungszeugen aus Altenheimen an, die ihre Version aber nicht stützten.

Im Zeugenstand war der Vater bemüht, seiner Tochter nicht zu schaden. Sie sei "eine anständige Person", sagte er. Aber: "Im Heim gefällt es mir nicht." Und: "Hinaus ist halt alles versperrt." Noch immer befindet er sich im gleichen Wohnheim, aufgrund einer "Freiwilligkeits-Erklärung". Richterin Aßbichler: "Ich will nicht hinterfragen, wie es zu dieser Erklärung gekommen ist."

Oberstaatsanwalt Jürgen Branz sah alle Vorwürfe bestätigt. Entgegen dem hartnäckigen Leugnen der Angeklagten habe sie dafür gesorgt, dass der Erblasser kein Störfaktor mehr sei und ihn in einer geschlossenen Anstalt versteckt. In den Augen des Verteidigers, Rechtsanwalt Michael Csüros, hat dagegen keine Freiheitsberaubung stattgefunden. Er wollte einen Freispruch haben - oder zumindest eine Bewährungsstrafe unter zwölf Monaten. Doch die Chance auf Bewährung hätte seine Mandantin nur mit einem Geständnis bekommen.

au (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © dpa

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