EAV-Sänger Klaus Eberhartinger im Gespräch:

"Ausländerfeindlichkeit ohne Ausländer"

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Kufstein - EAV-Sänger Klaus Eberhartinger hat im Gespräch mit rosenheim24.de gezeigt, dass auch Künstler eine politische Meinung haben - und sogar haben müssen:

Die österreichischen Pop-Rock-Kabarettisten "Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV)" sind mit ihrem aktuellen Album "Werwolf-Attacke! - Monsterball ist überall" derzeit auf Tour und gastierten am vergangenen Wochenende auch in Kufstein. Im Gespräch redet Sänger Klaus Eberhartinger über Rechtspopulismus, das Ende des Kapitalismus - und darüber, dass Musiker und Künstler immer auch eine politische Meinung haben sollten.

Klaus Eberhartinger im Interview:

rosenheim24.de: Das neue Album ist nicht nur gewohnt bissig sondern ebenso stark politisch akzentuiert. Warum haltet ihr mit eurer Meinung nicht hinterm Berg?

Eberhartinger: Wir waren schon immer - zumindest live - politisch nicht nur korrekt, sondern manchmal auch bissig. Unterhaltung mit Haltung nenne ich das. Weil man nicht neben der Zeit sondern in der Zeit lebt. Jeder, der sagt, Musiker oder Künstler sollten keine politische Meinung haben, ist ein Volltrottel für mich. Gerade Musiker sollten politische Meinungen haben. Ich glaube schon, dass man zu dieser Welt, in der man lebt, auch eine Meinung haben sollte und die kann man dann auch auf die Bühne tragen. Warum nicht? Ich finde das toll und ich merke auch zu meiner Freude, dass auch immer mehr Leute mitmachen. Oft höre ich die eine oder andere Meldung, wo ich mir sage, jawohl, da geht es ums Bewusstsein schaffen. Man sollte mit offenen Augen durch die Gegend gehen und nicht immer von "denen da oben" und den Politikern sprechen, sondern auch selbstbewusst seine Meinung sagen. Aber es ist richtig, Werwolf Attacke ist auch über große Strecken sehr politisch.

rosenheim24.de: Heinz-Christian Strache, Chef der rechtspopulistischen FPÖ, bekommt im Titelsong eures gleichnamigen Albums sein Fett weg. Der österreichische Historiker und langjährige wissenschaftlicher Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW), Wolfgang Neugebauer, bezeichnete bei einer Diskussionsrunde zum Thema "Rechtsextremismus in Europa" die FPÖ als eine "Bedrohung für die Demokratie". Muss man Strache und seine FPÖ ernst nehmen oder sind sie nur ein Schreckgespenst für Österreich?

Eberhartinger: Solange in Deutschland rechtsradikale Ausschreitungen dieses Ausmaßes stattfinden, solange es in Deutschland Pegida, Legida und alle möglichen Pegidas gibt, sollte man mit keinem Zeigefinger nach Österreich zeigen. Unsere rechtsradikale Szene ist - ich würde nicht sagen, wir haben es im Griff - noch nicht so stark. Natürlich gibt es die auch. Die gibt es überall. Bei der FPÖ ist es insofern anders, weil das eine Partei ist, die für eine rechte Gesinnung steht. Die aber gerade jetzt in dieser Situation mit der Flüchtlingswelle aufpassen muss, was sie sagt und nicht zu hetzen beginnt. Mit der Ausländerfeindlichkeit kann und soll man in dieser Zeit, in der wir leben, nicht zündeln, weil sich das sonst zu einem Flächenbrand ausweiten könnte. Gott sei Dank gibt es auch schon Gegenbewegungen. Zehntausende haben sich in Wien über Facebook organisiert und für eine bessere Flüchtlingspolitik und für eine Aufnahme von Flüchtlingen protestiert. Das ist schon toll. Allerdings merkt man schon, dass sich der frühere Bodensatz von zehn bis zwölf Prozent rechtskonservativ Denkender auf über 20 bis 25 Prozent und darüber hinaus ausgeweitet hat. Und das ist dann schon gefährlich.

rosenheim24.de: Resultiert die Fremden- bzw. Ausländerfeindlichkeit denn nicht auch aus einem latenten Minderwertigkeitsgefühl?

Eberhartinger: Das ist schon seltsam, besonders die Ausländerfeindlichkeit der Menschen im Osten von Deutschland, die am wenigsten mit der Ausländer- und Flüchtlingsproblematik belastet sind. Eine Ausländerfeindlichkeit ohne Ausländer. Das liegt daran, dass diejenigen selber ausgegrenzt und diskriminiert werden. Das fehlende Selbstbewusstsein wird dann ganz schnell auf andere projiziert. Das muss so sein. Anders kann ich es mir nicht erklären, weshalb man Menschen, die natürlich anders ausschauen und anders sprechen, ablehnt. Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen und die nicht auf Abenteuerurlaub, sondern auf der Flucht sind. Die am Überleben, die eigentlich hilfsbedürftig sind und denen man helfen muss. Wenn Leute damit Politik machen wollen, dann muss man diese frontal angreifen.

rosenheim24.de: Geht es um den Kampf um die sozialen Ressourcen und die globale Umverteilung zwischen Arm und Reich?

Eberhartinger: Es geht um die Verteilung. Die vermeintlichen Ressourcen, die den Leuten weggenommen worden sind, die haben sie vorher auch nicht bekommen. Bill Gates gibt ein Großteil seines Vermögens für karitative Zwecke aus. Das ist allerdings systemimmanent und ist dazu angetan, dass das System nicht geändert werden muss. Es müsste aber das System geändert werden. Es müsste die Umverteilung an sich geändert werden. Die Jammerei der Wirtschaft ist so befremdlich. Die wollen möglichst billige Arbeitskräfte, doch der warme Eislutscher ist noch nicht erfunden. Unser neoliberales Wirtschaftssystem stimmt schon lange nicht mehr. Die 80 reichsten Menschen dieser Erde haben mehr als 3,6 Milliarden der Armen. Dies ist kein guter Weg. Irgendwann gibt es wahrscheinlich die Umverteilungsrevolution aus dem Leben. Das Argument "Die nehmen uns etwas weg" ist augenscheinlich. Doch in absoluten Zahlen kann man sich das leisten. Es liegt nicht am Geld. Die Finanzspekulanten und politische Entwicklungen wie beispielsweise in Griechenland kosten viel Geld. Oder in Österreich die Hypo Adria. Das sind Entwicklungen, die kosten richtig viel Geld.

rosenheim24.de: In dem Titel "Bankrott" prophezeiht ihr mit den Zeilen "Jedes Wachstum, das hat Grenzen, hebt sich irgendwann den Bruch" das Ende des kapitalistischen Systems. Ist das System tatsächlich bereits degeneriert?

Eberhartinger: Wenn man darüber nachdenkt, wie soll denn das gehen? Es stimmt das System nicht. Der finanzpolitische Sektor bestimmt alles, die Höhen und die Tiefen. Während die Realwirtschaft, wo gearbeitet und produziert wird, langsam untergeht. Das ist der Börsenkapitalismus. Und das ganze läuft unter Neoliberalismus. Alles ist erlaubt. Aber wenn der letzte Baum weg ist, wird man darauf kommen, dass man Geld nicht essen kann.

rosenheim24.de: Das EU-Austrittsvolksbegehren wird demnächst im Nationalrat behandelt. Droht der Zerfall Österreichs bei einem Austritt aus der EU?

Eberhartinger: Das wäre eine Katastrophe für Österreich. Für die europäische Idee. Ich finde die europäische Idee toll, keine Grenzen und vor mir aus auch die gleiche Währung. Es wurde allerdings gesetzespolitisch nicht umgesetzt. Eine gemeinsame Steuerpolitik, eine gemeinsame Finanzpolitik und vor allem eine gemeinsame europäische Identität unter Beibehaltung der nationalen Eigenheiten. Es sollen sich alle in einem gemeinsamen Europa wohlfühlen.

ume

Quelle: rosenheim24.de

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