Dritter Verhandlungstag

Pistorius-Prozess: Verteidiger greift zu dramatischem Mittel

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Weil sein Verteidiger Pistorius' Hilflosigkeit demonstrieren will, legt dieser seine Prothesen ab.

Pretoria - Die Nerven liegen blank am dritten Tag der Verhandlung über ein neues Strafmaß im Fall Pistorius. Sein Verteidiger will seine Hilflosigkeit demonstrieren - und greift zu einem drastischen Mittel.

Der ehemalige Spitzensportler Oscar Pistorius ist während der Verhandlung über ein neues Strafmaß gegen ihn ohne seine Beinprothesen durch den Gerichtssaal gelaufen. Um die Verletzlichkeit seines Mandaten zu zeigen, hatte Verteidiger Barry Roux den unterhalb der Knie amputierten Pistorius am Mittwoch im südafrikanischen Pretoria dazu aufgefordert. Der 29-Jährige habe seine damalige Freundin Reeva Steenkamp aus Angst um sein Leben erschossen, sagte Roux in seinem Schlussplädoyer. Staatsanwalt Gerry Nel forderte mindestens 15 Jahre Haft für Pistorius.

Der frühere Paralympics-Star hatte am Valentinstag 2013 seine damalige Freundin Reeva Steenkamp erschossen. Er war in erster Instanz wegen fahrlässiger Tötung zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Die Staatsanwaltschaft legte Berufung ein und erzielte Ende 2015 in zweiter Instanz eine Verurteilung wegen „Mordes“, was im deutschen Rechtssystem dem Totschlag entspricht. Das Gericht in Pretoria unter Vorsitz von Richterin Thokozile Masipa will spätestens am Freitag über ein neues Strafmaß für Pistorius befinden.

Pistorius hatte Steenkamp mit vier Schüssen durch die geschlossene Toilettentür in seinem Haus erschossen und ausgesagt, er habe dahinter Einbrecher befürchtet. „Er hatte richtig Angst“, sagte Roux und wies auf die Hilflosigkeit seines Mandanten hin. Schließlich legte Pistorius unter Tränen seine Prothesen ab und lief auf seinen Beinstumpfen durch den Gerichtssaal. Dabei musste der Südafrikaner, der als Sprinter bei den Paralympics mehrere Goldmedaillen gewann, gestützt werden und sich an den Holzbänken im Saal festhalten.

„Der Beschuldigte ist für den Rest seines Lebens bestraft“, sagte Roux. Er könne etwa seine Sportkarriere nicht weiterverfolgen und habe finanziell und sozial für das Verbrechen gezahlt. „Er zahlt seit dem Moment, als er geschossen hat.“ Pistorius sei ein „gebrochener Mann“. Der Verteidiger betonte, Pistorius wolle wie ein ganz normaler Bürger behandelt werden.

Staatsanwalt Nel erklärte hingegen, dass der tatsächlich „gebrochene Mann“ der Vater der getöteten Reeva Steenkamp sei. Barry Steenkamp hatte am Dienstag in einer emotionalen Aussage über den Verlust seiner Tochter gesprochen. Weinend erklärte er, dass er sich mit Insulinspritzen in Bauch und Arme gestochen habe, um den Schmerz seiner Tochter in ihren letzten Minuten nachzufühlen. „Da war keine Wut, da war kein Hass - da war nur ein gebrochener Vater“, sagte Nel.

Pistorius-Prozess: Aufsehenerregender Showdown - Bilder

Barry Steenkamp saß mit seiner Familie am Mittwoch schweigend im Publikum. Reeva Steenkamps Cousine Kim Martin sagte aus, dass Reeva Pistorius nie geliebt habe. „Ich konnte keine Liebe sehen“, sagte Kim Martin am Mittwoch, dem dritten Tag einer Anhörung über ein neues Strafmaß für Pistorius im südafrikanischen Pretoria. Sie erzählte außerdem, wie der Tod ihrer Cousine das Familienleben verstört habe. „Am Valentinstag ist es am schlimmsten“, sagte sie. Auch an anderen Feiertagen müsse die Familie immer wieder an Reeva denken. „Wir wollen aber nicht, dass jeder besondere Anlass wie eine Beerdigung ist.“

dpa

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