Vortrag in Rosenheim

Experte warnt: Heutige Sucht-Therapien sind veraltet

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Prof. Dr. Körkel im KU´KO Rosenheim

Rosenheim - In Deutschland rauchen rund ein Drittel der Erwachsenen, über neun Millionen Menschen trinken Alkohol in riskanter Form, das Problem der Medikamentensucht ist so groß wie nie und die Zahl der Drogentoten ist zum vierten Mal in Folge gestiegen. Grund genug sich mit bisherigen Therapieformen kritisch auseinanderzusetzen. 

"Die wahre Ursache für eine entstehende Abhängigkeit ist vor allem biologischer Natur und sind primär nicht auf die Psyche zurückzuführen. Dagegen steht beim Aufhören vor allem die geschädigte Psyche im Weg."

Mit diesen Worten eröffneteProf. Dr. Joachim Körkel von der Hochschule Nürnberg seinen Vortrag über Abstinenz, als fragwürdiges Therapiekonzept, im KU'KO in Rosenheim im Rahmen des 4. Suchthilfetages. Mit dieser Aussage bezieht sich Börkel auf die Art und Weise wie Drogensucht behandelt wird. 

Ist Abstinenz als Therapieform veraltet und uneffektiv?

Heutzutage ist es üblich, dass Abhängige, die sich in Therapie begeben, sofort den Konsum der Droge beenden. Doch das ist aus Sicht von Körkel ein Vorgang, der das Loslassen von der Droge nur noch erschwert. Der Grund: Wenn das Suchtmittel abgesetzt wird, wird augenblicklich auch die Dopaminproduktion im Hirn massiv gehemmt. 

Dieses Dopamin lässt uns Glück empfinden. So geht aus Sicht des Abhängigender Verlust der Droge mit dem Verlust des eigenen Glückes einher. Es entsteht nach Körkels Auffassung das Grundproblem einer abstinenten Therapie: "Es muss eine Überzeugung von der Seiten des Patienten existieren, eine Therapie zu wollen und sie nicht gezwungenermaßen anzunehmen. Sonst agiert der Patient stets gegen den Rat des Arztes und fängt an zu lügen, sodass eine Therapie keinen Sinn macht. So werden nur 35% der Patienten vollständig von ihrer Sucht geheilt.

Reduktion als Alternative zur Abstinenz

Joachim Körkel schlägt Reduktionstherapien vor

Das Ziel von Prof. Dr. Körkel ist es eine Brücke zur Abstinenz zu bauen, indem eine Therapie begonnen wird, die ergebnisoffen beginnt. Das bedeutet nicht, dass Abstinenz am Ende nicht das Ziel sei, sondern dass es verschiedene Wahlmöglichkeiten gibt, mit denen eine Therapie begonnen wird. Zum einen kann man sich entschließen tatsächlich komplett abstinent zu sein, man kann einfach weniger konsumieren oder man will es einfach eine Zeit lang unterbrechen, um dann später zu entscheiden wie man weiter verfährt. 

Vor allem bedeutet das, dass es nicht von Beginn eine verpflichtende Abstinenz für den Patienten gibt, sondern dass dieser sich Schritt für Schritt selber dazu entschließt den Konsum zu minimieren. So würde es zu deutlich größeren Teilnehmerzahlen für "zieloffene" Therapien kommen, da es eine große Menge an Drogenabhängigen gibt, die zwar ihren Konsum in Griff bekommen wollen, aber nicht gleich abstinent werden wollen. Diese Möglichkeit bietet ein Großteil des heutigen Therapieangebots nicht.

Vertrauensvolles Verhältnis zwischen Arzt und Patient? Meistens Fehlanzeige

Ein weiterer Vorteil ist die bessere Patienten-Arzt-Beziehung. Patienten sehen dabei die Ärzte nicht mehr als Ordnungshüter, die im Zweifel angelogen werden, um die Therapie um jeden Preis weiterzuführen, sondern als Helfer, denen siejeden Rückschlag und jede Sorge mitteilen können. Erst dadurch wird eine Therapie für stark abhängige Menschen sinnvoll, denn diese werden sonst in der Überzeugung, es würde sie sowieso keiner verstehen, nur noch weiter bestärkt. 

Das Ziel ist dabei "mit den Menschen durch bessere Kommunikation an einer Veränderung ihres Konsums zu arbeiten", so Kürkel. Vergleichbar ist das Ziel der Abstinenz für Drogenabhängige, in der Schule mit d

em Ziel die Schulzeit mit dem Abitur abzuschließen, obwohl sich der Schüler erst in der Grundschule befindet. Außerdem ermöglicht die Therapie der Reduktion eine individuellere Behandlung des Patienten. Denn jeder Patient konsumiert individuell. Das heißt, dass jede Substanz, die er zu sich nimmt, Auswirkungen auf die Behandlung hat.

Risiken einer Reduktionstherapie mit zieloffenen Ausgang

Doch auch das Konzept der allmählichen Reduktion bringt Nachteile mit sich. Ohne den Willen des Patienten gibt es keinen Weg die Sucht zu besiegen. Vor allem in Härtefällen wie Medikamentensucht oder Sucht nach Substanzen wie Crystal Meth oder Heroin, zeigt sich, dass ein sofortiger Abbruch des Konsums besser wäre, sowohl für die Psyche der Person, als auch für die Gesundheit. Die alltägliche Arbeit des Arztes mit dem Patienten ist deutlich kostenintensiver und auch bei dem Abschluss einer Krankenversicherung kann man sich darauf einstellen, dass dies kein billiges Unterfangen wird. Auch die Anerkennung solcher Therapien durch die Gesellschaft und Politik ist kompliziert, da ein Großteil der Menschen nicht bereit ist seine Grundhaltung zu überprüfen, obwohl diese Therapieform nach aktuellen Forschungsstand die vielversprechendste ist.

In den folgenden Tagen lesen sie auf rosenheim24.de zwei weitere Artikel  mit den Themen "Legalisierung von Cannabis: pro und contra" und "Die Zukunft des (Nicht-)Rauchens".

fsp

Quelle: rosenheim24.de

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