Reaktion auf "Deutschtürken"-Artikel 

Abuzar Erdogan schickt unserer Redaktion einen offenen Brief 

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Rosenheim - Am Freitag veröffentlichten wir einen Artikel unter der Überschrift "Das denken Deutschtürken aus Rosenheim und Wasserburg über Erdogan". Von einem Namensvetter des türkischen Präsidenten kam dazu nun eine Reaktion. 

Hintergrund des Artikels war eine Umfrage mit zufällig ausgewählten Mitbürgern türkischer Abstammung in der Region zum angespannten Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland. 

Zwar erhob unsere Umfrage mit fünf Statements keinen Anspruch darauf, repräsentativ zu sein, jedoch ergab sich aus Sicht des Rosenheimer Stadtrats und SPD-Bundestagskandidats Abuzar Erdogan ein zu einseitiges Bild. 

In einem Offenen Brief an unsere Redaktion meint der Politiker, der aus einer alevitischen Familie stammt, dass durch den Artikel das Bild der Erdogan-Anhänger in der vermeintlichen Opferrolle verstärkt worden sei. 

Im Interesse des Meinungspluralismus und des offenen Diskurses, werden wir seinen Brief an dieser Stelle veröffentlichen. 

Offener Brief von Abuzar Erdogan: 

Liebe rosenheim24.de-Redaktion, 

am 10. März haben Sie in Bezug auf das bevorstehende Verfassungsreferendum in der Türkei Stimmen der in der Region lebenden Deutschtürken veröffentlicht. Bis auf eine Ausnahme kommen im Beitrag kaum Erdogan-kritische Töne zum Vorschein. 

Es wird der BRD unter anderem egoistisches Verhalten vorgeworfen und Meinungsfreiheit für den türkischen Präsidenten eingefordert. Der Beitrag unterstützt durch seine Tendenz die Opferrolle, die Anhänger des türkischen Staatspräsidenten Erdogan dieser Tage gerne einnehmen, um von den Repressalien, denen Journalisten, Minderheiten und Oppositionelle ausgesetzt sind, abzulenken. 

Erdogan und die regierende rechtskonservative AKP möchten mit dem Referendum die ohnehin angeschlagene Demokratie komplett aushöhlen und das Land in eine Diktatur führen

Wozu noch mehr Macht für Erdogan führt, kann man bereits heute erahnen. Bürgermeister, Abgeordnete, Journalisten, Künstler und Intellektuelle, die nicht auf der islamisch-konservativen Linie der AKP sind, werden weggesperrt und mundtot gemacht. 

Menschen, die in der Türkei für Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Gleichberechtigung und Minderheitenrechte kämpfen, also für solche Werte, die bei uns in Deutschland den absoluten Minimalkonsens unseres Zusammenlebens darstellen, werden durch den Staat verfolgt. 

Meine Eltern sind Aleviten. Die Aleviten sind eine humanistisch geprägte religiöse Minderheit in der Türkei. Beide haben einen Teil ihrer Jugend in der Türkei verbracht. Lang genug, um zu erfahren, welchen Diskriminierungen und Unterdrückungen Minderheiten in der Türkei ausgesetzt sind. 

Die vergangenen 100 Jahre der Türkei sind aus Sicht von Minderheiten wie etwa den Armeniern, Kurden oder Aleviten geprägt durch Vertreibung und Massaker. Zwar hat die Türkei Anfang der 2000er Jahre Fortschritte in Richtung Demokratie erzielt, die heutige Erdogan-Türkei scheint jedoch längst in die dunklen Jahre zurückgefallen zu sein. 

Schließlich darf bei der ganzen Frage, ob Erdogan in Deutschland Wahlkampf machen darf oder nicht eines nicht unberücksichtigt bleiben. Deutschland hat auf die Gräueltaten der Nazizeit mit dem Grundgesetz geantwortet. Das Grundgesetz ist mehr als ein bloßes Gesetz. Es ist die Wertebasis unserer hiesigen Gesellschaft. Jemand, der diese Wertebasis mit Füßen tritt, in dem er einem funktionierenden Rechtsstaat Nazimethoden vorwirft, darf keine Plattform erhalten.

Mit freundlichen Grüßen 

Abuzar Erdogan

Quelle: rosenheim24.de

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