Experte äußert sich vor Gericht

Zugunglück bei Bad Aibling: Darum gibt es zwei Notruftasten 

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Das Notruftelefon im Stellwerk Bad Aibling.
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Bad Aibling - Am 9. Februar stießen zwei Züge auf der Bahnstrecke Holzkirchen - Rosenheim frontal zusammen. Dabei verloren zwölf Menschen ihr Leben, 89 wurden zum Teil schwer verletzt. Immer mehr Fragen tun sich auf, die auch im Rahmen des Prozesses gegen den Fahrdienstleiter behandelt werden.

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Am 9. Februar kam es bei Bad Aibling zum folgenschweren Zusammenstoß zweier Meridian-Züge, bei dem zwölf Menschen getötet und mindestens 89 verletzt wurden. Mitte Juli erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den Fahrdienstleiter, der angeblich durch ein Handyspiel abgelenkt gewesen war. Daraus resultierten wohl die folgenschweren Fehlentscheidungen, die zu dem schrecklichen Unglück geführt haben.

Besonders tragisch ist, dass der Fahrdienstleiter, als er bemerkte, dass er zwei gegenläufige Züge auf eine Strecke geschickt hatte, über das Mobilfunknetz der Bahn einen Notruf absetzte um die Katastrophe noch zu verhindern: "Achtung Betriebsgefahr zwischen Kolbermoor und Bad Aibling, Züge sofort anhalten." eine Minute später setzte er erneut einen Notruf ab. Beide Notrufe konnten die Zugführer nicht erreichen, da er die falsche Taste drückte

Wie kann es zu einer Verwechslung kommen?

Das Notruftelefon im Stellwerk Bad Aibling.

Ein Zeuge erklärte bei seiner Aussage im Rahmen des zweiten Verhandlungstages des Prozesses gegen den Fahrdienstleiter vor dem Landgericht Traunstein, wie das Notruftelefon funktioniert und wie es zu einer Verwechslung kommen kann: "Die Tasten liegen nebeneinander. Man muss den Notrufknopf drücken und dann gleichzeitig den anderen Knopf für die Zugführer oder die Fahrdienstleiter betätigen." Diese seien mit Abkürzungen versehen. Hat man die rote Notruftaste gedrückt, erscheinen die beiden Felder auf einem Touchpad. Danach müsse man auswählen, wen man erreichen will. Dann werde der Funkspruch abgesetzt. Diese Situation sei wichtiger Bestandteil der Prüfung und werde regelmäßig geübt.

Der Zeuge beschrieb das Notrufsystem eher als kompliziert.Ich persönlich finde, dass es eine einfachere Lösung geben sollte. Eine Verwechslungsgefahr ist gegeben. Ich weiß auch nicht, warum es überhaupt zwei Tasten gibt."

Warum zwei Notruftasten?

Es stellt sich also auch Bahnmitarbeitern die Frage, warum es überhaupt zwei Notruftasten braucht. Wäre es nicht sinnvoller, nur einen Knopf zu haben, um sich in einer Notsituation nicht entscheiden zu müssen und auch mit einem Notruf möglichst viele Personen zu erreichen? Was ist der Grund dafür, dass den einen Notruf nur Lokführer hören dürfen, den anderen nur Fahrdienstleiter?

Eisenbahnexperte hatte Antworten vor Gericht

Am zweiten Prozesstag äußerte sich ein Zeuge von der Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes (EUB). Er untersucht Eisenbahnunfälle und deren Unfallursachen, um daraus auf Verbesserungen für die Zukunft schließen zu können. Auf die Frage, warum es die Unterscheidung Notruf „Strecke“ und „Zug“ gebe, äußerte er sich folgendermaßen: "Das ist aus der Historie heraus entstanden." Über analoge Funkkästchen haben früher die Zugführer die Fahrdienstleiter erreichen können. Diese analogen Funkkästchen seien dann abgeschafft worden. Wie der Zeuge weiter berichtete, sei nach Abschaffung der Funkkästchen von der Deutschen Bahn ein zweiter Notruf-Kanal beantragt worden, da die EU keine zwei Notruf-Systeme vorschreibe. Das Eisenbahn Bundesamt hatte dem Antrag stattgegeben. Man konnte also den Fahrdienstleiter nach der Einführung des zweiten Notruf-Kanals von draußen heraus wieder erreichen.

Sprecher der Deutschen Bahn, die bei der Verhandlung anwesend waren, erklärten in diesem Rahmen auf Nachfrage von mangfall24.de, dass es darum gehe, dass die Streckenmitarbeiter die Fahrdienstleiter informieren können, wenn Gefahr auf der Strecke drohe. Beispielsweise wenn ein Baum im Gleis liegt.

Im weiteren Verlauf der Verhandlung wurde auch klar, dass die Fahrdienstleiter jeden Notruf hören können, auch die, die an die Zugführer gehen. Andersherum können die Zugführer jedoch nicht die Notrufe hören, die von Fahrdienstleitern an andere Fahrdienstleiter abgesetzt werden.

Pläne und Fotos aus Stellwerk hängen im Gerichtssaal

Das sagt das Eisenbahnbundesamt und die Deutsche Bahn

Wir haben im Vorfeld auch beim Eisenbahn Bundesamt sowie bei der Deutschen Bahn nach den Gründen gefragt. Während man uns von Seiten der Pressestelle DB eine Antwort mit dem Hinweis auf das laufende Ermittlungsverfahren verweigerte, bekamen wir vom Eisenbahn-Bundesamt folgende allgemeine Auskunft zu dem Thema:

"Das GSM-R Netz ist ein auf dem weltweit angewandten GSM-Standard basierendes Netz, das um bestimmte eisenbahnspezifische Anforderungen ergänzt wurde. Zu den eisenbahnspezifischen Besonderheiten zählen etwa die Möglichkeiten der Rufpriorisierung (Notrufe haben die höchste Priorität), der Verdrängung (Rufe mit einer hohen Priorität verdrängen Rufe einer normalen Priorität) und der Gruppenrufe (ein Anruf erreicht mehrere Teilnehmer gleichzeitig). 

Die Ausrüstungspflicht mit Zugfunk ist in § 16 Abs. 4 EBO geregelt. Als Betreiberin des GSM-R-Netzes hat die DB Netz AG dessen Planung und Abnahme in den Richtlinien 859 und 860 geregelt. Darin sind u.a. die verschiedenen Gruppenrufe definiert. Weitere Einzelheiten zum konzerneigenen Regelwerk bitten wir direkt bei der Bahn zu erfragen."

"Warnmeldung" an die Deutsche Bahn

Wie die TZ berichtete, haben Polizei und Staatsanwaltschaft an die Deutsche Bahn AG eine "Warnmeldung" geschickt. Der Konzern sei bereits am 22. März über eine potenzielle Fehlerquelle "bei der Abwicklung des Funkverkehrs" informiert worden. Dies habe der Traunsteiner Leitende Oberstaatsanwalt Wolfgang Giese gegenüber der Zeitung erklärt.

Quelle: mangfall24.de

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