Arbeitskräfte aus dem Osten: Kein Ansturm

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Vereint am Flaggenmast: Deutschland, Polen und Europa. Seit dieser Woche brauchen Arbeitnehmer aus Polen und sieben weiteren EU-Staaten in Deutschland keine Arbeitsgenehmigungen mehr.

Rosenheim/Landkreis - Bürger aus acht mittel- und osteuropäischen EU-Staaten benötigen nun keine Arbeitserlaubnis mehr, um hier zu arbeiten. Doch es wird wohl keinen Ansturm geben.

Diese Prognose bedauert natürlich die Wirtschaft, die händeringend qualifiziertes Personal sucht.

Ein Journalist der Gazeta Wyborcza, der größten polnischen Tageszeitung, besuchte vor einigen Wochen die Rosenheimer Agentur für Arbeit. Er sammelte Material für eine Artikelserie, um die Leser seiner Zeitung über Chancen auf dem Arbeitsmarkt in Südbayern zu informieren. Sitzen in Polen die Menschen auf gepackten Koffern, um hier bei uns zu arbeiten?

"Das glaube ich nicht", sagt Alexandra Gehlhaar. Die Geschäftsführerin der IHK Rosenheim bestätigt, dass es in der Region einen Fachkräftemangel quer durch alle Branchen gibt. "Unsere letzte Konjunkturumfrage hat ergeben, dass 41 Prozent der Unternehmen in Bayern keine geeigneten Bewerber finden."

Doch die Öffnung des Arbeitsmarkts für die E8-Staaten wird den Fachkräftemangel nicht beheben, so Gehlhaar. "Es gibt zwar Branchen wie die Gesundheitswirtschaft, wo Arbeitskräfte aus den neuen EU-Ländern helfen können, den vorhandenen Engpass zu verringern." Doch qualifizierte Facharbeiter oder Ingenieure werden nach ihrer Überzeugung wohl nicht in größerem Umfang zuziehen.

Die ersten Erfahrungen der Rosenheimer Agentur für Arbeit bestätigen diese Einschätzung. "Wir haben in den letzten Wochen und Tagen keine einzige Anfrage von Bewerbern aus den E8-Staaten erhalten", sagt Agenturleiter Harald Neubauer. "Wenn gut ausgebildete Arbeitskräfte kommen, würden wir uns freuen", so Neubauer, in dessen Agenturbezirk sich die Zahlen der Vollbeschäftigung annähern. Die Wirtschaft in der Region brummt, die Auftragsbücher sind voll wie lange nicht.

Kein Wunder, dass es nicht nur in den Bereichen Gastronomie und Altenpflege offene Stellen gibt, die die Arbeitsvermittler trotz aller Bemühungen nicht besetzen können. "Es fehlen schlicht Menschen mit den richtigen Qualifikationen", sagt Neubauer. Könnten diese Stellen mit Bewerbern aus den E8-Staaten besetzt werden, würden sie niemand den Arbeitsplatz wegnehmen.

Doch der Agenturleiter befürchtet: "Es werden nicht die kommen, die wir brauchen." Denn gut qualifizierte Leute aus Ungarn, Polen oder der Slowakei haben auch zuhause keine Probleme, Arbeit zu finden. "Wer in Polen einen Job hat, wird nicht zu uns kommen", ist Neubauer überzeugt. Dazu sei der Unterschied in den Lebenshaltungskosten einfach viel zu groß. Und diejenigen, die sich gerne den Duft der großen weiten Welt um die Nase wehen lassen wollen, sind wohl bereits vor sieben Jahren nach Großbritannien oder Irland gegangen.

Einen Massenansturm erwartet auch Günter Zellner nicht. Der Vorsitzende der DGB-Region Südostoberbayern steht der Neuerung grundsätzlich positiv gegenüber. "Wir sind nicht gegen die Arbeitnehmerfreizügigkeit, schließlich profitieren wir von der EU insgesamt." Der eine oder andere wird nach Einschätzung des Gewerkschaftsbundes wohl kommen. "Der Arbeitsmarkt in der Region ist in so guter Verfassung, dass er die auch aufnehmen kann", meint Zellner. Das Problem sind in seinen Augen auch nicht die Menschen, die hierher ziehen und eine Beschäftigung aufnehmen. Denn die fallen automatisch unter einen Tarif.

Wogegen sich die Gewerkschaften aber energisch wehren, sind Versuche, das Lohnniveau drücken zu wollen: "Es kann nicht sein, dass Leiharbeitsfirmen Zweigstellen in Osteuropa gründen und Arbeitskräfte hierher verleihen, die dann Löhne wie in Polen oder Ungarn erhalten." Der deutsche Arbeitsmarkt brauche Schutzvorschriften. Die Gewerkschaften fordern deshalb von der Bundesregierung, einen Mindestlohn von 8,50 Euro einzuführen.

Vergleich mit Südtirol

In der Arbeitsagentur hat man mit Interesse die Erfahrungen studiert, die Südtirol vor sechs Jahren gemacht hat. Die nördlichste Provinz Italiens hat 600.000 Einwohner, der Agenturbezirk Rosenheim 530.000. In Südtirol kamen im ersten Jahr 3500 Arbeitskräfte. Seitdem hat der Zuzug aus den E8-Staaten Jahr für Jahr abgenommen. Wenn man dies auf den Rosenheimer Agenturbezirk überträgt, kann man von 3000 neuen Arbeitskräften ausgehen - bei insgesamt 153.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Zum Vergleich: Als Wachstumsregion wächst der Bezirk jedes Jahr um 3000 bis 5000 Beschäftigungsverhältnisse.

Im Übrigen arbeiten Fachkräfte aus den E8-Staaten schon lange bei uns. "Sie konnten bisher problemlos eine Arbeitsgenehmigung bekommen", so Albin Stieber, zuständiger Teamleiter bei der Agentur. Genau 980 waren es zum Stichtag 30. September 2010. Künftig sparen sie sich die Mühe, die Genehmigung beantragen zu müssen.

Klaus Kuhn (Oberbayerisches Volksblatt)

 

Quelle: rosenheim24.de

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