Engstelle: Nur nicht stehen bleiben

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Claus Bernhard und Friedrich Gerlmaier vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund testeten die taktilen Leitsysteme im Boden.

Rosenheim - An der Engstelle an Gleis 1 des Rosenheimer Bahnhofs weise Schilder nun darauf hin, dass dort kein Aufenthalt von Wartenden vorgesehen ist. Vom Fahrgastverband und von Behindertenvertretern hagelt es dafür Kritik.

Mit einer Begehung hat die Deutsche Bahn (DB) auf die jüngsten Vorwürfe reagiert. „Wir befinden uns immer noch in der Baustellenphase. Deshalb bitte ich Sie: Geben Sie uns die Zeit“, appellierte der Leiter des Bahnhofsmanagements in Oberbayern, Helmut Zöpfel, an die Vertreter der Behindertenorganisationen. Die festgestellten Mängel seien die Folge noch nicht abgeschlossener Bauarbeiten gewesen. Tatsächlich sind mittlerweile einige Kritikpunkte behoben worden. Andere Problemfelder, die nach wie vor bestehen, begründete die Bahn mit „sachlichen Zwängen“. „Wir können nicht auf der grünen Wiese neu bauen, sondern modernisieren im Bestand“, warb Zöpfel für Verständnis dafür, dass ein Optimum nicht überall zu erreichen sei.

„Technische Zwänge“, die nur mit Kosten in Höhe von 1,5 Millionen Euro gelöst hätten werden können, führten nach Angaben von Zöpfel zur viel kritisierten Engstelle am Gleis 1. Dort können sich an einer zwei Meter breiten Stelle nahe der Wartehalle zwei Passanten mit Kinderwagen oder Gehhilfe nicht begegnen. Schilder weisen daher nicht nur darauf hin, dass dort kein Aufenthalt von Wartenden vorgesehen ist, sondern auch kein Durchgang. Zu Stoßzeiten, beispielsweise während des Herbstfestes, wenn viele Passagiere aus dem von Salzburg kommenden Zug in Rosenheim aussteigen und ebenso viele Fahrgäste Richtung München weiterfahren wollen, dürfte sich der Bahnsteig zum Nadelöhr entwickeln.

Der Bahnsteig an Gleis 1 war im Sommer bereits eng. Jetzt, da der Treppenaufgang noch mit einer Glasfront versehen wurde, ist die Stelle noch schmaler geworden.

„Für mich ist das der Supergau“, ärgerte sich Sepp Höck, Behindertenbeauftragter von Eggstätt. Höck kann nicht verstehen, dass bei einer Großbaumaßnahme wie dem Rosenheimer Bahnhof keine Lösung gefunden wird, die eine solche Engstelle grundsätzlich verhindert. „Diese Gefahrenzone erschließt sich unserem Verständnis nicht – zumal sie jetzt durch den neuen Windschutz noch künstlich verlängert wurde“, ärgerte sich auch Rosenheims Behindertenbeauftragte der Stadt, Christine Mayer.

Dies sieht auch Günther Polz von der Kreisgruppe Rosenheim des Fahrgastverbandes Pro Bahn so. „Das Bahnhofsgebäude wurde leider eher mit Schwerpunkt auf einem Ladenzentrum als auf einer funktionierenden Verkehrsdrehscheibe umgebaut“, findet er. Vor allem bei der Gestaltung der Zugänge sei nicht immer die optimale Lösung gefunden worden, wie die Engstelle an Gleis 1 zeige. „Es ist nicht einsichtig, dass so etwas vom Eisenbahnbundesamt akzeptiert wird“, ärgert sich Polz.

Fotos vom Bahnhof Rosenheim

Immerhin: An Gleis 1 bleiben alle Züge stehen, zu Durchfahrten von IC- oder ICE-Zügen werden die hinteren Gleise genutzt. Die Gefahr, dass Passagiere vom Sog der Züge mitgerissen werden, besteht in der Nähe der Engstelle nicht.

Bahnhofsmanager Zöpfel wies bei der Begehung darauf hin, dass es keine Notwendigkeit gebe, die Engstelle am Gleis 1 zum Warten oder Passieren zu benutzen. Behinderte werden nach Angaben der Planer unter anderem über das noch zu erstellende taktile Leitsystem durch die Wartehalle vorbei zum Aufzug und zum Bahngleis 1 geführt und könnten im Wartebereich geschützt auf die Züge warten. Dort soll außerdem noch ein Servicepunkt entstehen, in dem Menschen mit Handicap Informationen und Hilfe erhalten, versprach Zöpfel. Die Freiflächen in diesem Bereich würden nicht an weitere Läden vermietet, sondern frei von jeglicher gewerblichen Nutzung bleiben.

Der DB-Vertreter wies den Vorwurf zurück, die Bahn habe bei der Umgestaltung des Bahnhofes die Leitsysteme für Blinde und Sehbehinderte vergessen. Die Bauarbeiten seien im Sommer schlichtweg noch nicht so weit gewesen. Im Boden führten mittlerweile Rillen den weißen Stock zu sogenannten Aufmerksamkeitspunkten, an denen Wegänderungen vollzogen werden müssen. Das Leitnetz sei derzeit zwar noch nicht vollständig. Es solle jedoch bis zur offiziellen Bahnhofseröffnung im Dezember alle Bereiche erfassen. Noch erstellt würden außerdem Beschilderungen – etwa für die Rampe, die Rollstuhlfahrern bislang kaum ins Auge fällt.

Weitere Kritik gab es zum Eingang zur Unterführung, der in die Zuständigkeit der Stadt fällt. Dort seien die taktilen Leitsysteme für Blinde falsch angebracht worden, die optischen Markierungen an der Treppe nicht ausreichend, und auch der Belag sei zu rau ausgefallen, erklärte Knut Junge, Mitglied im Normenausschuss für die behindertengerechte Gestaltung. Was die taktilen Leiteinrichtungen angeht, hat die Rosenheimer Stadtverwaltung eine andere Auffassung. Das planende Architekturbüro sei generell den einschlägigen Empfehlungen zur Ausführung von Blindenleitstreifen gefolgt, versichert der städtische Pressesprecher Thomas Bugl. Die optischen Markierungen an der Treppe könnten bei Bedarf nachgerüstet werden. Der raue Belag verhindere Rutschgefahr im Winter.

duc/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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