Die Bavarizität des Mongdrazerls

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Rosenheim - Ist die Rosenheimer Wiesn nach wie vor ein von der bairischen Sprache und Kultur geprägtes Fest? 2010 hat OVB-Autor Armin Höfer den Leuten in der Serie "Boarisch gredt auf da Wiesn" aufs Mei gschaud.

Heuer befasst er sich mit der schriftlichen Präsentation unserer angestammten Sprache. Aufschlussreiche Dokumente sind diesbezüglich die Speisekarten in den Bierburgen und Weinhütten. In drei Folgen mit dem Titel "Boarisch gschriem auf der Wiesn" geht es ab heute um Optik und Originalität, Schreibung und Bavarizität der "Speiskartn".

Den Anfang macht heute die Speiskartn "Zum Tatzlwurm" - oder heißt es gar Tatzlwurme? Denn das Schwanzerl am Ende des Namens des bekannten Gasthauses, Wasserfalls und Drachens könnte man auf der künstlerisch höchst wertvollen ersten Seite auch als e sehen. Ist vielleicht ein altdeutscher Dativ angedeutet? Einerlei: Die dargestellte Szene dürfte viele Kinder und Jugendliche ansprechen. In einem Achterbahnwagerl sitzt ein Drache, der dem bekannten Tabaluga-Drachen täuschend ähnlich sieht. Hinter ihm sitzt nicht seine Freundin Happy, sondern ein fesches bairisches Dirndl. Die Häsin Happy schwebt als Luftballon dem Himmel entgegen.

Kindgerecht auch die Beschriftung "Riesenrad" und "Herbstfest Rosenheim", und zwar in der schönen Lateinschrift, wie sie der ältere Wiesnbesucher in den 1960er-Jahren gelernt hat, nicht in dem nur wenig ansprechenden Gekritzel, mit dem sich die Grundschüler von heute plagen müssen.

Sehr originell und kreativ sind auch die Bezeichnungen "Giggerl-Gaudi", "Herbstfest-Ferkelei" und "Tatzlwurm red". Selber nachschauen, was das ist! Optik, Originalität und hochdeutsche Schrift: Note 1,0.

Die Schreibung des Bairischen scheitert leider oft an der Sucht, überall, wo es irgendwie geht, ein Haggerl - einen Apostroph - anzubringen. Der Tabaluga-Tatzlwurm wünscht auf Seite 2 "An Guad'n". Bassd scho! Aber die Schreibung "Mog'ndrazerl" wurde von einem "Preußen" als "Morgendrazerl" verstanden. Wie wäre es daher mit "Mongdrazerl"?

Gänzlich überflüssig ist das Haggerl bei Brez'n, Platt'n oder Supp'm, weil im Bairischen dem hochdeutschen Endungs-e in der Regel ein n entspricht. Da ist rein gar nix ausgefallen! Also: Hose und Hosn, Wiese und Wiesn, Karte und Kartn. Daher bitte nächstes Jahr: Brezn, Plattn, Suppm, wobei das m wegen des vorausgehenden p steht.

Tadellos geschrieben sind dagegen: Gurkerl, Stangerl, Knödl, Gröstl, Haferl, Schmarrn, Russn. Warum aber "Schweinswürst'l"?

Bei "Pfanne" brauchen wir kein e, eine "Ente" wäre besser "a Antn", ein "Kartoffel" ist "a Kardoffe". Den Liter Bier hätten wir lieber als "Mass" denn als "Maß" geschrieben. Wie sollten die Norddeutschen denn sonst die richtige Aussprache lernen? Sie bestellen zumeist immer noch "ain Maaß Bia"! Aber insgesamt für die bairische Schreibung: Note 2,0.

Um das Niveau des Bairischen auf der Tatzlwurm-Kartn gleich vorab zu loben: Die Bavarizität verdient Note "eins mit Stern"! Eine Speiskartn ohne das schreckliche Wort "lecker"! "G'schmackig" heißt es hier! Gleich mehrmals! Da verzeihen wir gern die preußische "Sahne". Dem Tatzlwurm ist halt der "Schlagrahm" - "Schlograhm" - nicht eingefallen, oder?

Keineswegs auf Österreich beschränkt ist der "Kren". Den Meerrettich überlassen wir nämlich gerne unseren nördlichen Landsleuten! Ganz wunderbar die Poesie der Tatzlwurm-Kartn: "G'schmackig, schnell (besser: schnej) und imma (besser: oiwei) frisch/in 10 Minut'n auf'm Tisch./Is da Koch amoi ned fix,/ dann zoist für dei Abo - NIX!"

Pfundig, bärig und - Entschuldigung! - geil! Gesamtergebnis: 1,3.

Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: Herbstfest Rosenheim

Rubriklistenbild: © dpa

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