Wegen Mordes verurteilt

Bayerischer "Rockefeller" beteuert seine Unschuld

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„Ich bin tatsächlich unschuldig“:  Christian Karl Gerhartsreiter wurde von einem Gericht in Kalifornien zu 27 Jahren Haft verurteilt. Doch er behauptet, das Verbrechen nicht begangen zu haben.

Los Angeles - Mindestens 27 Jahre muss der falsche Rockefeller für einen Mord in Kalifornien absitzen. Doch der Deutsche beteuert seine Unschuld.

Das mysteriöse Verschwinden des Kaliforniers John Sohus und seiner Frau Linda gibt viele Rätsel auf. Eines steht in dem spektakulären Mordfall seit Donnerstag aber fest: Der Bayer Christian Karl Gerhartsreiter, der sich über Jahre hinter Namen wie „Rockefeller“ und „Chichester“ versteckte, muss als verurteilter Mörder für mindestens 27 Jahre hinter Gitter.

Mit Handschellen und in blauer Gefängniskluft verfolgte der 52-jährige Deutsche im Gericht von Los Angeles die Bekanntgabe des Strafmaßes. Im April war er von zwölf Geschworenen schuldig befunden worden, vor 28 Jahren den Sohn seiner Vermieterin in Kalifornien getötet zu haben.

„Ich habe das Verbrechen nicht begangen“, sagte der schmächtig wirkende Brillenträger mit schütterem Haar in dem voll besetzten Gerichtssaal. Er glaube fest daran, dass die Ehefrau des Opfers den Mord begangen habe. Das wolle er gerne in einem neuen Prozess beweisen.

Der Bayer, der als junger Mann in die USA zog und sich dort als Filmemacher, Börsenmakler und Sprössling reicher Familien ausgab, ist redegewandt. In einem Interview mit der Zeitung „Pasadena Star-News“ stand er dem Reporter nach Erhalt der Strafe gelassen Rede und Antwort. Er habe die Mitschriften des dreiwöchigen Mordprozesses mit allen Zeugenaussagen durchgelesen. „Ich bin tatsächlich unschuldig“, würde er daraus folgern, bekräftigte Gerhartsreiter.

Anfangs habe er die Mutter von John Sohus als Täterin verdächtigt, so Gerhartsreiter. „Sie war stark wie ein Ochse“, sagte er über die inzwischen gestorbene Frau. Doch nach weiteren Überlegungen halte er die Ehefrau für die Täterin. „Es gibt einfach keine andere Möglichkeit“, führte er in akzentfreiem Englisch aus.

Zu möglichen Tatmotiven der Frauen sagte er nichts. Auch wies er unbequeme Nachfragen mit der Entschuldigung zurück, er würde sich zu manchen Dingen nicht äußern, die seiner geplanten Berufung schaden könnten.

Das 27 Jahre alte Mordopfer John Sohus und dessen Frau Linda waren 1985 spurlos verschwunden. Gerhartsreiter lebte damals in einem Gästehaus auf dem Grundstück der Sohus-Familie. Die Leiche des Mannes wurde neun Jahre später bei Bauarbeiten im Garten seines Elternhauses gefunden, sie konnte erst 2008 mit neuen DNA-Methoden identifiziert werden. Von der Frau fehlt bis heute jede Spur. Kurz nach dem Verschwinden des Paares zog der Deutsche an die US-Ostküste um.

Seine Pläne, unter dem Namen Chris Chichester als Filmproduzent in Hollywood Karriere zu machen, seien damals gescheitert. Deshalb sei er von Kalifornien weggezogen, gab Gerhartsreiter in dem Interview als Erklärung an. Auch habe er sich nie versteckt. Seine vielen erfundenen Identitäten, darunter „Chris Crowe“ und „Clark Rockefeller“ seien Namen gewesen, die er aus beruflichen Gründen gewählt habe.

Die Staatsanwaltschaft hatte Gerhartsreiter als kaltblütigen Mörder dargestellt, der jahrzehntelang ein „Meister“ im Manipulieren gewesen sei. Über 40 Zeugen waren im Frühjahr in dem Prozess gegen Gerhartsreiter zu Wort gekommen. Die meisten beschrieben ihn als notorischen Lügner und Hochstapler, der sich an anderen bereichern wollte. Es gab keine Tatwaffe, keine Augenzeugen und keine Blutspuren, die den Deutschen mit dem Mord direkt in Verbindung brachten.

Und doch fällten die Geschworenen in dem Indizienprozess schnell ein einstimmiges Urteil. Laut Anklage wurde das Opfer mit einer stumpfen Waffe und einem scharfen Objekt getötet. Die zerstückelte Leiche war in Plastiktüten verpackt im Garten vergraben.

Viele Fragen in dem spektakulären Fall sind noch offen. Ellen Sohus, die Schwester des Mordopfers, wandte sich am Donnerstag im Gericht an Gerhartsreiter. „Warum hast du meinen Bruder getötet?“, fragte die Frau mit bewegter Stimme bei der Anhörung. „Was ist mit Linda passiert?“, hakte sie nach. Auch nach 28 Jahren gibt es darauf keine Antwort.

dpa

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