Brennerbasistunnel: Bayern verpasst den Anschluss

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Spitzenreiter unter den Pässen beim Transport von Gütern auf Straße und Schiene: der Brenner. Er ist die Transportachse von Nord nach Süd, von Berlin über die großen Messezentren Halle/Leipzig, Nürnberg und München nach Rom bis Palermo.

Rosenheim/Innsbruck - Der Stolz ist den Österreichern bei der Präsentation ihrer Pläne für den Brennerbasistunnel anzumerken: "Wir sind im Zeit- und Budgetplan. Unsere Bergbauingenieure leisten Pionierarbeit."

Weiter heißt es: "Die neue Unterinntalbahn wird im Dezember 2012 ihren Betrieb aufnehmen und ein Meilenstein in Technik und Umweltschutz sein. Und auch der Brennerbasistunnel wird 2025 fertiggestellt. 2026 werden dann die ersten modernen Hochgeschwindigkeitszüge in rund 20 Minuten von Innsbruck nach Franzensfeste fahren."

Martin Pellizzari (links) von der ÖBB Infrastruktur AG unterrichtete die bayerischen Inntal-Bürgermeister und Landrat Josef Neiderhell über den Fortgang der Arbeiten an der Trasse.

Vor insgesamt 24 staunenden Bürgermeistern aus dem Inntal, vor Landrat Josef Neiderhell und Gerhard Prentl, Leiter der Arge Transitverkehr, Geschäftsführer Karl Fischer vom Logistik-Kompetenz-Zentrum in Prien sowie Pressevertretern machten Simon Lochmann, Leiter Kommunikation Brenner Basistunnel BBT SE, und Martin Pellizzari, Leiter Projektinformationsmanagement ÖBB Infrastruktur AG, klar: Der Brennerbasistunnel wird gebaut: "Vor wenigen Stunden erhielten wir die Zusage, dass auch die Finanzierung auf österreichischer Seite steht."

Am 18. April soll, so hieß es, in Innsbruck offiziell der Startschuss zum Großprojekt "Brennerbasistunnel" erfolgen. Mit dabei sein werden aller Voraussicht nach EU-Koordinator Pat Cox, Vertreter der Bahn sowie Regierungschefs und Verkehrsminister aus Italien, Österreich und Deutschland.

"Mit 350 Zügen pro Tag war die Strecke zwischen Innsbruck und Wörgl am Ende ihrer Möglichkeiten, zumal sie der ,Flaschenhals für alle Nord- und Süd- sowie Ost- und Westverbindungen ist. Wir mussten handeln. Unserer Bevölkerung waren Lärm und Abgase nicht weiter zuzumuten", beschreibt Martin Pellizarri die Situation im Jahr 1993.

Damals begann der Start für die Planungen zur neuen Ausbaustrecke "Unterinntalbahn". In rund eineinhalb Jahren werden modernste Züge das österreichische Inntal auf 40 Kilometern Länge durch Tunnels, Wannen und Galerien passieren. "Die lange Planung zusammen mit den Bürgern hat sich gelohnt. Wir sind stolz auf das Erreichte", so Pellizzari. Rund 2,4 Milliarden Euro hat das Projekt verschlungen, fast doppelt so viel, als zunächst angesetzt. Rund 20 Prozent zahle die EU als Fördermittel. Doch diese Mehrkosten werden angesichts der fast fertigen Trasse weggewischt.

Der "Jumbo", eine Spezialbohrmaschine mit monströsen Ausmaßen, arbeitet im Zugangsstollen bei Ahrental.

Österreich wolle sich mit dieser außergewöhnlichen Leistung seiner Bergbauingenieure und Geologen natürlich auch am Weltmarkt profilieren, erklärt Lochmann: "Wir entwickeln neuartige Methoden zum Bergbau im porösen Gestein, außerdem setzen wir Spezialtaucher beim Betonbau unter Wasser ein." Experten aus der ganzen Welt besuchten die Baustellen. Darüber hinaus stehe man in engem Kontakt mit den Schweizern beim Gotthard-Tunnelbau, einer weiteren Großbaustelle in Europa. "Wir vergleichen sogar Eckdaten der jährlichen Kostenentwicklung."

"Da ist viel geschehen in Tirol", erkennt Landrat Josef Neiderhell neidlos an. Umso deprimierter fällt sein Kommentar zur Haltung des deutschen Verkehrsministeriums und der Bahn aus: "Ich werde weiterhin versuchen, den Verantwortlichen klar zu machen, dass auch wir auf bayerischer Seite handeln müssen. Abwarten, wie sich künftige Verkehrsströme vielleicht entwickeln, und erst dann eine Schienentrasse zu projektieren, wird eindeutig zu spät sein." Unverständlich erscheint ihm da auch der jüngste Brief von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU): "Mit der Realisierung des Brennerbasistunnels nicht vor 2025 haben wir noch genügend Zeit, eine Schienentrasse zu finden und mit ausreichend Lärmschutz zu planen."

Das sieht Neiderhell völlig anders. Selbst die Österreicher benötigten trotz zügiger Arbeit für Planung, Projektierung und Bau der insgesamt 40 Kilometer langen neuen Unterinntalbahn rund 17 Jahre, so der Landrat. "In 17 Jahren schreiben wir das Jahr 2028." Der Knackpunkt dabei sei, dass dann der Brennerbasistunnel aller Voraussicht nach fertig ist. "Das Zeitfenster, EU-Fördermittel für unseren Brennerzulauf im bayerischen Alpenvorland zu bekommen, ist dann zu. Der Zug ist im wahrsten Sinn des Wortes dann abgefahren." Noch erhalte man zwischen zehn und 20 Prozent der Kosten für Planung und Ausführung von der EU als Fördermittel. "Ich möchte für meine bayerische Bevölkerung den gleichen hohen technischen Stand beim Ausbau der Bestandsstrecke wie in Österreich, also unterirdisch."

Appell nach Berlin: "Macht was!"

Außerdem ist er wie auch Klaus Fischer vom Logistik-Kompetenz-Zentrum in Prien überzeugt, dass sowohl der Personen- wie auch der Güterverkehr zulegen werden. "Wir haben heute bereits wieder die Transportzahlen über den Brenner wie vor der Wirtschaftskrise", bestätigt Martin Pellizzari. Deshalb traut Neiderhell den neuesten Zahlen zum Verkehrsaufkommen auf der Bestandsstrecke München-Kiefersfelden nicht, die das Münchner Institut Intraplan im Auftrag der Bahn errechnet hat, und poltert in Richtung Berlin: "Macht was! Denkt nach!"

Denn auch seine Bürgermeister machen Druck: "Der Zuwachs von 187 auf 220 Züge wird enorm sein. Vieles muss dann nachts abgewickelt werden. Schon jetzt reichen die Lärmschutzmaßnahmen bei Weitem nicht aus. Teilweise finanzieren wir die Maßnahmen selbst. Und wo bleibt der Personennahverkehr? Muss der auf die Straße", fragt Oberaudorfs Bürgermeister Hubert Wildgruber. Die Situation der Inntalgemeinden sei ja doppelt verheerend: "Wir haben neben der Schiene ja auch die Autobahn." Wie man da eine Tourismus-Gemeinde positionieren soll, ist Wildgruber schleierhaft.

Sigrid Knothe (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: rosenheim24.de

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