Trotz Demo: Der giftige "Nazi-Teer" kommt weg

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50 Demonstranten begrüßten am Donnerstag die Staatsförster - und sprachen von der "teuersten Forststraße Europas" die geplant wird.
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Berchtesgaden - Für die 50 Demonstranten eine Zerstörung, für die Staatsforsten eine Altlastenbeseitigung. Doch der giftige Teer aus der NS-Zeit am Obersalzberg kommt weg! Wann und wie:

Dass die in der NS-Zeit am Obersalzberg erbauten Wege aus hochgiftigen Teer bestehen, daran zweifeln auch Umweltschützer und Grüne nicht. Und trotzdem schallte es den Förstern aus der Demonstration am Donnerstag entgegen: "Wege bleiben!" Etwa 50 von ihnen versammelten sich vor dem Haus der Bayerischen Staatsforsten: "Wir wollen nicht, dass dort oben alles kaputtgemacht wird", so Organisatorin Rita Poser. Die Giftstoffe ließen sich beherrschen, wenn die Wege frisch geteert würden. Aber den alten Teer abtragen, teuer abtransportieren, entsorgen und die Wege wieder sanieren? Von der "teuersten Forststraße Europas" sprachen die Demonstranten.

Demo für den Erhalt der Kehlsteinwege

Sachverständiger Jörg Danzer erklärt die Problematik: Das Wasser spült die giftigen Stoffe auch unter der Teerschicht den Hang hinab. Zur größeren Ansicht bitte hier klicken.

Derweil stellten die Staatsforsten bei einer Pressekonferenz ihr Konzept zu den Arbeiten vor - und rechtfertigten sich: "Wir führen den Bescheid vom Landratsamt aus, der auf einem Fachgutachten beruht. Bei Gift in der Landschaft müssen wir nun mal langfristig denken, schließlich sind wir für den Staatswald verantwortlich", so Forstbetriebsleiter Daniel Müller. Nach Aussage des Sachverständigen Jörg Danzer besteht dringender Handlungsbedarf: "Der giftige Teer dringt schon in den Straßenunterbau."

Über Luft und Wasser schleichen sich die Giftstoffe in die Umwelt

Von links: Hannes Frauenschuh vom Ingenieurbüro BPR, Forstbetriebsleiter Daniel Müller, stellvertretender Forstbetriebsleiter Peter Renoth, Sachverständiger Jörg Danzer.

Gefährlich wird der Gift-Teer dem Menschen vor allem über das Wasser: Bei Regen wird der aufgebrochene Teer an der Oberfläche und im verseuchten Straßenunterbau durchspült und gelangt so über Grund- und Oberflächenwasser in die Umwelt. Von Polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) sprechen die Experten: Krebserregend, reproduktionsschädlich, boden- und wasserschädlich. Bis zu 10.000 Milligramm PAK enthält der verbaute Teer. Bereits ab 1000 Milligramm gelten diese Stoffe als "gefährlicher Abfall".

Und der Vorschlag der Demonstranten, die Straßen frisch zu Asphaltieren und die Giftstoffe zu versiegeln? Bei der großen Kehlsteinstraße ging es schließlich auch, so die Kritiker. "Auch das wäre eine Möglichkeit zur Gefahrenabwehr", so der Sachverständige Danzer, "aber nur im Flachen. In Hanglagen wie am Obersalzberg dringt das Wasser in den Straßenunterbau und nimmt die Schadstoffe den Hang mit hinunter." Bei der Kehlsteinstraße selbst sei das Sanierungserfordernis nicht so groß gewesen, die Giftstoffe könnten dort nicht so gut in die Umwelt gelangen. Ein Gutachten habe man dafür aber nicht, so das Forstamt.

So werden die Arbeiten verlaufen:

Die Deckschicht und der Straßenunterbau mit eingedrungenem Teer, erkennbar am geschwärzten Gestein. Der Meterstab zeigt 40 Zentimeter. Etwa in dieser Größenordnung muss der Belag abgetragen werden. Zur größeren Ansicht bitte hier klicken.

"Wahrscheinlich Mitte Mai werden die Bauarbeiten beginnen", so der stellvertretende Forstbetriebsleiter Peter Renoth. Momentan läuft die Ausschreibung, welche Firma mit den Arbeiten beauftragt wird. 13 Kilometer vergiftete Wege werden abgetragen: "Das entspricht 40.000 Tonnen Material bzw. rund 2000 Lkw-Fuhren", so das Forstamt. Bis Ende Oktober soll alles erledigt sein. 2,5 Kilometer der Wege werden vollständig entfernt und nicht wieder aufgebaut. Der Großteil, fast zehn Kilometer, wird zu Forststraßen und Forstwegen mit 3,5 bzw. drei Metern Breite: "Mit Bindekies", merkt Forstbetriebsleiter Müller an: "Also auch kinderwagentauglich."

An Umschlagplätzen wird der Gift-Teer möglicherweise einige Tage zwischengelagert, soll dort aber wind- und wasserdicht abgedeckt werden. Was später mit dem Teer passiert, wenn er erstmal weg vom Obersalzberg ist, lässt sich noch nicht sagen: "Das kommt auf das Recyclingunternehmen an. Aber: Eine thermische Verwertung, also eine Verbrennung, werden wir nicht zulassen." Dabei wollen die Staatsforsten ganz genau hinschauen: Bereits 2010 abgetragener Gift-Teer wurde im Landkreis Passau vom Entsorger wieder verbaut - der Umweltskandal flog auf.

Billig wird das Ganze nicht: Daniel Müller rechnet mit einem "unteren einstelligen Millionenbetrag". Kostenträger: Der Steuerzahler. 

xe

Quelle: BGland24.de

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