Bergwachten: 17 Tote und 890 Einsätze!

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Berchtesgadener Land/Chiemgau - Im Jahr 2014 kommen die Bergwachten in den Chiemgauer und Berchtesgadener Alpen auf 890 Einsätze! An den bekanntesten erinnert sich wohl jeder:

Sie führt Tag und Nacht bei jedem Wetter den Rettungsdienst im alpinen und unwegsamen Gelände durch: Die Bergwacht Bayern ist eine ehrenamtliche Gemeinschaft im Bayerischen Roten Kreuz (BRK) und als einzige Organisation für den Bergrettungsdienst im Freistaat zuständig. Zu den 15 Bereitschaften in der Region Chiemgau (Landkreise Berchtesgadener Land, Traunstein und Altötting) gehören aktuell rund 500 aktive Einsatzkräfte, die im vergangenen Jahr zu 890 Einsätzen ausrücken mussten, 197 (rund 18 Prozent) weniger als 2013. „Dennoch hatten wir mindestens genauso viel Arbeit, denn die absolute Zahl spiegelt nicht den tatsächlichen Aufwand wieder“, erklärt Regionalgeschäftsführer Ludwig Lang.

Kommt wegen Nebel oder Sturm kein Hubschrauber durch oder ist die Einsatzstelle nicht per Geländefahrzeug erreichbar, so vervielfacht sich der Zeit-, Personal- und Materialaufwand schnell um ein Vielfaches. „Was sonst fliegerisch nur ein bis zwei Stunden dauert, wird bei schlechtem Wetter rasch zu einer sehr komplexen und langwierigen Rettungsaktion – wie in alten Zeiten, als die Bergretter generell zu Fuß auf- und absteigen mussten“, erläutert Lang. Die Zahl der Einsätze hängt vor allem vom Wetter während der Haupturlaubszeiten und davon ab, ob es einen schneereichen Winter gab, da dann allgemein mehr Leute unterwegs sind und die Bergwacht in den Skigebieten viel mehr Arbeit hat.

2014 war vor allem geprägt von den beiden großen Höhlenrettungsaktionen im Riesending am Untersberg und in der Jack-Daniels-Höhle im Tennengebirge. Darüber hinaus gab es mehrere sehr schwierige Rettungseinsätze, unter anderem einen Zusammenstoß von zwei Drachenfliegern bei Ruhpolding, aufwendige Sucheinsätze, Rettungen von verletzten, abgestürzten und intern erkrankten Bergsteigern, Mountainbike-Unfälle, Rettungen von Unverletzten aus Bergnot, Totenbergungen, schwierige Rettungsflüge bei Starkregen und schlechter Sicht, beispielsweise in der Watzmann-Ostwand und Lawinenunfälle.

17 Bergtote

Im vergangenen Jahr gab es 17 Bergtote in den Berchtesgadener und Chiemgauer Alpen; 2013 waren es 19. „Das sind regionale Schwankungen, die einfach davon abhängen, wie viele Leute unterwegs sind. Bayernweit blieb die Zahl aber mit rund 80 bis 100 Toten jährlich während der letzten Jahre ziemlich konstant“, erklärt Lang. Die 890 (2013: 1.087) Einsätze der Bergwachten in der Region Chiemgau für verletzte, erkrankte oder in Bergnot geratene Menschen verteilen sich auf 703 (2013: 820) Notfalleinsätze (Verletzte oder Erkrankte), 93 (2013: 141) so genannte Sondereinsätze (Bergnot), 3 (2013: 5) Krankentransporte und 91 (2013: 121) Fehleinsätze (beispielsweise Abklärung von Lichtquellen). Im Einzelnen sind das 268 beim Skifahren (Schwerpunkt Winklmoosalm, 2013: 385), 187 beim Wandern (2013: 218), 163 beim Bergsteigen (2013: 121), 83 beim Snowboardfahren (2013: 90), 46 sonstige Einsätze (zum Beispiel Arbeitsunfälle; 2011: 101), 44 beim Klettern (2013: 57), 33 Sucheinsätze (2013: 28), 23 beim Bergradeln (2013: 30), 14 beim Langlaufen (2013: 20), 13 beim Gleitschirmfliegen (2013: 18), 9 bei Skitouren (2013: 20), vier beim Drachenfliegen (2013: 1), 3 Lawineneinsätze (2013: 5), zwei beim Berglaufen (2013: 3), einer beim Rodeln (2013: 11) und einer beim Canyoning (keiner 2013). Darüber hinaus war die Bergwacht an 13 Einsatztagen zur Rettung von Höhlenforschern gefordert (2013: 4 Einsatztage). Beim Skispringen (2013: 4), beim Schneeschuhwandern (2013: vier) und beim Eisklettern (keiner 2013) ist 2014 nichts passiert. Es gab auch keine Katastrophen-Einsätze (z. B. Hochwasser, Waldbrand; 2013: 4).

Ob viel los ist, hängt von Wetter und Tourismus ab

„Die Anzahl der Einsätze ist vor allem vom Wetter in Kombination mit dem Tourismus abhängig. Ist zur Ferienzeit gutes Bergwetter, dann sind auch mehr Leute unterwegs – und wo mehr los ist, passiert in der Regel auch mehr. Bei guten Schneeverhältnissen sind mehr Wintersportler am Berg und wir haben automatisch mehr zu tun“, erklärt Thomas Küblbeck, Regionaleiter der Bergwacht Chiemgau. 2014 war es zur Haupturlaubszeit im Juli und August wochenlang sehr regnerisch und eher kühl, und der Winter war relativ schneearm, weshalb die Bergwacht auch weniger Einsätze hatte. „Die Anzahl der Einsätze verkörpert aber nur teilweise unseren tatsächlichen Aufwand. Wir müssen immer mehr üben, da die Einsätze zusehends schwieriger und komplexer werden, was auch am veränderten Freizeitverhalten liegt. Früher war vor allem im Winter bei schlechten Verhältnissen kaum jemand am Berg unterwegs, heute sind wir das ganze Jahr über, auch oft in der Nacht gefordert“, sagt Küblbeck.

Parallel Sommer- und Wintereinsätze

2014 war geprägt von einem relativ schneearmen Winter, was sich auch bei den Einsätzen widerspiegelte: Viele südseitige Steige waren die meiste Zeit weitgehend schneefrei, weshalb die Bergwacht bereits von Januar bis April zu ungewöhnlich vielen Wander-Unfällen ausrücken musste, beispielsweise auf der Hochstaufen Südseite oder am Zwiesel. Erst ab Ende Januar ereigneten sich nach einem kurzen Wintereinbruch einige zum Teil auch schwerere Wintersportunfälle. Am 18. April und am 18. Mai waren Lawineneinsätze am Kehlstein und am Jenner. Am 15. Mai ereignete sich ein Canyon-Unfall im Kesselbach am Predigtstuhl, am 8. Juni und am 16. August passierten die beiden Unfälle im Riesending am Untersberg und in der Jack-Daniels-Höhle im Tennengebirge.

Über das ganze Jahr hinweg fanden auch mehrere zum Teil sehr aufwendige Suchaktionen statt, wie am 23. Mai im Bereich des Unzentaler Riedels im weitläufigen Gebiet zwischen Sonntagshorn, Ochsenhorn, Ristfeuchthorn und Inzeller Kienberg oder am 23. April im Königssee-Gebiet, wo 2014 auffällig oft chinesische Touristen Hilfe brauchten. Ein auf der Südseite der Reiter Alpe vermisster Bergsteiger konnte am 1. August nach tagelanger Suche nur noch tot aufgefunden werden; er war im Bereich des Antonigrabens beim Abstieg vom Edelweißlahner abgestürzt. Weitere tödliche Abstürze ereigneten sich beispielsweise am 22. Juni im Pidinger Klettersteig am Hochstaufen, am 1. Juli am Windschartenkopf und am 11. Oktober am verfallenen Käferleitensteig im Bereich der Kienbergalm auf der Südseite des Untersbergs. Am 3. August wurde ein Bergsteiger am Watzmann-Hochstieg auf der Flucht vor einem Steinbock, den sein Hund aufgeschreckt hatte, verletzt. Neben auffällig vielen Notfällen im stark frequentierten Grünstein-Klettersteig war die Bergwacht auch mehrmals bei teilweise schweren Unfällen in Kletterrouten gefordert, wie am 4. Oktober in der Göll-Westwand, am 30. September am Untersberg-Schimkepfeiler oder am 6. Juli auf der Nordseite der Reiter Alpe („Harry Potter“). Auch im Pidinger Klettersteig am Hochstaufen (z. B. 24. September) oder im Hochthron-Steig am Untersberg (z. B. 7. Juli, Bergnot bei Gewitter) mussten einige Bergsteiger gerettet werden. Am 27. Mai fand eine spektakuläre Rettungsaktion in der Watzmann-Ostwand statt, wo Bergsteiger bei sintflutartigen Regenfällen und Sturzbächen in Bergnot geraten waren; der Pilot von „Christoph 14“ schaffte es trotz Wind und zeitweise schlechter Sicht die Berchtesgadener Bergretter im Gelände abzusetzen und die drei Rumänen dann mit den Rettern sicher auszufliegen.

Nochmal sehr viel Arbeit gab es nach dem verregneten Sommer im September, wo bei anhaltend milden Temperaturen und viel Sonnenschein sehr viele Menschen in den Bergen unterwegs waren. So mussten beispielsweise allein die Bergwachten im Berchtesgadener Land am 27. September zu insgesamt neun Einsätzen ausrücken.

Steigende Ansprüche an die Bergwacht

Küblbeck: „Viele Bergsteiger erwarten heute, dass trotz schwierigem Gelände und schlechtem Wetter Hilfe genauso schnell ankommt wie im Tal. Diesem Anspruch können wir aber trotz moderner Technik und bester Ausbildung nur bedingt gerecht werden.“ Nach der vollzogenen Strukturreform mit vier Einsatzleitbereichen und einem Netz aus ehrenamtlichen Einsatzleitern, die über insgesamt vier eigene Einsatzleitfahrzeuge verfügen, arbeitet die Bergwacht in der Region Chiemgau trotz ihres ehrenamtlichen Charakters stetig professioneller. Spezialisierte Gruppen stehen zusätzlich zur Rettung aus wasserführenden Schluchten bereit (Canyon-Rettung), kümmern sich um die psychische Betreuung von Betroffenen nach schweren Bergunfällen (Kriseninterventionsdienst (KID)) oder bilden Suchhunde für Lawineneinsätze (Lawinen- und Suchhundestaffel) aus. Die Bergwacht Freilassing ist zusätzlich Bergrettungswache für Höhlenrettung und deckt den südostbayerischen Raum bis Rosenheim und das Salzburger Grenzgebiet in enger Zusammenarbeit mit der Salzburger Höhlenrettung ab.

Notärztliche Versorgung in jedem Gelände

Ziel der Bergwacht Bayern war es während der vergangenen Jahre auch, in jedem Gelände eine notärztliche Versorgung sicherstellen zu können, auch wenn kein Hubschrauber fliegen kann. Dafür wurde eine kompakte Ausbildungsreihe konzipiert, die die reguläre Notarztausbildung mit der Bergwachtausbildung ergänzt; mittlerweile ist die Region Chiemgau gut mit Bergwacht-Notärzten und Sanitätern versorgt. Der Bergwacht-Notarzt ist zu allen Jahreszeiten geländegängig und mit den Bergrettungstechniken sowie den speziellen medizinischen Notfallszenarien der Bergrettung vertraut. Er ist auch unter schwierigsten Bedingungen für die medizinische Versorgung des Notfallpatienten verantwortlich. Bereits ausgebildete Notärzte durchlaufen bei der Bergwacht Bayern eine umfassende Basisausbildung im Bergsteigen und eine Grundausbildung Bergrettung. Im Anschluss nehmen sie an schweren Bergrettungseinsätzen teil.

153.000 Euro von der Bürgerstiftung

Der Bergrettungsdienst in Bayern finanziert sich zu etwa je einem Drittel aus Einsatzentgelten, staatlichen Mitteln und Spenden. Wer viel leistet, braucht gute Ausrüstung und Material: 2014 bekam die Bergwacht-Region Chiemgau von der Berchtesgadener Landesstiftung 153.000 Euro zur Ersatzbeschaffung von Material nach dem Riesending Einsatz. Der Einsatz war das Umfangreichste, was die heimischen Bergretter bislang erlebt haben. „So etwas hatten wir hier noch nie“, sagt Küblbeck. Zirka 800 Helfer aus den verschiedensten Bereichen, darunter rund 250 Kräfte der Bergwacht mit den ausgebildeten Höhlenrettern, federführend unter der Freilassinger Bereitschaft, befanden sich im Juni 2014 knapp zwölf Tage im Dauereinsatz. Die sechs Bergwacht-Bereitschaften aus dem Berchtesgadener Land waren mit 180 Aktiven gefordert wie nie zuvor. Ein Großteil der Ausrüstung blieb in der Höhle, und damit auch viel Geld.

Pressemitteilung BRK Berchtesgadener Land

Quelle: BGland24.de

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