Fußfessel: "Big Brother is watching you"

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Die ständige Überwachung empfindet Manz als Belastung - genau das, meint er, wird Straftäter in Zukunft von Verbrechen abhalten.

Aschau - Günther Manz ist kein Verbrecher, sondern einer von zehn Freiwilligen in Bayern, die sich bereit erklärt haben, die elektronische Fußfessel zu testen.

Vier Tage lang hat sich Günther Manz aus Aschau gefühlt wie eine Figur aus dem Überwachungsroman "1984" von George Orwell.

Ab 1. Januar 2012 soll die Fußfessel Anwendung als Alternative zu der stark in die Kritik geratenen Sicherungsverwahrung finden. Das bayerische Justizministerium gedenkt auf diese Weise die Überwachung von Sexual- und Gewaltstraftätern zu gewährleisten und dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung Rechnung zu tragen. "Eine Bekannte, die als Bewährungshelferin arbeitet, hat in der Praxis die Erfahrung gemacht, dass solche Straftäter, die nicht vollständig austherapiert sind, häufig wieder rückfällig werden. Für solche Leute 'Man-Power' aufzuwenden, ist aber finanziell nicht tragbar und ganz allgemein unzumutbar", meint Manz. Seine Bekannte war es auch, die ihn als Proband für das Testprojekt gewonnen hat.

Günther Manz trägt ein so genanntes "One-Track-Gerät". Das bedeutet, er braucht kein Zusatzgerät, um sich außerhalb des Hauses zu bewegen. Innerhalb seiner eigenen vier Wände hat Manz einen Radius von 30 Metern, innerhalb dessen er sich frei bewegen kann, ohne dass beim Toilettengang oder beim Duschen jeder einzelne Schritt registriert wird.

Als unangenehm empfindet Manz das tägliche Aufladen des Akkus, das in etwa zwei Stunden in Anspruch nimmt. Da während des gesamten Aufladeprozesses die Fußfessel an der Steckdose angeschlossen sein muss, kann sich er sich dann so gut wie überhaupt nicht bewegen.

Die vergangenen vier Tage dienten dem Justizministerium als erster Testlauf, im November wird es noch eine zweite Testphase geben. Bisher wurde unter anderem geprüft, wie schnell reagiert werden kann, wenn ein Proband sich einer "Verbotszone" nähert. Bei einem Sexualstraftäter wäre das zum Beispiel ein Kindergarten. Im Testlauf sind diese Zonen willkürlich festgelegt.

Sämtliche "Verstöße" gegen die Aufenthaltsbestimmungen sind den Probanden durch ein Drehbuch vorgegeben - und werden sehr schnell erkannt: "Bisher hat mich die Fußfessel überzeugt. Auf alle Verstöße wurde nur mit Verzögerung von ein bis zwei Minuten reagiert."

Die Reaktion sieht konkret so aus, dass das Gerät zunächst vibriert, wenn sich Manz in einer Verbotszone aufhält. Verlässt er die Zone nicht, erhält er einen Anruf aus der zentralen Stelle in München, wo in der ersten Testphase die Fäden der Überwachung zusammenlaufen. Reagiert der Proband auch auf den Anruf nicht, muss die Polizei eingreifen.

In der elektronischen Fußfessel sieht Manz auf jeden Fall eine tragfähige Alternative zur Sicherungsverwahrung. Zwar habe auch das neue System seine Schwächen, aber "ich werde auf Schritt und Tritt verfolgt".

Immer wieder komme ihm "1984" in den Kopf, "Big Brother is watching you" (der große Bruder beobachtet dich; Anm. d. Red.). Das belastet Manz, doch eben dies hält er für effektiv: "Ich denke schon, dass das Bewusstsein der ständigen Beobachtung Straftäter von Verbrechen abhalten wird."

Immerhin stört das Gerät im Alltag nicht: "Nach einer gewissen Eingewöhnungszeit von ungefähr zwei Stunden ist es so, wie Socken zu tragen." Und dabei sei das Gerät durchaus diskret. "Den Leuten fällt das nicht auf. Die meisten, die das Gerät sehen, meinen, es könnte vielleicht ein Pulsmesser sein", erklärt Manz.

Heute endet die erste Testphase. Für Günther Manz bedeutet dies, dass seine Fußfessel abgenommen wird und er wieder seine Freiheit genießen kann - bis er sich im November ein weiteres Mal frewillig der behördlichen Überwachung aussetzt.

mlo/Mühldorfer Anzeiger

Quelle: innsalzach24.de

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