Interview zum Zwischenzeugnis

Lehrerverbands-Chefin: „Noten können Kinder kaputtmachen“

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„Aperture“ – auf Deutsch „Öffnung“ – heißt die knallrote Skulptur im Büro von BLLV-Chefin Simone Fleischmann. Stimmig: Sie fordert genau das im Schulsystem.

Rund eine Million Zwischenzeugnisse werden heute an bayerische Schüler verteilt. Lehrerverbands-Präsidentin Simone Fleischmann findet das unsinnig. Bayerns mächtigste Pädagogin würde am liebsten das ganze Schulsystem reformieren.

-Frau Fleischmann, wenn es nach Ihnen ginge, gäbe es das Zwischenzeugnis an diesem Freitag dann zum letzten Mal?

So schnell geht das nicht. Aber in über 60 Prozent aller bayerischen Grundschulen ersetzt in den Klassen eins bis drei ein Lernentwicklungsgespräch das Zwischenzeugnis. Damit haben die Lehrer gute Erfahrungen gemacht. Im Gegensatz zum Jahreszeugnis ist ein Zwischenzeugnis kein juristisches Dokument. Es würde auch ohne gehen.

-Zum Lernentwicklungsgespräch kommen Eltern und Schüler mit dem Lehrer zusammen und stecken sich Lernziele. Sie finden, das bringt etwas?

Wir schicken die Kinder mit den Zeugnissen heim und lassen sie und die Eltern damit alleine. Bei einem Gespräch kann das Kind nachfragen. Der Lehrer kann Hinweise zur Stärkung der Stärken und zum Abbau der Schwächen geben.

-Sie würden Lernentwicklungsgespräche gerne auch in anderen Klassenstufen und Schulformen sehen. Die Lehrer an den weiterführenden Schulen sind nicht begeistert.

Wir müssten das System ändern. Natürlich kann ein Fachlehrer am Gymnasium, der über 300 Schüler unterrichtet, nicht mit allen individuelle Gespräche führen. Aber die ganze Art, wie Leistung im bayerischen Schulsystem rückgemeldet wird, ist ungut.

„Wir brauchen eine leistungsorientierte Gesellschaft“

-Würden Sie Noten am liebsten ganz abschaffen?

Viele unterstellen uns, wir wollen eine Kuschel-Schule, wo Schüler nur Spaß haben und nichts leisten müssen. Das ist nicht das Ziel des BLLV. Schüler wollen Leistung bringen. Wir brauchen eine leistungsorientierte Gesellschaft. Und Lernentwicklungsgespräche sind eine sehr professionelle Form, diese Leistung rückzumelden. Außerdem gibt es weiter Proben, Schulaufgaben, Referate und viele moderne Formen der Leistungsfeststellung.

-...und darauf soll es auch weiter Noten geben?

Na selbstverständlich! Feedback muss sein. Aber wir wollen dem Kind auch erklären, warum die Noten so sind wie sie sind.

-Benotete Zeugnisse braucht es doch auch, damit Leistung vergleichbar ist. Oder wie soll sonst zum Beispiel der Übertritt aufs Gymnasium ablaufen?

Wenn wir weiter das aktuelle System des Übertritts haben, in dem in der vierten Klasse drei Noten – in Deutsch, Mathe und Heimat- und Sachunterricht – über drei Schularten entscheiden, bei Zehnjährigen, dann müssen wir selektieren. Aber nehmen wir mal an, wir hätten zehn gemeinsame Schuljahre mit leistungsgerechten Kursen in den verschiedenen Fächern...

„Der Druck wird riesengroß“

-... Sie fordern eine Gesamtschule?

Nein! Der Begriff Gesamtschule ist völlig verbrannt, darin steckt die falsche Aussage. Es hilft nichts, wenn alle in die gleiche Schule gehen und sich trotzdem nichts ändert. Das, was Kindern Angst macht, müssen wir loswerden. Wenn Eltern den Übertritt unbedingt wollen, aber das Kind eben nicht immer Zweier schreibt, wird manchmal das Pony verkauft, die Yoga-Gruppe gestrichen, der Druck wird riesengroß. Ich habe erlebt, dass Noten und Zeugnisse Kinder kaputtmachen. Und das waren keine „besonderen“ Kinder, sondern Kinder, die an dieser Angst machenden Situation gescheitert sind. Das können wir uns nicht leisten. Deswegen sollen Kinder länger gemeinsam lernen dürfen. Und dann entscheiden, wie es weitergeht – reifer, nicht so wacklig im Alter von zehn Jahren.

-Schlechte Noten können auch zu besseren Leistungen motivieren, oder?

Schüler brauchen die Leistungsrückmeldung vom Lehrer, damit sie wissen, wo sie stehen. Aber: nicht einfach so die Fünf. Besser ein Gespräch.

-Da drängt sich wieder die Frage nach der Vergleichbarkeit auf...

Wir haben aktuell null Objektivität bei der Notenvergabe in Bayern – auch wenn das viele meinen. Ein Notenschnitt von 2,33 am Hasenbergl kommt ganz anders zustande als in der Vorstadt, wegen der sozialen Bezugsnorm. Lehrer müssen bei den Tests die Gaußsche Normalverteilung zustandebringen – also wenige sehr gute, wenige sehr schlechte Noten und die meisten in der Mitte. Was soll das denn? Wir müssen aufräumen mit dem Glauben, dass eine Note eine objektive Leistungsmessung ist. Mediziner brauchen einen Notenschnitt von 1,0 um einen Job zu bekommen. Glauben Sie ernsthaft, dass das allein die besten Ärzte ausmacht? Noten brauchen wir nur so lange, wie wir ein Schulsystem haben, das selektiv ist. Nicht, wenn wir es wirklich individualisieren.

„Wir leben in einem angstbesetzten System“

-Ganz andere Baustelle: Könnten Sie sich vorstellen, dass sich Lehrer auch von ihren Schülern bewerten lassen? Dazu gibt es immer wieder Initiativen.

Die Angst bei vielen ist, dass bei den ganzen Beurteilungen durch Schüler und Eltern die Anerkennung der Profession verloren geht. Wir sind aber voll einverstanden, wenn das Feedback vertraulich, freiwillig und konstruktiv zwischen Lehrern und Schülern stattfindet. So wird es auch schon oft gemacht. Dahinter steckt genau das Thema: Kinder haben Angst vor Noten, Lehrer brauchen nicht noch mehr Beurteilung. Wir leben in einem angstbesetzen System.

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