Digitalfunk: "Alles eine Frage der Versorgung"

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Wolfgang Poschen (l.) demonstrierte mit Sebastian Ruhsamer das digitale Funken.

Söllhuben - Rosenheims Kreisbrandrat Sebastian Ruhsamer hat in den Saal des Gasthofs Hirzinger in Söllhuben eingeladen. Thema: der umstrittene Digitalfunk.

Diesmal ging es aber nicht um den Sinn oder Unsinn der Einführung oder die mögliche Gefahr strahlender Funkmasten, sondern um den Gebrauch des Tetrafunks in der Praxis. Deshalb hatte Ruhsamer auch ausschließlich Einsatzkräfte der verschiedenen Rosenheimer Blaulichtorganisationen geladen: BRK, Feuerwehr, Johanniter, Malteser, Polizei und THW.

Wolfgang Poschen von der Berufsfeuerwehr Essen berichtete über seine Erfahrungen als Fachleiter für analoge und digitale Funksysteme. Er arbeitet seit 2007 mit Tetra und kann sich nicht vorstellen, heute noch analog zu funken. Er stellte aber gleich zu Beginn seines Vortrages klar: "Das hier ist keine Verkaufsveranstaltung. Ich werde Ihnen lediglich als Kollege über meine Erfahrungen berichten und nichts beschönigen."

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Deshalb musste Poschen auch zugeben, dass man sich in Essen im ersten Jahr blaue Flecken und Beulen geholt habe, aber jetzt funktioniere Tetra so, wie es die Einsatzkräfte bräuchten. "Es ist alles eine Frage der Versorgung", brachte der Feuerwehrmann das Problem auf den Punkt. Um mit einem Handgerät am Gürtel in einem Gebäude funken zu können, brauche man die Versorgungskategorie 4. "In Nordrhein-Westfalen haben wir bestenfalls Versorgungskategorie 2, denn viel Netz kostet viel Geld." Versorgungskategorie 2 bedeutet, dass man draußen mit dem Handgerät am Gürtel gut funken kann. "Ich weiß, in Bayern träumt man von Versorgungskategorie 4, aber verlassen sie sich nicht drauf", bremste Poschen die Euphorie. Und an die beiden Worte 'kein Netz' könnten sich die Einsatzkräfte ebenfalls schon mal gewöhnen.

'Kein Netz' bedeutet nicht 'nicht erreichbar'

Kein Netz bedeute im Digitalfunk aber nicht gleich keine Funkverbindung, beschwichtigte der Feuerwehrmann. Mit einer so genannten Direct-Mode-Operation-(DMO)-Verbindung könne trotzdem zwischen zwei oder mehreren Funkgeräten kommuniziert werden. Ein sogenanntes Gateway verbinde außerdem beispielsweise ein Handgerät über eine DMO-Verbindung zum Fahrzeug und stelle von dort die Verbindung zur Leitstelle her. Noch dazu könnten sogenannte Repeater die Reichweite vergrößern und somit beispielsweise die Funkverbindung in ein Gebäude möglich machen. "Das bringt uns in 90 Prozent aller Gebäude weiter."

Im Grunde sei Tetra also mit einem Handynetz zu vergleichen, "nur dass auch eine Gruppenverbindung möglich ist", so Poschen. Im Vergleich zum analogen Funk verbessere sich außerdem die Kommunikation. "Analog gibt es eine Frequenz und einen Kanal auf dem alle funken. Digital gibt es auf einer Frequenz drei Zeitschlitze, die zur Kommunikation genutzt werden können, bei zwei Frequenzen sind es sieben, bei drei elf und bei vier 15." Das sei mit einem Pater noster zu vergleichen, "ein ständiges Rein und Raus, Hin und Her".

Alarmierung auf keinen Fall über Tetra

Ein ständiges Rein und Raus ist es derzeit im Alarmierungsfall. Da sowohl Funk als auch Alarmierung in Bayern analog laufen, kann während einer Alarmierung nicht gefunkt werden. Deshalb empfahl Poschen neben der Tatsache, sich jetzt schnell digitale Endgeräte für Schulungen und Ausbildungen zu beschaffen, auch die Umsetzung der Alarmierung auf digital. "Wir arbeiten mit dem System POCSAG. Es ist das ausgereifteste, stabilste, sicherste und schnellste System weltweit." Von einer Alarmierung über Tetra riet er ab: "Für eine Alarmierung über Tetra wäre Versorgungskategorie 7 nötig." Außerdem sei der Sprechfunk und die Alarmierung über ein und das selbe System fahrlässig. "Wenn die Basisstation ausfällt, muss wenigstens noch alarmiert werden können."

Die Basisstationen brachten ihn zum letzten Problem. Diese werden ja für ein gutes Versorgungsnetz benötigt. In Bayern und auch in der Region sorgen die möglichen Standorte aber für Diskussionen. Aus eigener Erfahrung konnte Poschen berichten: "Die Funkmasten strahlen nicht mehr als ein Handymasten. Wenn sie mit dem Handy in der Tasche joggen gehen, ist das x-mal gefährlicher, als wenn sie an einer Tetraantenne vorbeigehen." In den fast fünf Jahren, die in Nordrhein-Westfalen jetzt mit dem Digitalfunk gearbeitet werde, sei ihm kein Fall von einer Krebserkranung aufgrund der Tetrastrahlen bekannt. "Das ist reine Stimmungsmache, wir sind gegen alles was strahlt. Lassen sie sich nicht verrückt machen. Tetra-Antennen sind nicht schädlich."

cz

Quelle: rosenheim24.de

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