Zurückgeworfen aufs Minimum

+
Soudatou Wallet Abdarhammane im Gespräch mit dem Dolmetscher. Mit ihren Kindern floh sie in letzter Sekunde, als das Nachbarhaus schon geplündert wurde. Auf diesem Foto ist alles zu sehen, was sie gerettet hat.

Burkina Faso - Die Ereignisse in Mali bewegen die Weltpolitik. Doch unabhängige Beobachter gibt es dort kaum: Heinz Sünder aus Kolbermoor war für die UNESCO dort:

Die Ereignisse in Mali bewegen die Weltpolitik. Doch unabhängige Beobachter gibt es dort kaum: Journalisten können nicht allein ins Land reisen - zu gefährlich. Heinz Sünder aus Kolbermoor ist gerade aus dem Grenzgebiet zwischen Mali und Burkina Faso zurückgekommen. Der Journalist hat dort für die UNESCO Flüchtlingslager besucht.

Mohamed Ag Taibou (53) ist ein stolzer Mann. Der Tuareg hat vier Frauen und 14 Kinder. Das Jüngste ist vier Monate alt. Er stammt aus dem Dorf Dorgama in der Region Timbuktu. Dort hatte er 46 Kühe, dazu Ziegen und Esel. Damit war er ein wohlhabender Mann. Heute sitzt er mit den Resten seiner Familie im Lager Mentao, bei Djibo in Burkina Faso, 450 Kilometer von seiner Heimat entfernt. Seine ganze Habe: Ein paar Kochtöpfe, ein paar Matten, Decken, einige Kleidungsstücke. Den größten Teil seiner Ersparnisse hat die Flucht gefressen.

Zwei der Söhne sind zurückgeblieben, sie sollten verkaufen, was zu verkaufen war. Von ihnen hat er schon seit Tagen nichts gehört. Seine Tochter Aisha (15) wurde mit einem Al-Qaida-Kämpfer zwangsverheiratet. Sie ist in den Wirren verschwunden. Mohamed Ag Taibou: "Wir sind zwischen die Mühlsteine geraten. Erst die Islamisten mit ihrer Religionspolizei, dann die Bombardements, dann die Soldaten aus Mali, dann sind Milizen gekommen. Dorfbewohner, bewaffnet mit Schrotflinten, Macheten, Hacken. Die waren am schlimmsten. Wir mussten weg, es ging um unser Leben."

Als Saoudatou Walete Mohammed mit ihren Kindern ins Lager kam, war die Lebensmittelverteilung vorbei. Jetzt muss sie 16 Tage warten.

Einige Meter weiter wieder ein zusammengebasteltes Notzelt. Dort sitzt Soudatou Wallet Abdarhammane (50). Sie ist über Nacht geflohen, als die Franzosen die Gotteskrieger weggebombt hatten, und die Milizen nachrückten. Im Nachbaranwesen wüteten schon die Bewaffneten, sie hörte die Frauen schreien. Sie hat zusammengerafft, was sie in die Hände bekam, alles auf einen Eselkarren geworfen und ist mit ihren fünf Kindern in die Nacht geflohen. Nacht acht Tagen Fußmarsch hat sie ein Lastwagen mitgenommen. Seit dem 24. Januar sitzt sie im Flüchtlingslager. Und wartet. Worauf? Schulterzucken.

Flüchtlinge, Menschen, die in einen Konflikt geraten sind, mit dem sie überhaupt nichts zu tun hatten. Am Anfang stand die Rebellion von Tuareg-Milizen, die im Norden Malis einen eigenen Staat gründen wollten. Dann kamen die Islamisten. Frauen ohne Kopftuch wurden ausgepeitscht, Männer, die zu Hause Bilder von ihren Kindern hängen hatten, zusammengeschlagen, auf den Marktplätzen wurden Hände amputiert.

Jetzt schwingt das Pendel zurück: Französische Jagdbomber und Hubschrauber schossen auf alles, was sich auf den Straßen bewegte. Die Islamisten flohen, nahmen ihre Beute mit: Geld, Fernseher, Computer, den Schmuck der Frauen, die Frauen. Dann kamen die Franzosen, alles jubelte. Und dann kamen die Malier und mit ihnen neuer Terror. Jetzt fliehen die Tuaregs wieder zu Tausenden über die Grenzen nach Niger und nach Burkina Faso.

Vom Lager Mentao führt die Piste Richtung Djibo, an die Grenze. Die Armee dort lässt Flüchtlinge passieren. Ihr Interesse gilt nur bewaffneten Gruppen, die nach Burkina Faso überwechseln wollen. Schon nach wenigen Kilometern werden wir gestoppt: Ein Gendarm kontrolliert den Fahrer. Dann sieht er uns. Er deutet mit dem Daumen: "Aussteigen."

Hinter Dornbüschen verborgen ein Kontrollpunkt. Der Offizier ist jung. Er mustert uns, die Papiere, die Kamera: "Sie sollten sich hier nicht aufhalten. Sie sind viel Geld wert", sagt er. Er wurde in Frankreich ausgebildet, sein Französisch ist perfekt. "Wir haben alle Weißen aus der Region weggebracht. Auch die Leute von Ärzte ohne Grenzen. Wir haben genug mit den Flüchtlingen zu tun, wir wollen nicht auch noch Entführer jagen." Zum Abschied gibt er uns einen Rat: "Bleiben Sie immer in Bewegung und nie länger als vier bis fünf Stunden an einem Ort. Und übernachten Sie auf keinen Fall hier. Man weiß mit Sicherheit jetzt schon, dass Sie in der Gegend sind."

Einmal im Monat gibt es Reis und Bohnen

Im Flüchtlingslager Mentao werden die Flüchtlinge registriert, dann weist ihnen der Lagerchef - ein angesehener Tuareg - einen Platz zu. Dort können sie ein Lager aufschlagen: Äste in den Boden rammen, Matten ausrollen, Planen befestigen. Die UNHCR verteilt einmal im Monat die Rationen: zwölf Kilo Reis, Öl, drei Kilo Bohnen, etwas Tee. Für einen Monat.

Wer nach dem Verteilungstermin kommt, muss warten. Saoudatou Walete Mohammed (35) ist am 25. Januar angekommen. Mit ihren vier Kindern war sie aus der umkämpften Region Mapti geflohen. Ein Lastwagen hatte sie 220 Kilometer mitgenommen. Sie sitzt vor ihrem Zelt. Der nächste Verteilungstermin ist in 16 Tagen. Wie will sie bis dahin überleben? "Die Nachbarn helfen aus. Ich muss es ihnen aber später zurückgeben."

Die Sterblichkeit ist hoch. "Am schnellsten sterben die alten Frauen", sagt Sheik Mohammed Ag Mad Almoulout (57), Chef im Lager Camp Saagnioniogho: "Dann sterben die kleinen Kinder, vor allem die Babys." Der Sheik war Händler in Timbuktu: reich, gebildet, angesehen. Nun sitzt er im Staub unter einem Baum: "Schauen Sie sich um, wie wir leben. Wir sind doch keine Wilden. Wir sind Viehzüchter, Handwerker, Angestellte, Gelehrte, Händler. Wir hatten Häuser mit Wasser, mit Strom, mit einer Kanalisation. Ich habe zwei Söhne, die haben in Paris und in Lyon studiert. Und hier, was ist hier? Wir leben von Almosen, wir müssen betteln. Ich habe alles verloren." Sein Haus und seine Lager in Timbuktu wurden geplündert.

Im Medizinposten, einer Wellblechhütte, sind nur noch Sanitäter, die Ärzte wurden evakuiert. Einer der Sanitäter erzählt: "Wir erfahren selten, was ihnen fehlt. Sie haben ein sehr starkes Schamgefühl. Wir haben vergewaltigte Frauen hier. Das benennen die nicht. Es hat gedauert, bis wir begriffen haben, was es bedeutet, wenn gesagt wurde: Der Frau wurden die Unterhosen ausgezogen."

Was auch immer das Ziel der Islamisten war, eines haben sie erreicht: Sie haben Hass und Wut gesät. Jetzt verschwinden sie, wie Wüstenstaub im Wind. Die Angst ist groß, dass sie wiederkommen.

Der Name Tuareg bedeutet "Die von Gott verlassenen." Zurzeit stimmt das wohl tatsächlich. Die Hilfsorganisation "UNESCO-Stiftung Bildung für Kinder in Not" ist in den Flüchtlingslagern tätig. Helfer stellen vor Ort die Hilfslieferungen zusammen: Reis, Milchpulver, Zucker, Salz, Decken und Seife. Bei der Commerzbank Düsseldorf wurde dafür ein Spendenkonto eingerichtet: Nummer 348010008 (Bankleitzahl 30040000); Verwendungszweck "Flüchtlingshilfe Mali".

Heinz Sünder (OVB-Heimatzeitungen)

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Bayern

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser