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Deutschland 1945: Spektakuläre Lager-Bilder

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Inspektion? Besucht hier ein höherer Offizier das Lager?

Murnau – Es ist ein sensationeller Fund: In Frankreich hat man alte Fotos entdeckt vom Oflag VII-A, einem Kriegsgefangenenlager in Murnau. Sie zeigen den Lageralltag, die Insassen, ihre Befreiung 1945. Aber wer hat das fotografiert? Eine Spurensuche.

Es gibt Tage, da schaut er sie sich stundenlang an, die Schwarzweißfotos von den Kriegsgefangenen. Dann blickt Alain Rempfer, 64, auf die Männer in Uniform, die hinter dem Stacheldraht stehen. Ein paar von ihnen lachen, andere schauen ernst, sie sind gezeichnet von der Zeit im Lager. Schlank sehen sie aus, aber nicht abgemagert. Ihre Kleidung ist sauber. „Wenn ich die Fotos sehe, bin ich berührt von den Gesichtern“, sagt Rempfer. „Ich fühle mich den Männern nahe, ich will mehr über sie wissen.“

Experten: Fotograf Alain Rempfer (.) mit Sohn Olivier

Alain Rempfer ist Franzose, er lebt in Cagnes-sur-Mer, westlich von Nizza. Die Bilder hat sein Sohn Olivier im Nachbarort gefunden, 500 Stück, in einer Schachtel. Der Papa ist Fotograf, und als er sie durchsieht, merkt er gleich, dass die Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg stammen. Rempfer wird neugierig, nimmt sich Bild für Bild vor. Er ist gefesselt von den Szenen: Offiziere auf dem Appellplatz, Soldaten, die Theater spielen, eine Schießerei mit Toten. Rempfer sucht weiter, entdeckt auf einem Militärlaster mit Kreide geschriebene Buchstaben. „Murnau“, steht da. Kennt er nicht.

Archivarin Marion Hruschka.

Ein paar Jahre später und 788 Kilometer entfernt blickt Marion Hruschka, Marktarchivarin von Murnau, auf die Fotos. „Das sind unglaubliche Bilder“, sagt sie. „Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass solche Aufnahmen noch auftauchen.“ Sie zeigen das Lagerleben im Oflag VII-A, einem Offiziersgefangenenlager in Murnau. Hruschka, die Vorsitzende des örtlichen Historischen Vereins, wundert sich. Wie sind die Aufnahmen nach Südfrankreich gelangt? Und wer ist der Fotograf?

Bilder aus Murnau finden Sie hier

Die Geschichte der Murnauer Fotos beginnt im Krieg – und sie geht weiter im Winter 1999, im südfranzösischen Saint-Laurant-du-Var. Es ist kalt in der Nacht, und Olivier Rempfer, damals 19, ist auf dem Heimweg, als sein Blick auf eine Holzschachtel fällt. Sie steht an einer Mülltonne am Straßenrand. Neugierig öffnet er den Deckel. Er sieht Filme, zehn Rollen, eingewickelt in Papier. Rempfer denkt an seinen Vater, den Fotografen, und packt die Schachtel unter den Arm. Daheim zieht er die Filme auseinander, hält sie gegen das Licht. Er sieht Uniformen, Baracken, Wachtürme und ganz weit hinten die Berge. Ein Kriegsfilm, glaubt er. Er legt die Schachtel in eine Ecke und vergisst sie.

Zwei Jahre später findet sie Oliviers Vater Alain Rempfer. Er scannt sie in seinen Computer ein – 500 Schwarzweißbilder, 200 davon unbrauchbar. Noch weiß er nicht, dass er einen historischen Schatz in den Händen hält. Aber die Gesichter – sie lassen ihn nicht mehr los. Rempfer überlegt, ob er die Bilder einem Museum geben soll. Doch zu groß ist ihm das Risiko, dass sie dort im Schrank verschwinden. „Noch einmal sollen sie nicht in Vergessenheit geraten“, sagt er.

Jetzt beginnt Alain Rempfer, Geschichtsbücher zu wälzen. Findet heraus, dass in Murnau von 1939 bis 1945 rund 5000 polnische Kriegsgefangene festgehalten wurden, in einem Offizierslager, auf dem Areal der heutigen Werdenfelser Kaserne. Offiziere aller Dienstgrade, aber auch ein paar Fähnriche und 200 bis 300 Mannschaftsdienstgrade, die für die Arbeit im Lager eingesetzt wurden. Die meisten Offiziere gehören zur Elite ihres Landes. Unter ihnen: General Juliusz Rómmel, der Verteidiger von Warschau.

Doch Alain Rempfer will mehr wissen. Zusammen mit seinem Sohn Olivier richtet er eine Internetseite mit den Bildern ein. Er hofft, dass sich Leute melden, die die Männer kennen oder den Fotografen. Menschen, die ihm sagen können, wie das Leben im Offizierslager in Murnau war.

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Die verlorenen Bilder: Sensationelle Aufnahmen aus dem Murnauer Gefangenenlager

Marion Hruschka, die Archivarin, hat solche Leute getroffen: 1995, als sie im Rathaus eine Ausstellung über das Oflag VII-A eröffneten. Aus Polen kamen ehemalige Insassen, und auch von ihnen weiß sie, dass das Lagerleben keine reine Tortur war – schließlich hatten die Offiziere einen besonderen Status. Sie durften nicht zur Arbeit gezwungen werden, sie verfügten frei über ihre Freizeit. Und: „Die deutsche Lagerkommandantur hat die Männer im Großen und Ganzen korrekt behandelt“, erzählt Hruschka. Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes kontrollierten regelmäßig, ob die dritte Genfer Konvention eingehalten wurde. Sie regelt, wie Kriegsgefangene zu behandeln sind.

Den Offizieren in Murnau ging es relativ gut. Um der Monotonie des Alltags zu entfliehen, lenkten sie sich mit Theaterspielen ab. Das erkennt auch Alain Rempfer, als er über den Fotos sitzt. Er sieht Soldaten, die ein Puppenspiel aufführen, er sieht Männer, die verkleidet auf der Bühne stehen. Es ist, als würde er durch die Linse des unbekannten Fotografen blicken. Aus nächster Nähe hat der die Bilder gemacht. Rempfer glaubt fast, mitten im Stück zu stehen, neben Männern, die lachen und tanzen. Weil es keine weiblichen Gefangenen in Murnau gibt, tragen einige Schauspieler blonde Perücken und weiße Abendkleider mit Volants. Hochdekorierte Offiziere tanzen mit den Damen. Vor der Bühne spielt das Orchester. Im Publikum sitzen auch deutsche Offiziere des Lagers, manche sogar mit ihren Familien.

Lageralltag: Die Murnauer Gefangenen führten Theaterstücke und Operetten auf

Zum Spielen wird niemand gezwungen. Die polnische Theatergruppe macht das freiwillig. Sie führen Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ auf und „Die Vögel“ von Aristophanes, sogar das „Weihnachtsspiel“ von Leon Schiller, einem polnischen Juden. Sie wollen ihr Publikum beeindrucken, auch mit dem Bühnenbild und den Kostümen. In viereinhalb Jahren geben sie 47 Premieren und 525 Vorstellungen – vor mehr als 170 000 Zuschauern.

Doch es gibt auch dunkle Flecken. „In Einzelfällen kam es zu Schikanen und zu Erschießungen“, erzählt Marion Hruschka. Davon hören auch die Rempfers, teilweise aus erster Hand. Denn irgendwann melden sich auf ihrer Internetseite Nachfahren früherer Lagerinsassen. Erst ein paar, dann immer mehr. Sie berichten den Franzosen, was ihnen ihre Großväter, Väter und Onkel nach dem Krieg über das Murnauer Lager erzählt haben.

Unter ihnen ist der Amerikaner Jacek Wrzyszczynski. Drei Soldaten seiner Familie waren im Oflag VII-A interniert: sein Vater Stanislaw und dessen Brüder Marian und Bogdan, die Onkel von Jacek. Dann, am Nachmittag des 1. März 1945, kurz vor Kriegsende, geschieht das Unglück, das die Familie bis heute verfolgt.

Die Sirenen ertönen im Lager – Fliegeralarm. Die Gefangenen werden in die Baracken geschickt. Sie sollen dort bleiben, bis die amerikanischen Flugzeuge vorbeigezogen sind. Stanislaw, Marian und Bogdan sind in ihrem Zimmer. Sie unterhalten sich. Marian steht mit dem Rücken zum Fenster, als es klirrt. Im nächsten Moment fällt er zu Boden. „Ein deutscher Wachmann hat ihn durchs Fenster mit einem Kopfschuss getötet“, erzählt Jacek Wrzyszczynski. „Die Deutschen glaubten, er hätte den US-Piloten Signale gegeben.“

Dramatische Szenen begleiten auch die Befreiung des Lagers, am 29. April 1945. Alles hält der unbekannte Fotograf vom Fenster einer Baracke aus mit der Kamera fest – eine einzigartige Bilderserie. Als das amerikanische Vorkommando mit Panzern anrollt, eröffnen die SS-Männer vom Lager aus das Feuer. Bei der Schießerei sterben zwei SS-Leute und ein polnischer Soldat. Auf den Fotos sieht man die Toten auf der Straße vor dem Eingangstor, sie liegen auf dem Rücken. Auf anderen Bildern laufen Soldaten mit erhobenen Händen zurück ins Lager – unter amerikanischer Bewachung.

„Wir haben schon viel herausgefunden“, erzählt Alain Rempfer. Gerade sind sie noch auf eine Sensation gestoßen: Vor ein paar Tagen hat ihn jemand auf einen Film von damals hingewiesen, der zeigt, wie die US-Truppen das Gefangenenlager befreien. Einzigartige bewegte Bilder von 1945, gefilmt aus der Gegenperspektive. Der Film heißt „WW2: Murnau, Germany (April 29, 1945)“, steht auf der Video-Plattform Youtube, ist gut sechs Minuten lang, zeigt Panzer vor Alpenpanorama. Stück für Stück setzt sich das historische Puzzle zusammen.

Den Film bei youtube finden Sie hier

Doch eines weiß Alain Rempfer nicht: Wer ist der Fotograf, der die Murnauer Bilder gemacht hat? „Wir haben gehofft, dass sich jemand meldet und sagt: Mein Opa hat die Fotos geschossen“, erklärt er. Bisher kam kein Hinweis. Rempfers Sohn Olivier kehrte irgendwann zu dem Haus zurück, vor dessen Türe er einst die Schachtel fand. Doch Tage nach Oliviers Fund war das Haus abgerissen worden.

Später entdeckte Alain Rempfer auf einigen Bildern Soldaten, die fotografieren. „Es ist möglich, dass die polnischen Offiziere im Lager Fotos machen durften“, sagt Marion Hruschka. „Unklar ist allerdings, ob die Fotos von einem oder mehreren Fotografen gemacht wurden.“ Alain Rempfer weiß inzwischen, dass in Murnau auch 193 französische Soldaten inhaftiert waren, davon zwei Offiziere. „Vielleicht hat einer dieser Männer die Filme mitgenommen“, mutmaßt er.

Fest steht: Der Fotograf war auch in München. Auch von dort gibt es Bilder, aber nur elf Stück. Sie zeigen, wie die befreiten Soldaten durch die Baaderstraße fahren, die Isar entlang, vorbei an zerstörten Wohnhäusern im Gärtnerplatzviertel. Schuttberge liegen am Straßenrand. Der Wagen steuert auf die Reichenbachbrücke zu, vorbei an einer Straßenbahn der Linie zehn. Neben dem Schaffner steht eine junge Frau im Sommerkleid. Der Krieg ist vorbei.

Die Suche nach dem Murnauer Fotografen noch nicht. War es ein polnischer Offizier, der statt ins kommunistische Polen nach Frankreich ging? „Ich muss es einfach wissen“, sagt Alain Rempfer. Die Gesichter. Sie lassen ihn nicht los.

Robert Lory und Marie-Anne Hollenz

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