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Trickbetrüger werden immer dreister

„Die haben keine Hemmungen“: Das sind die Maschen der Betrüger - so kann man sich wappnen

Unermüdlicher Aufklärer: Kriminalhauptkommissar Simon Bräutigam
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Unermüdlicher Aufklärer: Kriminalhauptkommissar Simon Bräutigam berichtet Senioren von den neuesten Maschen der Trickbetrüger am Telefon - und gibt Tipps, wie man sich von den Gaunern nicht überrumpeln lässt.

Vom Telefon über WhatsApp bis an die Haustür: Die Maschen von organisierten Betrügerbanden werden immer dreister. Sie haben es vor allem auf das Ersparte von Senioren abgesehen. Ein Experte der Polizei gibt Tipps, wie man sich schützen kann.

Münsing – Kaffee und Kuchen sind schon verdrückt, als Simon Bräutigam das Münsinger Pfarrheim betritt. Etwa 30 Senioren sind an diesem sonnigen Herbsttag zum Ü60-Treffen gekommen. Trotz der schweren Kost, die Bräutigam nach dem Kuchen serviert. Der 55-Jährige ist kriminalpolizeilicher Fachberater. Und er hat sich zur Aufgabe gemacht, so viele Menschen wie möglich über die neuesten Maschen von Trickbetrügern aufzuklären. Denn die werden immer brutaler, dreister und skrupelloser.

„Wer heute noch auf einen Enkeltrick hereinfällt, der ist nun wirklich selber schuld.“ Sätze wie diese hört Bräutigam immer wieder. Darüber kann er nur den Kopf schütteln. Bräutigam hat eine Mappe mitgebracht. Darin: Unterlagen zu den Fällen aus seinem Zuständigkeitsbereich, den Kreisen Weilheim-Schongau, Garmisch-Partenkirchen und Bad Tölz-Wolfratshausen. Der Stapel ist dick. Und das sind nur die Fälle aus den vergangenen Wochen. Alle selbst schuld? So einfach ist es nicht.

Maschen führen immer noch regelmäßig zum Erfolg

Seit Jahresbeginn rollt eine regelrechte Welle von Betrugsversuchen durch Bayern. Das Polizeipräsidium Oberbayern Süd verzeichnete im ersten Quartal fast 500 solcher Betrugsversuche, 14 davon glückten. Damit waren die Betrüger allein im ersten Jahresviertel schon fast so oft erfolgreich wie im gesamten Vorjahr. „Dieser Trend hält leider an“, sagt Polizeisprecher Alexander Huber. Im September und Oktober seien die Fallzahlen wieder nach oben geschossen. Auch im Norden Oberbayerns seien Schockanrufe und Betrug via WhatsApp weiterhin ein „Dauerthema“, heißt es aus dem zuständigen Präsidium. Die Maschen führen immer noch regelmäßig zum Erfolg. Und solange das Geld fließt, scheint kein Ende in Sicht.

Im Münsinger Pfarrheim setzt Simon Bräutigam auf Konfrontation, um seine Zuhörer ein wenig aus der Kaffeekränzchen-Stimmung zu reißen. Er spielt eine Videoreportage ab, in der sich ein Betrüger mit seiner Abzocke brüstet. „Diese Menschen“, sagt Bräutigam, „sind uns in puncto Skrupellosigkeit überlegen. Die haben keine Hemmungen.“ 

Die Dunkelziffer der Betrugsfälle ist hoch

Das Problem: Die Dunkelziffer der Betrugsfälle ist hoch. Viele Opfer schämen sich dafür, auf die Betrüger hereingefallen zu sein. Auch deswegen geht Bräutigam Woche für Woche zu Seniorennachmittagen oder stellt seinen Infostand in Supermärkten auf. Seine Botschaft: Jeder kann auf die hinterhältigen Tricks der Betrüger hereinfallen. Und niemand muss sich dafür schämen. Aber man kann sich rüsten. Dafür aber muss man die Methoden der Betrüger kennen. Ein Überblick über die derzeit häufigsten Maschen:

Der falsche Polizist 

Das Telefon klingelt. Dran ist ein angeblicher Polizist, der behauptet, in der Gegend seien Einbrecher unterwegs. Man habe einen Zettel mit dem Namen des Angerufenen gefunden – dieser sei ein potenzielles Ziel. Ob Wertsachen im Haus seien? Falls ja, müsse man diese dringend an einen zivilen Kollegen übergeben. Ja, der sei schon in der Nachbarschaft. Es klingelt. Übergabe. Und weg sind Schmuck und Bargeld.

Der Bankmitarbeiter 

Ein angeblicher Mitarbeiter der Hausbank fragt, ob man soeben einen hohen Betrag ins Ausland überwiesen habe? Nein? Keine Sorge, das könne man zurückholen. Dafür müsse man nur schnell online eine Probeüberweisung durchführen. Ja, TAN bitte selbst eingeben. Hat nicht funktioniert, noch mal bitte! Jetzt bitte bis morgen 17 Uhr warten, dann ist alles zurück. Von wegen. Die Probeüberweisungen? Ein Gaunerstück. Das Geld? Weg. Und durch die eigene TAN-Eingabe und die Wartezeit bis zum Ende des nächsten Werktags kann der echte Bankmitarbeiter das Geld nicht mehr zurückholen.

Der Schockanruf

Ein angeblicher Polizist oder Staatsanwalt berichtet von einem Unfall, den das Kind des Angerufenen verursacht habe. Jetzt sei eine Kaution fällig, um das Familienmitglied nach Hause zu holen. Das Geld müsse an einen Boten übergeben werden. Die Anrufer werden von der Hiobsbotschaft überrumpelt. Sind sie einmal am Haken, lassen die Betrüger nicht mehr locker. Sogar Profis lässt das nicht kalt.

WhatsApp-Betrug 

Diese WhatsApp-Nachricht haben in den vergangenen Wochen viele bekommen: „Hallo Mama/Papa, mein Handy ist kaputtgegangen. Bitte schreib mir ab jetzt auf dieser Nummer…“ Wer reagiert, wird häufig recht schnell mit einem Vorwand um eine kurzfristige Überweisung gebeten. Keine Betrugsmasche schlägt derzeit so oft bei der Polizei in Oberbayern auf wie diese.

Der Anlageberater 

Hier liegt der Köder meist im Internet – und zwar in Form von Werbeanzeigen über lukrative Geldanlagen. Wer anbeißt, wird von einem angeblichen Broker angerufen, der einem eine App für das angebliche Depot aufschwatzt. Die vermeintlichen Kurse steigen schnell ins Astronomische – und der Broker versucht, dem Opfer immer weitere Investitionen schmackhaft zu machen. Man müsse den Aufschwung schließlich nutzen. Nur bei der Auszahlung wird er kurzsilbig. Das Geld sieht man nämlich nie wieder. 

Neben diesen Maschen sind weiterhin auch Enkeltrickbetrüger, falsche Microsoft-Mitarbeiter, angebliche Lotterien und Vorsorgeberater oder die überfreundliche Internetbekanntschaft am Telefon. Sie alle eint ein Ziel: Die Ersparnisse ihrer oftmals betagten Opfer. 

So kann man sich wappnen

Die Täter, die meist aus ausländischen Callcentern operieren, sind gut geschult und legen alles daran, ihre Opfer zu überrumpeln. Dagegen könne man sich aber mit einfachen Mitteln wappnen, sagt Simon Bräutigam seinen Zuhörern im Pfarrheim. Er empfiehlt, eine Karte oder einen Zettel neben dem Telefon zu platzieren. Versehen mit einer Telefonnummer, die man im Zweifel immer anrufen kann, um sich Rat und Hilfe zu holen. Der automatische Blick auf diesen Zettel bei jedem Anruf helfe außerdem dabei, wachsam zu bleiben. Bräutigam formuliert es so: „Sie schaffen sich einen persönlichen Schutzring.“ Bei verdächtigen Anrufen rät der Experte außerdem dringend, sich an die 110 zu wenden. „Bitte nicht ausprobieren, ob Sie ein bisschen klüger sind als die Betrüger. Es ist nicht klug, sich mit solchen Menschen anzulegen.“

Nach zwei intensiven Stunden im Münsinger Pfarrheim packt Bräutigam seine Unterlagen wieder ein. Ein wenig erschlagen wirkt der ein oder andere Zuhörer. Aber Bräutigam ist wichtig, dass seine Worte hängen bleiben. Hat er Zweifel daran, wird der Vortrag länger und bohrender. 

Betrugsversuche am Telefon haben schon viele der Senioren in der Runde erlebt. Eine Bäuerin berichtet von dem angeblichen Gewinn, den ihr eine Lotterie am Telefon versprochen habe. „Lasst’s mich mit Eurem Schmarrn in Ruh’“, habe sie entgegnet, sagt sie mit einem triumphierenden Lächeln. Ihre 83-jährige Sitznachbarin erinnert sich an einen angeblichen Versicherungsmakler, der nach ihren Kontodaten fragte. Als sie ihn an ihre Kinder verweisen wollte, habe er schnell wieder aufgelegt. Es sei schockierend, mit welchen Methoden da gearbeitet werde, sagt sie nach Bräutigams Vortrag. Aber jetzt sei sie gerüstet, wenn zu Hause mal wieder überraschend das Telefon klingelt.

 

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