"Die Romantik der Wiesn ist unsterblich"

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Das Herbstfest 1930. Im Mittelpunkt: die Opelbahn von Wilhelm Hirsch. Foto Hafner/WV, aus: Chronik Lockruf und Tradition

Rosenheim - 150 Jahre Rosenheimer Herbstfest - das ist eine sehr lange Zeit. Die Mode und die Geschmäcker haben sich verändert - der Reiz der Rosenheimer Wiesn ist geblieben.

Warum? "Die Romantik des Herbstfestes ist unsterblich", brachte es ein Bewunderer schon in den 50er Jahren zeitlos auf den Punkt.

Wenn sich morgen, Freitag, der Festzug zur Jubiläums-Wiesn in Bewegung setzt, dann marschieren und fahren die Blasmusiker, Festwirte und Bedienungen nicht der 150. Wiesn entgegen, wie viele meinen. Denn nach dem bescheidenen Start mit einem landwirtschaftlichen Bezirksfest im Jahr 1861 gab es viele Lücken. Erst 1950 wurde das Herbstfest zur festen Einrichtung.

Die Herbstfest-Fans freute es. 1955 schrieb einer: "Die Wiesn ist ein Gesundbad. Man geht mürrisch hinein und geht lustig hinaus." Warum? "Weil man dort erlebte und nicht erlebte Heldentaten erzählen kann, die Nachbarin drücken darf, wenn die eigene Frau gerade trinkt und dem feinen Herrn von gegenüber sagen kann, was man sonst das ganze Jahr über nicht sagen dürfte."

Windhunde beim Einzug 1934.

Die nicht erlebten Heldentaten gibt es übrigens gleich beim Start 1861 mit dem landwirtschaftlichen Bezirksfest, als Rosenheim noch ein Markt mit nicht einmal 5000 Einwohnern ist. Denn das Pferderennen - es erscheint nur ein Teilnehmer - wird ebenso abgeblasen wie das große Feuerwerk, das buchstäblich ins Wasser fällt. Ein Erfolg ist die Premiere trotzdem. Es verstreichen jedoch sieben Jahre, bis es 1868 zur Neuauflage kommt. Und das dritte Fest muss von 1873 um ein Jahr auf 1874 verschoben werden, weil in München die Cholera ausbricht.

12 000 Besucher - so lautet die Erfolgsbilanz 1888. Vor allem die Wurstbratereien in den beiden Festwirtszelten sind zufrieden: Die eine setzt 30 000 Regensburger Bratwürste ab, die andere 22 000. Eine Enttäuschung ist aber der Bierumsatz von "nur" 400 Hektolitern (40.000 Mass). Hintergrund: Auf der Festwiese kostet die Mass 30 Pfennig, in der Stadt nur 24.

1895 wurde die Wiesn dann elektrisch - und tierisch geht es auch zu: Die mit acht Elektromotoren betriebene Berg- und Talbahn ist eine Sensation - ebenso wie die echten Löwen und Panther in der Menagerie.

Nach einer längeren Pause drücken 1909 die groß aufgezogenen Pferderennen vor wahren Prachtkulissen - man hatte extra Tribünen errichtet - den Rosenheimer Festtagen mit Industrie- und Gewerbeschau ihren Stempel auf. Fünf Jahre später soll die 50-Jahr-Feier der Stadterhebung alles bisher Dagewesene übertreffen. Stattdessen zerstören ab 1914 Krieg, Revolution und Armut viele Leben - zum Feiern ist niemandem zumute.

Sitzt, passt, wackelt: Festzug-Kostümprobe

Erst 1925 wagen die Rosenheimer einen gelungenen Neuanfang mit vier Bierzelten, den unvermeidlichen Pferderennen und Faustkämpfen sowie Schauflügen des bekannten Kunstfliegers Udet. Drei Jahre später wird die 600-Jahr-Feier (1228 hatte Rosenheim von den niederbayerischen Herzögen die Marktfreiheit erhalten) mit viel Tamtam begangen - was allerdings viel Geld kostet. Das Defizit will die Stadt nicht mehr tragen - und so schlägt 1930 die Stunde des soeben erst gegründeten Wirtschaftlichen Verbandes (WV). Mit dem neuen Träger kommt auch ein neuer Name: Das Volksfest wird zum Herbstfest - der Beginn einer Erfolgsgeschichte, der nur durch den Zweiten Weltkrieg und die Folgen für zehn Jahre unterbrochen wird.

Dann, 1950, heißt es wieder: "Achtung, Fertigmachen, Festzug Marsch!" - wohl selten habe in den letzten Jahren eine Menge so willig ein Kommando ausgeführt wie diesen Befehl des Gewerberats Süßner, berichten die Chronisten.

Sekunden später schwenken 50 jubelnde Kellnerinnen die Steinkrüge - die Glaskrüge kommen erst viel später zum Einsatz. Wenn die Steinkrüge leer sind, werden sie umgelegt - so weiß die Bedienung Bescheid, dass Nachschub herbeigeschafft werden soll.

"Nach wenigen Stunden war in beiden Festzelten ein derartiges Geschunkel und Gedränge, dass sie vorübergehend geschlossen werden mussten", wird die erste Nachkriegs-Wiesn zum Renner. Dabei packt der WV auch heiße Eisen an - zum Beispiel mit der Überprüfung des Personaletats der Stadt, weil der WV vermutet, dass der Kunde oder Wiesn-Besucher mit zu teuren Preisen die Zeche für einen "überhöhten Verwaltungsapparat" zahlen muss.

Groß in Mode sind in den 50ern die Märchenumzüge der Buben und Mädchen. "300 Kinder unter einen Hut oder - in diesem Fall - in eine Reihe zu bringen, das scheint so schwierig zu sein wie eine Stubenfliege ohne Leine auf ein Zuckerstückerl zu dirigieren", beobachtet ein Chronist. Als ruhigster und gelassenster Zugteilnehmer wird Wolfshund Egon beschrieben, der an der Seite Rotkäppchens den Kinderzug anführte.

Aber nicht immer geht es märchenhaft zu. Wenn Regen einsetzt, wälzen sich die Leute durch den Schlamm, denn die Wiesn ist noch eine Wiesn, der Untergrund weder befestigt noch geteert - was für manche auch von Vorteil ist: Wenn die Damenschuhe im Morast stecken, dann greifen Anbandler und Kavaliere gerne zu. Prominentestes Schlamm-Opfer ist aber ein Mann - WV-Vorsitzender und Rechtsanwalt Adam. Er stürzt auf der Treppe zur Achterbahn, die der Schlick der aufgeweichten Wiese in eine gefährliche Rutschbahn verwandelt hat, und muss wegen einer schweren Hüftverletzung sogar ins Krankenhaus.

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Wenn es draußen schüttet, geht es in den Zelten, die längst noch nicht die Ausmaße des heutigen Flötzinger-Festzelts und der Auerbräu-Festhalle haben (die Inntalhalle wird erst 1968 gebaut), umso ausgelassener zu. "Kleine Buben schuhplattelten auf den runden Tischen, seriöse Herren schunkelten ganz unseriös und Damen lachten wie ein Backfisch", zeichnete unsere Zeitung ein illustres Stimmungsbild.

So haben die Kellnerinnen viel Mühe, die Schweinswürstl und schäumenden Masskrüge durch das Chaos zu balancieren. Eine besonders fleißige und beliebte Bedienung ist die Leni. Sie habe vom Masskrugtragen schon einen Muskelkater wie ein Studienrat, der in Heimarbeit sieben Ster Buchenholz zu Brennzwecken verarbeitet hat, heißt es.

Und die Brathendl? Die schwangen sich tatsächlich erst in den 1960ern zum Wiesn-Klassiker unter den Schmankerln auf. "Sein Duft steigt so verführerisch in die Nase", heißt es 1964, "dass manches Familienoberhaupt dem guten Vorsatz der Sparsamkeit untreu wird und mit der Ausrede ,Lass mas uns guat geh, wer woaß, wos naxt's Johr is' in den Geldbeutel greift und sich mit einem Brathendl bei der besseren Ehehälfte einschmeichelt."

Am Glückshafen schlägt indessen die Stunde der Glückspilze: Dorle Schardt und Hermann Wild gewinnen den Hauptpreis - "die vielbegehrte Vespa". Das zweite große Los zieht ein Dentist. Der Zahnarzt darf sich über ein zweisitziges Faltboot freuen.

Aber auch die Halodris, Raufbolde, Alkoholsünder und "Bierdimpfln" kommen zum Zug. Letztere investieren zum Leidwesen der Kramerin Elisabeth Mildsam jeden Pfennig in die Wiesn - und lassen kräftig anschreiben. Am letzten Herbstfest-Wochenende ist ihre Anschreibtafel so vollgeschrieben wie der Beichtzettel ihres siebenjährigen Sohnes Schorschi - "und der hod allerhand aufm Kerbholz", klagt sie. Eine der ersten Nachkriegsschlägereien auf der Wiesn zettelt kurioserweise ein Artist an, der selbst auf der Wiesn auftritt. Radl werden serienweise gestohlen und auch die Unfälle im Umfeld der Wiesn nehmen zu. Als skandalös empfunden wird das Verhalten des Hausmeisters einer Pension: Er nimmt Urlaubern 45 Mark für ein Zimmer ab, sperrt zu und vergnügt sich mit dem Geld auf der Wiesn. Als das Paar am späten Abend vom Herbstfest zurückkommt, steht es vor verschlossener Tür.

Von Katastrophen bleibt das Herbstfest verschont. Nur 1964 wäre es fast so weit gewesen. Schwere Gewitterstürme richten am ersten Wiesn-Wochenende Millionenschäden in Südbayern an, der Mühldorfer Volksfestplatz gleicht einem Trümmerhaufen, dort stürzt das Festbierzelt über hunderten von Besuchern ein - aber an Rosenheim zieht das Unwetter gerade noch vorbei.

Im Deutschen Herbst 1977 steht das Herbstfest im Schatten des RAF-Terrors und der Ermordung von Hanns Martin Schleyer - wegen der Alarmfahndung müssen die vielen Wiesnbesucher aus Österreich lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Trotzdem dringt die Wiesn mit über einer Million Besuchern (1976 waren es noch 850.000) in eine neue Dimension vor. 550 000 Liter Bier (1955 waren es 130.000) werden getrunken, am Glückshafen 1,1 Millionen Lose verkauft. Das halbe Hendl kostet 1977 4,90 Mark.

1990 - das erste Herbstfest nach der Wiedervereinigung - begrüßt man die ersten Gäste aus Ostdeutschland, die extra aus Dresden oder Leipzig nach Oberbayern kommen, um auf der Wiesn ein Stück bayerische Lebensqualität zu genießen. Die Mass kostet 6,70 Mark - 2001 sind es 9,80 Mark, 2004 5,90 Euro und 2011 7,40 Euro. Bei der Millenniums-Wiesn 2000 läutet der "Anton aus Tirol" die Ära der musikalischen Wiesn-Hits ein, 2002 wird Sabine Dörrer zur ersten "richtigen" Miss Herbstfest gekürt - ein Jahr zuvor war die Wiesn-Königin erst nach Ende des Spektakels gewählt worden.

Ludwig Simeth (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: Herbstfest Rosenheim

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