Drogenkonsum: diesmal keine Bewährung

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Am Spagat zwischen den Kulturen wäre ein 24-jähriger Deutsch-Türke fast zerbrochen. Er suchte seinen Halt zunächst in den Drogen.

Rosenheim - Ein 24-Jähriger muss sich vor dem Schöffengericht wegen Drogenkonsums verantworten. Doch vielleicht wird seine Freiheitsstrafe diemal nicht zur Bewährung ausgesetzt.

Wegen Drogenkonsums, Erwerbs und beabsichtigten Handelns mit Betäubungsmitteln hatte sich ein 24-Jähriger vor dem Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Heinrich Loeber zu verantworten – eigentlich ein fast normaler Fall, zumal der Angeklagte einschlägig vorbestraft ist und unter Bewährung stand.

Aber nicht das Strafmaß beschäftigte das Gericht, sondern die Frage, ob die Freiheitsstrafe für den Angeklagten, einen in Deutschland geborenen Türken mit deutscher Staatsbürgerschaft, nochmals zur Bewährung ausgesetzt werden könne.

Das Gericht behandelte diese Frage unter dem Eindruck, dass auf der Anklagebank ein Mensch saß, der fast am Spagat zwischen den Kulturen zerbrochen wäre. In einem erzkonservativen, religiösen Elternhaus aufgewachsen und streng muslimisch erzogen, habe stets das „Wort des Vaters“ gegolten, so der Angeklagte.

Die Eltern untersagten alle Kontakte zu gleichaltrigen "Nicht-Muslimen". "Ich habe nie frei handeln können, ich war nicht ich, und fühlte mich permanent unter Druck gesetzt, ohne anfangs zu verstehen, was die Ursachen dafür sind." Während einer Ausbildung zum Elektriker, die er mit guten Zeugnissen abschloss, wurde ihm von den Eltern der Umgang mit gleichaltrigen Deutschen als "nicht passend" eingeprägt.

Bei seinen Versuchen, sich aus der erzieherischen Zwangsjacke zu befreien, geriet der junge Mann genau an die Falschen. Er fand zwar Freunde aus beiden Kulturkreisen, doch stammten sie aus der "Kifferszene". Für ihn seien es Freunde gewesen, die ihn akzeptiert hätten und mit denen er "quatschen" konnte, wenn auch nicht über seine eigenen Probleme. Eine neue Erfahrung war, dass die Drogen ihn in einen "befreienden Zustand" versetzt und vom angestauten Druck befreit hätten. Zur Krise kam es, als die Eltern während eines Besuches in der Türkei versuchten, ihn dort zur Heirat mit einer Türkin zu zwingen. Dabei hatte er inzwischen eine deutsche Freundin, älter als er und mit einem unehelichen Kind - nicht tragbar für seine Eltern. Er habe nicht mit seinen Eltern brechen wollen, aber erkannt, dass Flucht in die Drogen keine Lösung sei, berichtete der Angeklagte. Ihm war bewusst, dass er fachkundige Hilfe brauchte, auch um sich vom kulturellen Dauerkonflikt zu befreien und vom Elternhaus abzunabeln. In seiner Not wandte er sich an die Suchtberatung der Diakonie und nahm an Orientierungskursen teil.

Seit rund neun Monaten unterzieht er sich nun einer Behandlung. Sowohl die Bewährungshelferin als auch der Sozialpädagoge und Psychotherapeut sowie der Arbeitgeber, bei dem der Mann derzeit therapeutisch arbeitet und Zeit hat, seine eigene Identität zu finden, räumen ihm beste Chancen ein, den Absprung in ein geordnetes Leben zu finden. Zudem hat er eine Zusage für die Meisterschule bekommen. Rechtsanwalt Peter Wittig nannte seinen Mandanten "keinen "Normalfall". Er plädierte dafür, den Fachleuten zu vertrauen und die Freiheitsstrafe nochmals zur Bewährung auszusetzen. Die Staatsanwältin beantragte trotz des Geständnisses und erfolgreicher Bemühungen des Angeklagten, mit seinem Suchtproblem fertig zu werden, eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten ohne Bewährung. Das Gericht schloss sich nach längerer Beratung dem Antrag des Anwalts an, setzte die Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten aber auf fünf Jahre zur Bewährung aus. Damit gab es dem jungen Mann die Chance, sein Leben in eigener Verantwortung neu zu ordnen und zu gestalten.

je/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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