Mit 13 entdeckt Anna das Leben

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Raus aus den dunklen Wolken auf die Sonnenseite des Lebens: In den Häusern des Albert-Schweitzer-Familienwerks machen viele Sorgenkinder große Sprünge.

Neubeuern - Es ist kaum zu glauben, aber genau so ist es gewesen: Als Anna mit 13 Jahren in ein Kinderdorfhaus des Albert-Schweitzer-Familienwerks gebracht wurde, waren ihre Kleider von Ratten zerfressen.

Dabei hatte das Mädchen noch Glück im Unglück: Immerhin hat es einen Platz bekommen - und blühte dann so richtig auf. Damit noch weiteren Buben und Mädchen geholfen werden kann, ist die Weihnachtsaktion "Ein Zuhause für Kinder in Not" der OVB-Heimatzeitungen dem Bau eines Kinderdorfhauses in Neubeuern gewidmet.

Das Konzept der Albert-Schweitzer-Kinderdorfhäuser hat schon vielen Kindern und Jugendlichen geholfen, die aus dem Chaos kamen. Bei Anna ging es sehr schnell. Als sie ihr Zimmer im Kinderhaus bezog, war sie eine Problemschülerin, kassierte einen Fünfer und Sechser nach dem anderen. Sie drohte durchzufallen.

Im Kinderhaus war es mit den schlechten Noten aber schnell vorbei. Plötzlich zeigte Anna, was sie kann - dank der Ruhe und Unterstützung schaffte sie das Schuljahr mit einem famosen Endspurt doch noch. Im nächsten Jahr wurde sie sogar Klassensprecherin, und ihre Formkurve zeigte weiter steil nach oben. Anna schloss die Hauptschule erfolgreich ab, holte die mittlere Reife nach und hatte kurze Zeit später sogar das Abitur in der Tasche.

Mit 13 war daran nicht im Traum zu denken. Mit Eltern, Großeltern und Geschwistern hatte Anna in einer viel zu kleinen Wohnung gelebt. Alle Erwachsenen im Chaos-Haushalt waren alkoholabhängig und arbeitslos, die Mutter Autistin. Keine Zuwendung, keine Ordnung, keine Regeln, kein Halt - das wirft auch die talentiertesten Mädchen, solche wie Anna, aus der Bahn.

In diesen Fällen muss dann das Jugendamt einschreiten, um die Kinder vor Gewalt, Verwahrlosung oder Vernachlässigung zu bewahren. Die familiären Strukturen der Albert-Schweitzer-Häuser sind ein ideales Umfeld für die schwer traumatisierten Kinder, um die Wunden der Vergangenheit zu heilen, das Abc des Alltags zu lernen, das Lachen wiederzufinden und eine Chance Leben zu haben.

Weil die Nachfrage so groß ist, die wenigen Häuser aber fast immer "ausgebucht" sind, packt das Albert-Schweitzer-Familienwerk in Neubeuern ein ehrgeiziges Projekt an. Dort soll im idyllischen Ortsteil Pinswang der Rosenhof, ein Bauernhaus von 1906, in ein Kinderdorfhaus umgebaut werden. Den Hof hat Dr. Ruth Kerb nach ihrem Tod dem Familienwerk vermacht, das in Pinswang bereits ein weiteres Kleinheim - das Kinderhaus Kerb - betreibt.

Schon 2014 sollen die ersten Kinder in den Rosenhof ziehen. Anna kommt dann höchstens zu Besuch - oder aus beruflichen Gründen. Das Mädchen mit den zerfressenen Kleidern hat seinen Weg gemacht, studiert Sozialpädagogik - um Kindern, wie sie eines war, zu helfen.

ls/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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