"Amt hat mich ernster gemacht"

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Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer: "Bei der Landesgartenschau habe ich jeden krummen Halm persönlich genommen."

Rosenheim - Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer ist seit knapp neun Jahren im Amt. Wird sie 2014 noch einmal antreten? Was haben die Olympischen Spiele mit der Westumgehung von Rosenheim zu tun?

In welcher Weise hat das Amt Gabriele Bauer verändert? Das Oberbayerische Volksblatt führte ein Gespräch mit der Oberbürgermeisterin über diese und viele weitere Themen.

Frage: Macht Ihnen der Job noch Spaß?

Gabriele Bauer: Aber ja, es ist die ständige Herausforderung, sich mit neuen Themen, auch Kritik, auseinandersetzen zu dürfen. Jeder neue Gedanke führt zu einer geistigen Auseindersetzung. Es ist ganz wichtig, sich die Offenheit für neue Aspekte zu bewahren. Neue Blicke auf die Stadt geben einem auch neue Inspiration. Das ist das Schönste überhaupt.

Frage: Sie sind jetzt 58 Jahre alt. Nächstes Jahr ist die erste Hälfte Ihrer zweiten Amtsperiode vorbei. Macht Ihnen diese Arbeit soviel Spaß, dass Sie schon jetzt sagen: "Jawohl, ich trete in drei Jahren wieder an?"

Gabriele Bauer: Also, das sind ja immer Sätze, die man nicht sagt, weil man nicht weiß, was sich ergeben wird. Ich denke, ganz wichtig ist eine gute Vorbereitung eines Übergangs. Tatsächlich habe ich mich so richtig noch nicht entschlossen. Wenn ich mich entschließe, dann möchte ich gerne, dass es gut vorbereitet ist. Ich würde niemals die Stadt im Regen stehenlassen.

Frage: Das heißt, für den Fall, dass Sie sagen, ich mache nicht weiter, würden Sie rechtzeitig dafür sorgen, dass eine Nachfolgerin, ein Nachfolger aufgebaut wird.

Gabriele Bauer: Aus meiner Fraktion natürlich, die anderen positionieren sich auch, und genauso werden wir uns vorbereiten.

Frage: Was hat Sie in diesem Jahr am meisten geärgert?

Gabriele Bauer: Am meisten ärgere ich mich, wenn es irgendjemand schafft, mich zu ärgern. Ich kann mittlerweile von mir sagen, dass ich so professionell geworden bin, dass ich immer versuche, das Rationale dem Emotionalen vorzuschalten. Und wenn mir das nicht gelingt, darüber ärgere ich mich.

Frage: Was hat Sie am meisten gefreut?

Gabriele Bauer: Dass wir es trotz wirtschaftlicher und finanzieller Schwierigkeiten geschafft haben, die Stadt in einer Phase, in der wir ganz stark strapaziert waren, durch Landesgartenschau, 150 Jahre Feuerwehr, 200 Jahre Saline, trotzdem konzentriert unsere Ziele zu verfolgen. Und dass es uns gelungen ist, mit der Wirtschaft zusammen in diesen schwierigen Zeiten in sicherem, ruhigem Fahrwasser zu bleiben. Es freut mich vor allen Dingen, dass nichts Gravierendes passiert ist in einer Zeit, in der über 1,1 Millonen Menschen unsere Stadt besucht haben, dass es keine Unglücksfälle gab, dass wir vom Hochwasser verschont geblieben sind.

Frage: Wie ist Ihr Verhältnis zum Stadtrat?

Gabriele Bauer: Ich denke, es ist gut. Natürlich gibt es Auseindandersetzungen und Differenzen. Man muss immer um einen Ausgleich ringen. Aber es war ein friedliches Jahr.

Frage: Haben Sie nicht manchmal den Eindruck, dass die anderen sich von Ihrer verbindlichen Art geradezu bedrängt fühlen?

Gabriele Bauer: Wenn das so ist, liegt es daran, dass ich stark harmoniebedürftig bin. Das weiß ich. Ich will damit kein Ziel erreichen, etwa jemanden dominieren. Es ist einfach mein Ziel, dass man im Gespräch miteinander bleibt.

Frage: Und das Verhältnis zur eigenen Fraktion?

Gabriele Bauer: Das ist gut. Hören Sie etwas anderes?

Frage: Nun, bei 20 Köpfen gibt es nicht immer eine einheitliche Meinung.

Gabriele Bauer: Ja, aber ich muss neutral sein. Gegenüber guten Argumenten bin ich immer aufgeschlossen.

Frage: Was macht Ihnen am meisten Kummer?

Gabriele Bauer: In manchen Bereichen leben wir doch auf einem verhältnismäßig hohen Niveau. Die Finanzen, auch die Mittel von Bund und Land, werden knapper. Da wird es schwieriger, die Zufriedenheit der Bürgerschaft zu gestalten. Der Punkt ist erreicht, wo wir wirklich auch das Verständnis des Bürgers brauchen, dass das Geld nicht mehr reicht für alle Dinge. Das ist nicht leicht zu vermitteln.

Frage: Ist es so, dass häufig bestimmte Gruppen oder Einzelne meinen, sparen müsse man bei den anderen, aber auf keinen Fall bei ihnen selbst?

Gabriele Bauer: Wenn man die Chance hat, argumentativ vorzudringen, kann man schon viel erreichen und stößt auf Verständnis für Kürzungen. Wenn man allerdings nur eine politische Vorgabe als Forderung in den Raum stellt, auch zur Profilierung, und Argumente nicht mehr hört, ist das Ganze problematisch. Aber das ist eine Situation, wie wir sie nicht nur in den Kommunen haben, sondern noch wesentlich verstärkter auf Länder- und Bundesebene.

Frage: Gibt es etwas, was Sie sich für dieses Jahr vorgenommen haben und nicht erledigen konnten?

Gabriele Bauer: Wir ringen um ein Stadtentwicklungskonzept, das wir dem Stadtrat vorstellen wollen, nicht als fertiges Konstrukt, sondern als Ideengebung, wie sich Rosenheim weiterentwickeln soll in den nächsten 20 bis 25 Jahren. Wir hatten uns neun Jahre lang auf die Landesgartenschau konzentriert. Jetzt brauchen wir in der Stadt ein neues Ziel. Auf diesem Weg müssen wir soviele Menschen wie möglich mitnehmen, damit daraus etwas positives Ganzes entsteht. Das ist ja die Erfahrung der Landesgartenschau. Die hat nur deshalb so gut sein können, weil soviele Menschen positiv mitgezogen haben.

Frage: Und mit diesem Konzept wollten Sie eigentlich schon weiter sein?

Gabriele Bauer: Ja, das Alltagsgeschäft hat uns in unsere Grenzen gewiesen. Daran konzentriert weiterzuarbeiten, ist eine dringende Aufgabe.

Frage: Wenn es um die Stadtentwicklung geht, ist die erste Frage der Rosenheimer, was auf dem Bahnhofsgelände vorangeht.

Gabriele Bauer: Im ersten Quartal des Jahres 2011 wird der Stadtrat voraussichtlich den konkreten Auftrag für die Gestaltung des Vorplatzes und die Verkehrsdrehscheibe, erteilen. Was fehlt, ist noch die Antwort auf die Frage, was mit den Brachflächen geschieht. Mit der Bahn sind wir wieder in Verhandlungen und versuchen zu klären, wo wir eine größtmögliche gemeinsame Basis für eine weitere Vorgehensweise haben. Uns ist es besonders wichtig, dass wir bei der Rahmenplanung Herr im eigenen Haus sind.

Frage: Bedeutet das, dass Sie daran interessiert sind, möglichst die gesamten Flächen in den Besitz der Stadt zu bringen?

Gabriele Bauer: Entweder das oder wir versuchen, gemeinsam mit den Bahn-Immobiliengesellschaften, die Dinge zu entwickeln. Was wir nicht möchten und das habe ich immer gesagt, ist, dass uns irgendetwas aufgedrängt wird, was die Stadt nicht möchte, sprich, großflächiger Einzelhandel.

Frage: Rosenheim steht gut da im Vergleich zu anderen Kommunen. Trotzdem muss gespart werden. Was muss auf der Strecke bleiben?

Gabriele Bauer: Das wird der Stadtrat entscheiden müssen. Wir haben Pflichtaufgeben zu erfüllen, bis 2013 unsere Krippenplätze, dringende Renovierungsarbeiten in den Schulen, wir müssen Planungen vorlegen, wie es mit dem Karolinen-Gymnasium weitergeht. Diese Mittel müssen zur Verfügung gestellt werden. Da bleibt wenig Spielraum. Wir denken aber, dass das Bürgerhaus in Happing genehmigungsfähig ist, die Planungen sind ja auf dem Weg.

Frage: Man hört immer wieder große Sorge über den Fortbestand des Projekts Soziale Stadt.

Gabriele Bauer: Das Projekt Soziale Stadt war immer als Bauthema angelegt, das heißt, es ist eigentlich ein Wohnbau- und Sanierungsprogramm. Wir haben über lange Zeit die Themen soziales Umfeld, Betreuung, Integration mit eingebaut, wussten aber immer, dass das Projekt zeitlich eingeschränkt ist. Es muss uns deshalb gelingen, bei den sozialen Themen das ehrenamtliche Engagement zu verstärken. Jedes Projekt innerhalb der Sozialen Stadt muss auf den Prüfstand gestellt werden. Die Mittel sind geringer geworden, der Verteilungsschlüssel ist aber noch nicht klar.

Frage: Die SPD-Bundestagsabgeordnete Angelika Graf hat gerade gerügt, die Bundesregierung gebe an, es stehe noch nicht fest, welche Straßenneubaumaßnahmen des Bundes im nächsten Jahr in Bayern begonnen werden. Gleichzeitig höre sie von der CSU ständig, dass es im nächsten Jahr leider keinen Baubeginn für die Westtangente geben könne, weil das ganze Geld schon verplant sei. Wie steht die Sache aus Ihrer Silcht?

Gabriele Bauer: Wir haben im Januar ein Gespräch im Bundesinnenministerium. Fakt ist, dass wir durch die Situation der langen Prozesse und des späten Urteils von Leipzig nicht mehr in die Planungen des Bundes reingekommen sind. Gleichzeitig muss man sich auch klarmachen, dass natürlich der Bund sehr interessiert ist an den Olympischen Spielen. Wenn Garmisch-Partenkirchen den Zuschlag bekommt, bin ich mir nicht so ganz sicher, wo dann die Mittel hinfließen. Verkehrsminister Ramsauer kennt aber die Situation hier vor Ort. Er weiß, dass wir dringenden Baubedarf haben. Wir werden alles daransetzen, dass wir möglichst rasch in eine Ausführungsphase kommen.

Frage: Erwarten Sie sich von dem Gespräch im Januar eine definitive Auskunft?

Gabriele Bauer: (Überlegt.) Ich möchte mal sagen: Eine Perspektive.

Frage: Sind sind jetzt seit knapp neun Jahren Oberbürgermeisterin in Rosenheim. Hat Sie das Amt verändert?

Gabriele Bauer: Ich denke, es hat mich ernster gemacht, im Sinne von nachdenklicher. Mir sind die Grenzen des Machbaren bewusster geworden. Früher habe ich die Dinge so nach dem Motto angepackt, "das muss doch gehen, das ist doch selbstverständlich". Heute sehe ich manches anders. Wenn etwa eine Forderung aus dem Stadrat in den Raum gestellt wird oder wenn ein Bürger sagt, das müsste man so und so machen, dann fahren in meinem Kopf "schwupp" sofort alle Antennen aus im Sinne von: Was könnte dem entgegenstehen? Und das habe ich früher nicht gehabt. Ich bin früher auf ein Ziel losgegangen in der wirklichen Überzeugung, das machen wir jetzt so. Heute, nach neun Jahren, weiß ich, wo die Stolpersteine sind. Diese Risikoabwägung, das kannte ich früher nicht. Und dadurch ist man nicht mehr so euphorisch oder positiv überzeugt. Das meine ich mit "ernster".

Frage: Wie verbringen Sie die Zeit zwischen den Jahren?

Gabriele Bauer: Ganz gemütlich zu Hause, wie immer. Bloß nichts an mich ranlassen, kochen, lesen, schlafen, dekorieren. Dekorieren, das macht mir großen Spaß.

Frage: Ihr großer Wunsch für das kommende Jahr?

Gabriele Bauer: Dass dieser Stadt nichts passiert. Das ist auch so ein Thema, was unglaublich tief in mir drin ist. Dass es keine negativen Großereignisse gibt, die Sorge, dass die Menschen sicher sind, dass sie weiter in einem guten Miteinander leben, das liegt mir ganz fest am Herzen. Weil ich mich so verantwortlich fühle, das ist ganz schlimm. Vielleicht ist das überzogen. Wenn ich beispielsweise über die Küpferlingstraße fahre und ich sehe etwas, das nicht dahin gehört, da fühle ich mich so persönlich betroffen wie auch auf der Landesgartenschau. Ich habe jeden krummen Halm persönlich genommen. Das bewegt mich. Viielleicht sollte man da mehr Abstand haben. Das schaffe ich immer noch nicht.

Frage: Was wäre für Sie das schönste Geschenk?

Gabriele Bauer: Für meine Stadt?

Frage: Für Sie.

Gabriele Bauer: Also für meine Stadt.

Frage: Sie sehen sich immer in Verbindung mit der Stadt?

Gabriele Bauer: Ich kann nicht anders. Ich wünsche mir, dass die Menschen zufrieden sind, dass Sie sagen, wir leben gerne in Rosenheim. Und dass die eine oder andere Schwäche, die es gibt, wo Menschen zusammenarbeiten, dass ein Fehler auch mal größeres Verständnis findet.

Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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