Koa Extrawurst fürn Prinzen

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Auch das gab es: Eine Riesengaudi auf dem Herbstfest 1951 war der Wasserskooter.

Rosenheim - Ja, ja - die Zeit vergeht. Monatelang haben die Rosenheimer auf die Jubiläums-Wiesn hingefiebert - und jetzt geht es schon wieder in den Endspurt.

Wohl selten ist an den Biertischen so viel über alte Zeiten geredet worden wie jetzt zum 150. Geburtstag des Herbstfestes.

Wann wurde die Inntalhalle nochmal gebaut? Wie viel kostete die Mass vor der Euro-Umstellung? Und wer war die erste Miss Herbstfest? Hier sind die Antworten.

1861: Es ist ein bescheidener Start mit dreitägiger Gewerbeschau und kleinem Volksfest im September, schon damals auf der Loretowiese. Dort steht nur ein einziges Karussell, das Pferderennen muss abgesagt werden, weil nur ein Traber kommt. Und das ist für ein Rennen zu wenig. Weil es in Strömen regnet, fällt obendrein das Feuerwerk ins Wasser.

1874: Das Fest mausert sich, dauert nun sechs Tage.

1888: Es wird noch Eintritt verlangt. 5600 Besucher zahlen. Unter anderem bestaunen sie den Extrazug der Salintorfbahn, lassen sich Regensburger Bratwürstl und Bier (30 Pfennig kostet der Liter) schmecken.

1895: Eine mit acht Elektromotoren betriebene Berg- und Talbahn ist das erste Fahrgeschäft, das unter Strom steht.

1898: Der Wittelsbacher Prinz Ludwig gibt Rosenheim die Ehre. Ob dem späteren König Ludwig III. eine Extrawurst kredenzt wird, ist nicht überliefert. In jedem Fall gibt es aber Extra-Bier. Im Auer-Zelt wird erstmals Wiesnmärzen, also speziell fürs Fest gebrautes Bier, ausgeschänkt. Das Fest wird an zehn Tagen im Mai mit sechs Zelten gefeiert.

1909: Der Toboggan, der erst drei Jahre zuvor seine Deutschland-Premiere gefeiert hat, ist die Sensation auf der Wiesn - und bleibt es bis 1960, ehe die lustige Förderband-Spiralrutschbahn in Vergessenheit gerät. Im Festzug: jede Menge Sulkys - Pferderennen sind angesagt.

1914: Das Fest wird abgesagt - der Erste Weltkrieg bricht aus. 16 Jahre gibt es keines mehr, die längste Pause in 150 Jahren Wiesn. "Krieg, Revolution und Inflation ließen viele Jahre keine Sehnsucht nach Belustigungen mehr aufkommen", schrieb unsere Zeitung.

1925: Die Remise der Flötzinger-Brauerei (erbaut 1882) feiert Premiere als Bierhalle. Insgesamt gibt es vier Bierbuden, darunter eine Weißbierhalle. Für Fahrspaß sorgen eine Grotten- und eine Gebirgsrodelbahn.

1928: Rosenheim hat jetzt 18.000 Einwohner, mehr als doppelt so viele (50.000) bestaunen den historischen Umzug zur 600-Jahr-Feier der Markterhebung.

1930: Es gibt keine Wiesn, aber es wird ein Meilenstein gesetzt: Am 13. März wird der Wirtschaftliche Verband Rosenheim (WV) gegründet.

1931: Der WV organisiert seine erste Wiesn - aus dem Volksfest wird das Herbstfest. Erstmals steht der "Skooter" - der Vorläufer des späteren "Autoscooter".

1934: Die Flötzinger-Bierhalle ist erweitert worden, auf der Rennbahn am Stöttenfeld (beim Friedhof) jagen Windhunde einem Elektrohasen hinterher und zwei Klassiker starten ihren Siegeszug: Erst kommt die Geister-, ein Jahr später die Achterbahn nach Rosenheim.

1937: Nach längerer Pause ist Auerbräu wieder dabei: das nahe der Loretokapelle aufgestellte, 32 auf 24 Meter große Zelt ist etwa halb so groß wie die Flötzinger-Bierresidenz.

1949: Ein turbulentes Jahr auch ohne Wiesn. Die Flötzinger-Remise brennt völlig nieder, der Wirtschaftliche Verband wird neu gegründet.

1950: Bei der ersten Nachkriegs-Wiesn schenken nur noch Flötzinger (im neuen Zelt) und Auer aus. Die Münchner Löwenbrauerei blitzt 1952 mit ihrem Antrag auf eine Bier-Lizenz für Rosenheim beim WV ab.

1951: Die Wiesn wird professioneller. Der WV gründet den Festausschuss, der die beliebten Kinder- und Märchenfestzüge etabliert. Vom "Wasserskooter" kann man das nicht behaupten: die Rosenheimer haben zwar ihren Spaß, der Fahrgastwechsel in den schwimmenden Zweisitzern ist aber kompliziert sowie Aufwand und Überschwemmungsgefahr groß.

1953: Nach der ersten Südostmesse - eine "Erfindung" des WV - verregnet es die Wiesn - das Herbstfest wird zur Schlammwüste. Das "Raketenprogramm" fürs Feuerwerk wird minutiös angekündigt: "Luftbombe mit Blitz und Donnerschlag, Feuerräder, Goldregen, Rose des Stadtwappens im Lichtfeuer dargestellt, Goldschlangen und Silberkreisel."

1954: Stadtverwaltung und WV haben die Kieswege geteert. Der Asphalt wird in den höchsten Tönen gelobt, das Auer-Zelt wird aufwändig herausgeputzt, der Eingang ist eine maßstabsgetreue Nachbildung des Mittertors.

1955: Es "brummt" auf dem Herbstfest - 30 000 und 40 000 Besucher, die am Samstag und Sonntag durch den neuen Haupteingang (eine Nachbildung des früheren Inntores) strömen, bedeuten einen neuen Auftakt-Rekord. Nur die Süßwarenverkäufer beklagen, das Verlangen nach Zuckerwatte und Lutschern, das in den Jahren der Währungsreform noch so groß gewesen sei, gehe zurück.

1958: Der Glückshafen bekommt ein Fundament und wird zum Dauerbrenner auf der Loretowiese. Der Neubau ersetzt den Pavillon, der bis dahin nur zur Wiesn aufgebaut wurde. Der Bierabsatz ist im Vergleich zu heute immer noch bescheiden. Ein Urgestein der "Dreder Musi" erinnert sich, dass damals ein "Hirsch" - so wurde ein 200-Liter-Fass voller Festmärzen genannt - an einem Tag nicht leergetrunken wurde, "weil halt nicht so viel los war".

Alle Informationen, Bilder und Videos zum Herbstfest finden sie hier

1961: Die Zelte der Auer- und Flötzinger-Brauerei bieten jetzt 4000 Menschen Platz, der neue Autoscooter von Distel wird in Rosenheim kirchlich geweiht.

1964: Neben dem 100. Geburtstag der Stadt wird gleich auch das 100-Jährige der Wiesn gefeiert, das eigentlich das 103-Jährige ist. Brathendl vom Grill wird zum Wiesn-Klassiker schlechthin.

1967: Apropos Klassiker. Nach Geister-, Achterbahn und Autoscooter feiert nun das Riesenrad (knapp 29 Meter hoch) seine Premiere.

1968: Die Auerbräu AG baut die Inntalhalle, die zum Schauplatz legendärer Amateur-Boxwettkämpfe wird und bis zur Eröffnung der Stadthalle (heute Kuko) 1982 Rosenheims einzige große Veranstaltungs- und Konzerthalle ist.

1970: Das Riesenrad ist jetzt schon 40 Meter hoch, die Gondeln lassen sich drehen - die Rosenheimer sind begeistert von den glänzenden Aussichten.

1972: Der schlichte Glückshafenbau wird ersetzt durch ein modernes Gebäude mit schwebendem Dreiecksdach - ganz im Stil des Münchner Olympiastadions.

1973: Jetzt ist es endgültig vorbei mit der "Wiesn". Das Gelände wird neu befestigt und asphaltiert.

1977: Der Vorstoß in eine neue Dimension. Nach rund 850 000 Besuchern 1976 strömen erstmals über eine Million Besucher aufs Festgelände und lassen sich für 4,50 Mark ein halbes Hendl schmecken.

1999: Das Ende des Dreiecks-Glückshafens. Im November bricht das Dach unter einer Schneelast ein.

2000: Die Achterbahn "Extrem" und der "Anton aus Tirol" drücken der Millenniums-Wiesn ihren Stempel auf - bayerische Blasmusik war gestern, die Jugend verlangt im dritten Jahrtausend nach "Satisfaction", will nach "Fürstenfeld", wählt "Rosis Nummer", tanzt zu "Griechischem Wein" auf den Tischen - oder setzt beim "Bobfahrerlied" zur Hosenboden-Polonnaise an.

2001: Die Wiesn-Mass kostet 9,80 Mark, so bewahrt der Euro die Rosenheimer vor einem Bierpreis mit zwei Ziffern vorm Komma. Petra aus Tuntenhausen ist die erste Miss Herbstfest - gewählt wird sie aber erst danach. Die Flötzinger-Brauerei präsentiert an der Westseite des Bierzeltes einen neuen Biergarten mit 900 Plätzen, der WV den neuen, ovalen Glückshafen. Zwei Tage nach Wiesnende kommt es zu den Terroranschlägen vom 11. September, die einen dunklen Schatten aufs Oktoberfest werfen. In München kommen eineinhalb Millionen Besucher weniger als 2000.

2002: Die erste Euro-Wiesn. Die Mass kostet jetzt zwar deutlich mehr als zu Mark-Zeiten, nämlich 5,60 Euro, dafür wird in den Bierburgen kein Toilettengeld mehr verlangt. Auerbräu erweitert den Biergarten um 500 Plätze, erstmals zapft eine Frau an - und wie: Mit nur drei Schlägen wuchtete Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer den Zapfhahn ins Fass - die Menge applaudierte, darunter Sabine Dörrer aus Hohenthann, die erste "echte" Miss Herbstfest.

2006: 54, 74, 90, 2010 - wenige Wochen nach dem Ende der Fußball-WM wird auch die Wiesn zum Sommermärchen. Und dort geht so hoch hinaus wie noch nie: 66 Meter hoch ist der Freifallturm, die Mass kostet jetzt 6,30 Euro.

2007: "Boarisch" ist bei der Jugend wieder groß in Mode. Dirndl und Leserhosen statt Jeans und Turnschuhe sind bei den Burschen und Madln angesagt. Mit der Schlagzeile "Tschüss Maß - servus Mass" wird die Schreibweise der bayerischen Sprache angepasst. Maß nehmen dürfen die Schneider der feschen Trachten, getrunken wird aber eine Mass!

2010: Zur ersten rauchfreien Wiesn mit den "Raucher-Rudeln" vor den Eingängen wird die Alfons-Döser-Gasse (benannt nach dem langjährigen WV-Vorsitzenden) eröffnet - eine Querverbindung, die für Fluss im Herbstfest-Trubel sorgt.

2011: Zum Jubiläum geht es erstmals schon am Freitag los. Noch bis Sonntag dauert das Spektakel zum 150-Jährigen. Und dann? Dann freuen sich die Rosenheimer schon auf den nächsten runden Geburtstag, den 2012 wird das 80. Herbstfest gefeiert.

Ludwig Simeth (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: Herbstfest Rosenheim

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